Film: Von Anfang an besessen
Hyperpop mit Emily Brontë? Das literarische Ungetüm «Wuthering Heights» wird in der Verfilmung von Emerald Fennell zur übersteuerten Romanze über Besitz und Klasse.
So einfach, so kompliziert: «My darling pain», haucht Heathcliff gegen Ende, doch die Angesprochene, sein Schmerzschatz Cathy, hört ihn nicht. Drei Wörter, in denen schon sehr viel von dem steckt, was Emerald Fennell alles richtig macht in ihrer grandios übersteuerten Version von «Wuthering Heights».
Schmerz und Liebe also, untrennbar ineinander verknotet, und davor, genauso wichtig, ein besitzanzeigendes Pronomen: Knapper kann man eigentlich nicht umreissen, was Emily Brontë in ihrem einzigen, ihrem einzigartigen Roman von 1847 auffächert. Dabei kommen diese Worte im Buch gar nicht vor. «My darling pain» ist zwar Originaltext von Emily Brontë, aber nicht aus dem Roman, sondern aus einem ihrer Gedichte. Wenn Emerald Fennell also beteuert, sie habe «Wuthering Heights» so verfilmt, wie es sich ihr als jugendlicher Leserin damals eingeprägt habe, so ist das nicht etwa eine vorbeugende Entschuldigung, sondern schieres Understatement. Die Autorin und Regisseurin hat ihre Hausaufgaben im Brontë-Seminar gemacht.
Dabei hat Fennell den Stoff und die Figuren sehr frei zurechtgestutzt, wie schon Andrea Arnold in der letzten grossen Verfilmung von 2011. Ansonsten aber macht sie fast alles anders als Arnold, die den Roman damals in einer rohen, widerspenstigen Sinnlichkeit radikal verdichtete. In der Hyperpop-Version von Emerald Fennell ist alles viel grösser, lauter, geiler. Zwei Superstars in den Hauptrollen, die Ausstattung von geradezu grotesker Extravaganz, auf der Tonspur nicht die naturalistischen Atmosphären von Wind und Wetter, sondern Charli XCX mit Streichorchester – und Bilder wie dazu gemacht, als Hochglanzposter die Mädchenzimmer dieser Welt zu tapezieren (Jacob Elordi als Heathcliff hoch zu Ross vor blutrotem Himmel, Margot Robbie als Cathy auf einem riesigen herzförmigen Felsen drapiert).
Sex mit rohen Eiern
Schon das allererste Bild macht mit einem frivolen Gag deutlich: Sex/Tod und Lust/Schmerz, das sind die Achsen, auf denen das Liebesdrama hier seinen Lauf nimmt. Natürlich gibts da auch die quasipornografischen Schlüsselreize, die Fennell genüsslich ausbreitet, in der Küche, im Bett und anderswo. Alles ist sexuell aufgeladen, Schweinsfüsse und rohe Eier, der Teig, der geknetet, und die Gelatine, die penetriert wird. Dass der Film das Begehren so überexplizit herausstellt, wie das bei Brontë damals noch undenkbar war: fair enough.
Viel entscheidender ist aber, was dem allem materiell vorausgeht. Es sind, wie schon in Fennells High-Society-Satire «Saltburn» (2023), die Besitz- und damit die Klassenverhältnisse. Wobei «Wuthering Heights» der viel bessere Film ist.
Die Lust am Schmerz, die seelische Grausamkeit: Das ist es, was Cathy und Heathcliff auseinandertreibt und was die beiden zugleich unauflöslich aneinanderkettet. Und dieses Verhängnis leitet der Film nun eben sehr präzise aus den Umständen her, unter denen Heathcliff als Bub auf das Anwesen gebracht wird, das ja schon im Buch eigenartig hermetisch wirkt. Cathys Vater, ein Gutsherr von verarmtem Landadel, hat das Kind im Suff auf der Strasse aufgelesen – ein Akt der Wohltätigkeit, woraus der Alte dann auch sein Recht ableitet, den Jungen, den er gerettet hat, nach Belieben zu züchtigen.
Nicht einfach toxisch
Der Bub (gespielt von Owen Cooper aus «Adolescence») kommt also als Fundsache nach Wuthering Heights, als Privatbesitz des Hauses – schon als Kind ist er buchstäblich ein Besessener. Gedacht ist er als Spielkamerad für Tochter Cathy, als Ersatzbruder oder, wie es im Film heisst: als Haustier. Im Film ist es Cathy selbst, die den Jungen auf den Namen Heathcliff tauft, nach ihrem verstorbenen Bruder. So wird sie später auch ihren ewigen Anspruch auf Heathcliff begründen: «Ich habe ihm den Namen gegeben. Er gehört mir.»
Auch wenn der Look des Films vielleicht dazu verleitet, mit solchen modischen Begriffen zu hantieren: Was in der unmöglichen Liebe zwischen Cathy und Heathcliff bis zum bitteren Ende durchexerziert wird, sind eben nicht einfach toxische Beziehungsmuster, wie man das heute nennt. Jenseits ihrer Lust an geilen Bildern, die sie so ungeniert auslebt, macht Emerald Fennell immer auch die sozialen Antagonismen kenntlich. Gewalt und Erniedrigung, Besitz- und Herrschaftsbeziehungen: Das alles bestimmt das Verhältnis zwischen der Gutsherrentochter und dem Findelkind von Anfang an auf so fundamentale Weise, dass sie auch später nicht davon loskommen, als sie es im verbotenen Sex zu sublimieren versuchen.
So hat auch der auffälligste Eingriff, mit dem sich die Regisseurin schon einen kleinen Shitstorm eingehandelt hatte, eine gewisse Logik. Vom Aussehen her sei er «ein dunkelhäutiger Zigeuner», so wird Heathcliff im Roman eingeführt – wobei die Figur in den Verfilmungen dann doch fast immer weiss besetzt wurde. Fennell hat nun diese Zuschreibung nicht einfach getilgt, sondern beiläufig auf den reichen Nachbarn verschoben, den Cathy heiratet, gespielt von Shazad Latif.
Spielt das eine Rolle? Mit dem Fokus auf Besitz und Klasse leuchtet es jedenfalls ein. Der Nachbar mit Märchenschloss ist immer die bessere Partie – Heathcliff dagegen kann als Findelkind ungeklärter Herkunft nie gut genug sein, ob er nun weiss ist oder nicht.
«Wuthering Heights». Regie und Drehbuch: Emerald Fennell. England/USA 2026. Jetzt im Kino.