Licht im Tunnel: Gugus, dada!

Nr. 49 –

Michelle Steinbeck über den Nichtort

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«Sorry I Gave Birth I Disappeared But Now I’m Back». Die Hebamme, die das Buch der ungarischen Künstlerin Andi Gáldi Vinkó beim Hausbesuch neben dem Sofa liegen sieht und den Titel vorliest, versteht den Witz nicht: «Wieso ‹disappeared›? Das ist doch das Gegenteil von Verschwinden.» Der hochschwangere Bauch auf dem Cover unterstreicht die Ironie: Hier wird ein Körper vielmehr riesig, nimmt ungeahnten Platz ein – so wie das neue Leben, das alles Bekannte verdrängt, alles verwandelt. Ich versuche zu erklären: «Sie meint wohl als Künstlerin, weg vom Fenster.»

Tatsächlich geht es darüber hinaus: Die Transformation zur Mutterschaft lässt uns aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden. Auf Englisch heisst Mutterschaftsurlaub «leave» – Schwangere gehen weg und kommen ohne Bauch wieder. Was dazwischen passiert ist, die ungeheure Metamorphose, das bleibt eine Art Geheimnis; unaussprechlich. Selbst wer es am eigenen Leib erlebt, vergisst laufend, wie ein Zauber. Die dänische Autorin Olga Ravn schreibt in «Meine Arbeit» über die Aufzeichnungen nach ihrer ersten Geburt: «Ich erinnere mich nicht daran, auch nur irgendetwas davon geschrieben zu haben. Wäre da nicht meine eigene Handschrift, ich hätte glauben können, das alles stammte von einer Fremden.»

Nur Hebammen bewegen sich sicher in dieser Leerstelle, die um Geburt und Wochenbett aufgeht. Sie wissen um die volle Präsenz, wo alle anderen Abwesenheit sehen. Zufällig stosse ich auf die etymologische Bedeutung des Wortes «Utopie»: Nichtort. Das passt, auch zum plötzlichen Fehlen von Worten, was das Teilen dieser Erfahrung erschwert, wie die Berliner Autorin Paulina Czienskowski beschreibt. Verschwinden in Wortlosigkeit. Vielleicht hat es damit zu tun, wenn Vinkó fragt: «How can something so universal as motherhood be so lonely?» – Wie kann etwas so Universelles wie die Mutterschaft so einsam sein?

Zum Glück begleiten mich Bücher von Künstlerinnen, die ihre Reise an den Nichtort dokumentieren. Es sind fragmentarische, suchende Werke. «Work in progress» nennt Vinkó ihre Fotografien, «über das Werden, Verstehen und Erinnern». Die Bilder zeigen Körper, aber auch Gegenstände des Nichtorts: Nuggis in Kochtöpfen, blutige Stillhütchen, ausgelaufene Windeln, Waschberge, winzige Fingernägel, im Schlaf geschnitten. Dazwischen einzelne Sätze, Fragen, die es in sich haben: «Was hast du den ganzen Tag gemacht?»

Wie sehr wir es verinnerlicht haben: die Verachtung von Mutterschaft als unproduktive Zeit. In den vergangenen vierzehn Wochen habe ich etwa 1500-mal gestillt. Zwischen dem Schreiben dieser Kolumne Dutzende Male. 42 Stunden pro Woche. Was ist Arbeit? Was ist Kunst? Das Wort «stillen» kommt in Olga Ravns Roman so oft vor, dass auffällt, wie es sonst nirgends vorkommt. Und so bergen diese Bücher, in denen Mütter gegen ihr Verschwinden anschreiben, auch einen Zauber: Sie überwinden die Isolation – ihre eigene wie meine. Vinkós Buch endet mit dem verwackelten Bild eines schwangeren Bauchs mit Händen von mehreren Freundinnen drauf. Utopie.

Und die Realität? Zum Beispiel dieses Reel: «Wenn du das erste Mal seit Baby deine beste Freundin triffst». Zwei sitzen sich gegenüber, schwatzen, die neue Mutter lacht: «Ich bin gar nicht mal so übernächtigt!» Schnitt – tatsächlich sitzt sie allein da, umarmt die Luft, halluziniert. Ich sitze allein vor dem Laptop und lache in die Stille. I’m back!

Michelle Steinbeck ist Autorin, irgendwie zurück aus dem «Mutterschaftsurlaub», der hierzulande barbarisch kurz ist.