Nr. 41/2016 vom 13.10.2016

Eine Ikone auf Mezcal und Adrenalin

Eine Perspektive, wo keine ist: Der neue Film von Andrea Arnold («Fish Tank») ist ein Roadmovie über Amerikas prekarisierte Jugend.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Niemandes Stern: Star (Sasha Lane) schliesst sich einer fahrenden Kommune samt Schlachtrufen und rituellen Bestrafungen an. Still aus dem besprochenen Film

Dieses elektrisierende Bild! Eine junge Frau von hinten, die Dreadlocks zusammengebunden, die Hand in Jubelpose in den Himmel, blau wie das Sternenbanner, gereckt. Ihr Mund steht offen, der Blick geht nach links in die Weite, das bisschen Stoff ihres gelben Tops ist vom Wind zerzaust. Es ist ein Bild, das Stolz und Übermut verheisst, die provokative Ungebundenheit der Jugend: ein entfesseltes Partymädchen als politische Ikone.

Es ist das Plakat zu «American Honey», aber im Film bekommt die Szene dann etwas Bitteres. Star (Sasha Lane), so heisst diese junge Frau, steht da in einem geklauten weissen Cabrio, sie ist high auf Adrenalin und Mezcal, und so schreit sie jetzt ihr Glück in den Fahrtwind, weil sie, mit einer aufreizenden Nummer an der Grenze zur Selbstgefährdung, gerade 400 Dollar verbucht hat, als Hausiererin bei drei steinreichen älteren Ranchern. 400 Dollar bares Niedriglohnglück, wovon sie dann 25 Prozent als Provision behalten darf. Die stolze Ikone vom Plakat also: auch nur eine Galionsfigur des nomadischen Prekariats.

Die britische Regisseurin Andrea Arnold zeigte zuletzt mit «Wuthering Heights» (2011), wie man die Gattung der Literaturverfilmung vom Muff des Kostümkinos befreit. Jetzt hat sie zum ersten Mal im Ausland gedreht, und schon das Bildformat, das sie für «American Honey» gewählt hat, ist eine kleine Provokation für ein Roadmovie in der Heimat des Westerns: nicht Widescreen, sondern das schmalere alte Academy-Format. So gestutzt, machen die Bilder keine Versprechungen, die das Land der begrenzten Möglichkeiten ohnehin nicht halten kann.

Mit Rihanna im Supermarkt

Der amerikanische Traum ist hier nur noch eine Beschwörungsformel aus besseren Zeiten, deren Zauber schon lange nicht mehr funktioniert, ganz ähnlich wie der Name der jugendlichen Protagonistin: Star, dabei ist sie niemandes Stern. In der allerersten Szene sehen wir sie durch einen Container waten, wo sie den Müll nach Essbarem durchsucht, für sich und ihre beiden Halbgeschwister. Zu Hause wartet ein Mann, den sie «Daddy» nennt, der sie aber anfasst, als sei sie nur seine Affäre. Kaputte Familien, White Trash, bloss dass Star nicht mal richtig weiss ist.

Dann sieht sie plötzlich eine Perspektive, wo keine ist. Ein dunkler Van kreuzt ihren Weg, voll bepackt mit jungen Menschen, die dann im Supermarkt zu schlechtem Techno von Rihanna auf dem Kassentresen tanzen, bis die Security kommt: «I found love in a hopeless place.» Mittendrin in dieser wilden Truppe, wie verkleidet in seiner schlecht sitzenden Nadelstreifenhose: Jake, mit nervöser Intensität gespielt von Shia LaBeouf. Er hat das Charisma eines Bandenchefs, dabei ist er nur Rekrutierungsgehilfe und ansonsten der Schosshund seiner Chefin Krystal, für die er mit Zeitschriftenabos hausieren geht, wie alle anderen in dieser Gang.

Es geht dann natürlich, siehe Rihanna, vor allem auch um die Liebe, und weil von «American Honey» eine so rohe, sinnliche Energie ausgeht, ist man schnell mit dem Befund zur Hand: Aha, Generationenporträt! Dabei ist das weniger ein Porträt als eine soziale Utopie, was Andrea Arnold hier skizziert, in einer impressionistischen Erzählweise, weitgehend improvisiert und mit einem Ensemble aus fast lauter unbekannten jungen Gesichtern. Das wirkt manchmal wie ein Gegenentwurf zu «Spring Breakers» (2012) von Harmony Korine: dort die überspitzte Groteske eines jugendlichen Amerikas, das den Befehl zum Hedonismus so blindlings befolgt, bis er in Gewalt kippt, hier der Sozialrealismus um diese Bande junger Leute, die als mobile Verkaufstruppe eine alternative Form von Gemeinsinn proben, weil Zugehörigkeit anders nirgends zu haben ist. Oder wie Star von Jake geködert wird: «Wir arbeiten nicht nur. Wir erkunden Amerika, irgendwie.»

Ein neuer Tribalismus

Star schliesst sich also dieser fahrenden Kommune an, die in den Ritzen eines beschleunigten, virtuell gewordenen Kapitalismus nach traditionellem Schema operiert, von Tür zu Tür, von Angesicht zu Angesicht. Und findet sich in einer Ersatzfamilie wieder, die angesichts der ungeordneten Verhältnisse draussen nach ihrer eigenen Ordnung lebt – mit allen Ambivalenzen, die so eine eingeschworene Gemeinschaft mit sich bringt, samt ihren Schlachtrufen und rituellen Bestrafungen.

Darin liegt die politische Kraft dieses Films, der scheinbar so ziellos wie diese Kommune durchs amerikanische Heartland steuert, 163 Minuten lang: «American Honey» zeigt, wie sich am unteren Rand der Gesellschaft ein neuer Tribalismus bildet unter jenen, auf die kein Job wartet und schon gar keine Karriere. Es ist eine nomadische Stammeskultur, an der wir zusammen mit Star hier teilhaben: die Parallelgesellschaft einer prekarisierten Jugend, die den amerikanischen Traum bestenfalls vom Hörensagen kennt, nicht als gültigen Mythos vom selbst fabrizierten Glück – und ihm ein eigenes Verständnis von Freiheit und Zugehörigkeit entgegensetzt.

«Was ist dein Traum?», will Jake einmal von Star wissen, und da merkt sie erst: Das hat sie noch gar nie jemand gefragt.

Ab 13. Oktober 2016 im Kino.

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