Schmidheiny-Prozess: Absurde Zurückweisung
Das italienische Kassationsgericht in Rom verhandelte letzte Woche gegen den Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny. In der Turiner Vorinstanz war dieser als Verantwortlicher für den durch Asbest verursachten Tod von 91 Menschen in der piemontesischen Kleinstadt Casale Monferrato verurteilt worden und dagegen in Berufung gegangen.
Doch zu einem neuen Urteil kam das Kassationsgericht nicht. Stattdessen verwies es den Fall zurück ans Berufungsschwurgericht in Turin – mit einer einigermassen absurden Begründung. Das Berufungsschwurgericht hatte schlicht versäumt, das Urteil gegen den früheren Miteigner und Chef des Eternit-Konzerns ins Deutsche übersetzen zu lassen. Wegen schwerer fahrlässiger Tötung waren in Turin letztes Jahr neuneinhalb Jahre Haft gegen den 78-Jährigen verhängt worden, doch das Kassationsgericht befand nun: Das Urteil sei nicht gültig. Erst müsse Schmidheiny die Übersetzung erhalten. Erst dann wird sich das Kassationsgericht erneut mit der Berufung befassen.
Der Eternit-Konzern unterhielt bis zur Stilllegung im Jahr 1986 im 30 000-Einwohner-Städtchen Casale Monferrato seinen wichtigsten Produktionsstandort. Die Folge war die systematische Verseuchung der Belegschaft ebenso wie der Einwohner:innen der Stadt mit Asbestmikrofasern. Allein für die Jahre 1990 bis 2018 zählt die Vereinigung der Opferfamilien Afeva 1254 Todesopfer; die meisten von ihnen starben am tückischen, fast immer durch Asbest ausgelösten Tumor Mesotheliom.
Schmidheiny musste sich von der italienischen Justiz vorwerfen lassen, er habe schon lange vor der Werkschliessung 1986 von der Gefahr gewusst, die vom Asbest ausgegangen sei. In einem ersten, 2009 begonnenen Prozess wurde er deshalb wegen vorsätzlicher Tötung in 392 Fällen zu achtzehn Jahren Haft verurteilt, doch dieses Urteil wurde 2014 vom Kassationsgericht wegen Verjährung der Taten gekippt. 2020 begann dann der neue, immer noch laufende Prozess, bei dem es um 91 Fälle geht, die noch nicht verjährt sind. Sieben der Betroffenen waren Eternit-Arbeiter, die anderen 84 Bürger:innen Casale Monferratos.