Trumps Maga-Faschismus: Der Körper als Waffe
In Trumps USA verschmelzen Gewalt, Ideologie und sexualisierte Männlichkeitsbilder zu einer Machtästhetik, die die Demokratie aushöhlt.
Über die Frage, ob die USA unter Donald Trump in den Faschismus abgleiten, wurde bereits in seiner ersten Amtszeit von 2017 bis 2021 debattiert. Die meisten Beobachter:innen wiesen diese historische Parallele damals aber zurück; die Demokratieverachtung Trumps schien einfach zu unorganisiert, zu unsystematisch, zu willkürlich.
In seiner zweiten Amtszeit hat sich dies geändert. Sie war von Beginn an sehr viel organisierter in der Art und Weise, wie der demokratische Rechtsstaat zerlegt wird. Sie ist von viel mehr Ideologie durchdrungen, was sich etwa in der imperialen Aussenpolitik zeigt, die auch den Krieg gegen den Iran erklären kann. Gewalt und Unterdrückung spielen eine bedeutende Rolle. Die Zuschreibung «faschistisch» scheint nun deutlich treffender.
Aber was bedeutet das? Der Faschismus hat verschiedene Komponenten: Es ist eine Form der Herrschaft, die unbedingten Gehorsam erfordert, eine strikte Hierarchie vorgibt, Krieg als Ideal sieht und die Militarisierung von Politik und Gesellschaft zur Folge hat. Faschismus kennt keine Parteien, nur Feinde. Das sind die äusseren Faktoren.
Im Inneren, und das ist besonders unheimlich, werden zugleich tiefere Triebstrukturen, Gelüste und Begierden deutlich, die im rationalen Weltentwurf der Demokratien verdrängt sind. In der Demokratie regiert, der Theorie nach, der Beste, nicht der Stärkste. Der Faschismus hebelt diese Rationalität aus: durch eine emotionale Energie, die stärker ist, archaischer auch und mit Stolz primitiver als die Raffinesse der Demokratie.
Entmenschlichte Kampfmaschinen
Das wurde in den USA seit Beginn des Jahres etwa auf den Strassen von Minneapolis im Bundesstaat Minnesota deutlich: Der Einwanderungspolizei und Schocktruppe ICE, über die Trump wie eine Art Privatarmee verfügt, und dem Regime des Präsidenten geht es dort nicht nur um Gewalt, die ihre Herrschaft untermauern und unberechenbar sein soll, einschüchternd, tödlich. Es geht auch darum, dass die Bilder der Gewalt und vor allem der Täter eine Botschaft haben, die tiefe Triebstrukturen betreffen: «Wir sind Männer», das ist die Botschaft. «Wir bilden eine Armee, die gesichtslos ist, der reine Körper.»
Diese Körperlichkeit, die grotesk überzeichnete Maskulinität der maskierten Soldaten, die mit Waffen, Pfeffersprays und Fesseln behängt wie automatisierte und entmenschlichte Kampfmaschinen wirken, diese Körperlichkeit schafft Angst nach aussen und Zusammenhalt nach innen. Die Energie, die hier entsteht, ist wie im Faschismus des 20. Jahrhunderts eine Energie, die Gewalt auf dunkle Weise mit Erotik verbindet – Faschismus ist eine Ideologie der Triebe.
Diese Ideologie braucht die Macht der Bilder: Bilder, die Stärke feiern, die eine physische Hierarchie etablieren, die die Welt teilen in die Starken und die Schwachen, in uns und die, Freunde und Feinde. Faschismus ist eine Herrschaft der Bilder, die mit der Macht der Körper operieren und durchdrungen sind von Sex.
Der Autor, der diese Dynamik von Männlichkeit und Faschismus wohl am besten beschrieben hat, ist der Deutsche Klaus Theweleit, der in seinem vor mehr als fünfzig Jahren erschienenen Klassiker «Männerphantasien» die sexualisierte Dimension der faschistischen Gewalt beschreibt: Der kriegerische Körper, schreibt er, sei kein unterdrücktes Begehren, keine verdrängte Sexualität – das gepanzerte Ich der eigentliche Ausdruck des Begehrens.
Anders gesagt: Sexualität, Lust, Begierde haben im Faschismus eine soziale, ordnende Funktion – es hilft, Menschen in Freunde und Feinde zu sortieren, Gruppen zu definieren und Gruppendynamiken zu verstärken, eine Form von Verbundenheit herzustellen, die letztlich auf die Aufgabe des Individuums und des individuellen Willens abzielt. Das Beispiel Theweleits sind die Freikorps des frühen 20. Jahrhunderts, die eine Vorform des Faschismus repräsentierten – die verletzte deutsche Männlichkeit der Verlierer des Ersten Weltkriegs wurde umgeformt in erotisierte oder erotisierende Verschworenheit.
Was Theweleit in «Männerphantasien» aus Briefen und anderen Selbstzeugnissen der Freikorps-Bewegung destilliert, ist die Einsicht, dass der faschistische Körper kein Innen kennt, keine Psychologie, letztlich nicht mal Wut, Emotion, Motivation. Das Ich, das für solche Gefühle notwendig ist, löst sich auf, verschwindet – so wie die ICE-Krieger hinter ihrer Maske, in ihren Uniformen eins werden, sich auflösen in der Gruppe und in der Aktion. Theweleit zeigt: Faschismus ist reine Tat, der faschistische Mann ist als Täter ganz er selbst.
Theweleit markiert damit auch die Differenz zur Sexualphilosophie von Sigmund Freud, die lange dominant war. Freud erklärte die faschistische Massenbildung durch Libidobindung: Die Einzelnen übertragen ihre erotische Energie auf den Führer und identifizieren sich mit ihm als Ich-Ideal. Der Faschismus funktioniert für Freud wie eine erzwungene Verliebtheit – der Führer ersetzt das individuelle Über-Ich. Repression und Sublimierung, also Umlenken, der Sexualität erzeugen Aggressionspotenzial, das sich nach aussen – gegen Feinde, Minderheiten – wendet.
Theweleit lehnt diese Erklärung ab: Für ihn ist der faschistische Mann gekennzeichnet durch die Angst vor der Auflösung – Frauen, Kommunist:innen, Massen erscheinen ihm bedrohlich, weil sie die fragile Ich-Grenze zum Schmelzen bringen. Die faschistische Gewalt ist damit kein Umweg der Sexualität, sondern direkte Lust – die Gewalt selbst ist das Befriedigende, weil sie die Körpergrenze befestigt. So werden bestimmte Männer zu Tötungsmaschinen geformt.
Diese Dynamik ist heute wie im italienischen und deutschen Faschismus des 20. Jahrhunderts oft homoerotisch animiert: Der inzwischen abgesetzte ICE-Kommandeur Greg Bovino etwa posierte gern in einer so männerbündischen Pose und mit einem klar an der Nazimode orientierten langen Lodenmantel, dass man nur kurz die Augen schliessen muss, dann sieht man die Schergen der SA und der SS in ihrer sexualisierten Brutalität.
Fox-News-Dominas
Die Erotik unter Männern wird – wie im 20. Jahrhundert – verbunden mit einem traditionellen Frauenbild. In den USA von Donald Trump hat sich diese Ästhetik massgeblich durch den extrem rechten Fernsehsender Fox News gebildet und verstärkt: Es ist eine bestimmte Form und Vision von Weiblichkeit, die alle Bereiche des Trump-Regimes prägt. Von der Justizministerin Pam Bondi über Trumps Sprecherin Karoline Leavitt bis zur kürzlich entlassenen Beauftragten für Sicherheit und Heimatschutz, Kristi Noem.
Diese Frauen sind Frau-Frauen, so wie die ICE-Krieger Mann-Männer sind: nuancenfrei, häufig blondiert, makellos frisiert, attraktiv bis begehrenswert, relativ uniform im Gestus der Schönheitswettbewerbe, die Donald Trump lange organisierte. Die Aura der Miss USA triumphiert über klassische Massstäbe von Kompetenz oder Meritokratie, also gesellschaftlichen Rang durch individuelle Leistung.
Auch das ist gewollt: Meritokratie – die Annahme, dass es jeder schaffen kann, selbst bis ins Weisse Haus, wenn er oder sie nur schlau genug ist und hart genug arbeitet – ist jenes Ideal, das unter anderem der frühere Präsident Barack Obama verkörperte. Gegen ihn und seinesgleichen wendete sich die Maga-Revolution, und die sexualisierte Form von Politik spielte dabei eine wichtige Rolle. Das erotische Ideal, das die Trump-Frauen symbolisieren, ist nicht nur weiss, schlank, sportlich. Es ist auch das Ideal jenes Teils der USA, der lange verlacht und ignoriert wurde: des in vielem so rückständigen Südens mit Staaten wie Tennessee oder Alabama.
Die dominante Sexualität von Kristi Noem etwa produzierte eine erotisierte Aggression in unterschiedliche Richtungen: Weltweit bekannt wurde sie durch ihre Bilder aus einem Gefängnis in El Salvador, wo sie mit strengem Busen und 50 000-Dollar-Rolex vor halb nackten Häftlingen posierte, die auf ihre Körper reduziert waren – entindividualisiert, inszeniert als Bestien, die unterdrückt werden müssen, um die Ordnung zu sichern.
Noems Sexualität richtete sich aber auch gegen all die Liberalen, die vor dieser Form von Erotik zurückschrecken, und gegen die politischen Forderungen, die sie tragen: Die Frau-Frau Noem ist die sexualisierte Umsetzung der Transfeindlichkeit der Maga-Bewegung. Sie führt vor, was eine Frau ist, wie die ICE-Krieger zeigen, was ein Mann ist: Jäger, Waffe, Unterwerfer. Es gibt nur zwei Geschlechter, wie sie in überzeichneter Darstellung vorführen, die im Extrem funktionieren.
Die Sexualisierung der Politik, wie sie unter Donald Trump geschieht, ist damit kein Zufall, kein Beiwerk – sie ist der Wesenskern eines neuen Faschismus, der aus der Logik des alten Faschismus geboren ist und der Irrationalität an die Stelle der Vernunft setzt. Leben ist hier Dominanz, Schönheit wird zur Unterwerfungsgeste, der Körper wird zur ambivalenten Verlockung und Gefahr.
Die Demokratie hat die Diversität als Ideal, der Faschismus die Homogenität. Der Widerstand gegen den Faschismus ist damit immer auch ein ästhetischer. Im Beharren auf der Verschiedenheit von Schönheit, auf der Unterschiedlichkeit der Körper, auf der Individualität der Lebensentwürfe zeigt sich der demokratische Geist und Gestus.