Licht im Tunnel: Der helle Raum
Michelle Steinbeck über mütterliche Lichtblitze
Zurzeit verbringe ich viel Zeit auf dem Sofa. Während ich daliege und stille, lese ich Bücher von Müttern, die auf ihrem Sofa liegen und stillen. Die New Yorkerin Kate Zambreno bekommt ihr zweites Kind zu Beginn der Coronapandemie. Sie hat keinen Mutterschaftsurlaub, die Kita ihrer Vierjährigen ist geschlossen. Sie blutet und stillt, bereitet dazu Univorlesungen vor, die sie über Zoom vor schwarzen Vierecken halten wird, während aus dem Nebenraum die Töchter nach ihr rufen.
Der Enge und Schwere versucht sie mit Licht und Ordnung beizukommen; dem kollektiven Trauma, in dem die Kinder aufwachsen, mit Montessori-Bastelideen und deutschen Holztierfiguren. Während die Wohnung immer gedrängter wird, findet sie Weite in den Werken von Künstler:innen, die sich wünschen, «im Kaputten und Ungeliebten […] Schönheit und Freude zu entdecken». Etwa David Wojnarowicz, der angesichts von Naturzerstörung, Krieg und Aids auf der politischen Relevanz dieser Schönheit beharrt: «Damit wir – als Kunstschaffende, als Menschen im Überlebenskampf – sie abermals erfahren können.» So kreisen Zambrenos poetische Meditationen des Alltags mit kleinen Kindern, wo die Müdigkeit «wie vergoldet» schimmert und auf Babywangen «rosa Fieberblumen» blühen, auch um das Herausfinden, «was man der Trauer an Schönheit abgewinnen kann».
Ich lese es auch als Buch über die Gewalt des Kapitalismus, der einer Wöchnerin keine Zeit zum Heilen lässt, der Eltern zur äussersten Erschöpfung treibt. Wo die gemeinschaftlich organisierte, gegenseitige Unterstützung vor allem dazu dient, «arbeitsfähig zu bleiben, denn arbeitsfähig müssen sie immerzu sein». Der Geldstress wird sichtbar an zu kleinen Kinderkleidern – sobald eine Zahlung eingeht, werden neue gekauft. Zambreno denkt nach über «die Geschichte der progressiven Erziehung, […] deren sozialistische Wurzeln» und was daraus geworden ist. Das Montessori-System mit dem Versprechen von ästhetischer Ordnung führt schliesslich zu Ernüchterung: «Viele Regale und Körbe […] Unter jedem Möbelstück stehen Körbe […] Diverser Kram, ein anderes Wort für umfunktionierten Müll.» Und auf das Erinnerungsmail der teuren Steiner-Schule, die wegen neuer Virusvarianten meist geschlossen bleibt – «Vergesst nicht, die Magie am Leben zu erhalten» –, entgegnet Zambreno wütend: «Na super, noch mehr Magie, die alle mütterliche Zeit und Fürsorge auslöscht wie der Weihnachtsmann oder der Osterhase.»
Die Anstrengung hinterlässt Spuren. So sorgt sich Zambreno um Lichtblitze, die immer wieder in ihrem Sichtfeld auftauchen. In einem Stillforum findet sie einen alten Thread, «Sterne sehen»: «So ähnlich wie Lametta? […] Genau! Wie winzige, schwebende Lamettafäden.» Auch ich kenne das, finde die Beschreibung vom ersten Mal in meinen Notizen: «ich arbeite während ich stille während das baby auf mir schläft während er im stubenwagen bläterlet / ich arbeite doppelt und dreifach und abends wie ich mir noch hastig ein rüebli schäle für die vitamine mit dem schlechten schäler weil der andere verschwunden ist / fangen mir die augen an zu flimmern / es wird immer schlimmer die linke seite total kaleidoskop / meine peripheral vision ist ein rummelplatz / eine lightshow / ein special effekt / ich leg mich hin es wird nicht besser ich google vielleicht ein schlaganfall ich stille / ich nehme mir vor weniger zu arbeiten».
Michelle Steinbeck ist Autorin. «Der helle Raum» von Kate Zambreno erschien 2025 im Zürcher Aki-Verlag.