Ladino : Die Archivarin von Istanbul
Weniger als 200 000 Menschen weltweit sprechen Ladino. Karen Şarhon ist eine von ihnen. Um die Sprache am Leben zu halten, bringt sie die weltweit einzige Zeitung auf Ladino heraus. Zu Besuch bei einer Frau, die noch nicht loslassen will.
Der Atem einer Sprache sind die Menschen, die sie sprechen. Karen Şarhon weiss, dass ihre Sprache keinen langen Atem mehr haben wird. Sie gehört zu den wenigen Hundert Istanbuler:innen, die noch Ladino können – die Sprache der sephardischen Jüdinnen und Juden. Diese wurden im 15. Jahrhundert von der Iberischen Halbinsel vertrieben: Die katholischen Könige Spaniens wollten ein rein christliches Königreich schaffen und zwangen die jüdische Bevölkerung zur Konversion oder verbannten sie aus dem Land. Zwischen 100 000 und 200 000 Juden und Jüdinnen waren laut Schätzungen von der Vertreibung betroffen. Viele von ihnen flohen ins Osmanische Reich, wo sie willkommen geheissen wurden. Heute leben in der Türkei noch etwa 15 000 jüdische Einwohner:innen. Nur die wenigsten und die ältesten sprechen noch Ladino.
Wer Ladino, auch Judenspanisch, zum ersten Mal hört, ist oft irritiert: Es klingt spanisch, aber doch nicht richtig. Es verirren sich türkische, griechische, französische und hebräische Wörter in die Sätze. Will man in Istanbul mehr über die Sprache erfahren, kommt man an Şarhon nicht vorbei. Anruf bei der 67-Jährigen: Kaum hat sie das Telefon entgegengenommen, klingelt im Hintergrund ein anderes. Şarhon bittet um Entschuldigung, ihre Zeitung gehe noch heute in Druck – eine Zeitung ausschliesslich auf Ladino. Sie lädt anderntags zum Kaffee bei sich zu Hause ein.
«Mama, sprich Türkisch»
Als Karen Şarhon 1958 auf die Welt kam, waren gerade drei Jahre seit dem Pogrom von Istanbul vergangen – jenen Septembertagen 1955, als aufgehetzte Menschenmengen Geschäfte, Wohnungen, Kirchen und Synagogen von Griechinnen, Armeniern und Jüdinnen und Juden plünderten und zerstörten. Danach war für die nichtmuslimischen Minderheiten nichts mehr wie vorher. Trotzdem erzählt Şarhon von einer wunderbaren Kindheit in einem multikulturellen Viertel auf der europäischen Seite der Stadt, wo Christen, Jüdinnen und Muslime zusammenlebten. Eine solche Nachbarschaft gibt es heute nicht mehr, und Şarhon lebt auch schon lange nicht mehr dort. Vor zwanzig Jahren zog sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter an den Stadtrand.
In ihrer Kindheit, erzählt sie, habe man von Balkon zu Balkon Türkisch, Griechisch, Armenisch, Französisch gesprochen. Ihre Eltern hatten französische Schulen besucht, deshalb lernte Şarhon zuerst Französisch als Muttersprache, dann Türkisch. Ladino sprachen die Eltern nur unter sich, nie mit ihr. Dafür entschieden sich damals viele Familien ganz bewusst, geprägt von politischen Kampagnen wie «Bürger, sprich Türkisch!». Sprache wurde in der 1923 von Mustafa Kemal Atatürk ausgerufenen Republik Türkei als zentrales Assimilationsinstrument genutzt. Şarhon erinnert sich, dass die Wirkung dieser Politik bis in ihre Kindheit reichte: «Wenn meine Mutter draussen Ladino sprach, zog ich genervt an ihrem Rock und sagte: ‹Mama, sprich Türkisch.›» Ladino war in die eigenen vier Wände der Sephard:innen verbannt, dort aber lebte es, wenn Tanten und Onkel kamen, Freunde und Bekannte. Die junge Şarhon hatte die Sprache zwar immer im Ohr, sprach sie aber nie.
Heute hängt in ihrer Wohnung ein Foto, das sie und ihren Mann auf einer Theaterbühne zeigt. Auf einer Bühne begann auch Şarhons Liebe für Ladino. Als Studentin stolperte sie in die Theatergruppe eines jüdischen Vereins, die ein Musical über das jüdische Zusammenleben in den dreissiger Jahren in Istanbul spielte. Das Problem: Das Stück war auf Ladino, und weil sich ihr Musicalpartner nie an den Text hielt und ständig improvisierte, beschloss Şarhon, dass ihr Ladino besser werden musste.
In Şarhons Bücherregalen blitzen zwischen englischen, französischen und türkischen Büchern immer wieder Buchrücken mit hebräischen Buchstaben hervor. «Das ist aber Ladino», sagt sie, als könnte sie sehen, wie sich im Kopf ihres Gegenübers gerade ein Missverständnis auftut. Ungeschulte Augen würden alte Ladinotexte oft für Hebräisch halten, weil Ladino früher in einer Version des hebräischen Alphabets geschrieben wurde – bis sich im 20. Jahrhundert das lateinische durchsetzte. Şarhon erzählt das so selbstverständlich, dabei musste sie sich dieses Wissen einmal hart erarbeiten: Als sie in den frühen achtziger Jahren ihre Masterarbeit über Ladino schrieb, gab es kaum Forschung dazu. Ihre Forschungsarbeit wurde die erste bekannte in der Türkei. «Alle bezeichneten die Sprache abwertend als Mischsalat», erzählt sie, weil Ladino wie ein wilder Mix aus vielen Sprachen klinge.
Kaum eine andere Sprache trägt die Geschichte ihrer Sprecher:innen so hörbar in sich wie Ladino: Als die Sephard:innen aus Spanien und Portugal ins Osmanische Reich flohen, brachten sie unterschiedliche iberische Dialekte mit. Fern von Spanien entwickelten sich diese in ihrer neuen Heimat weiter, geformt von den Sprachen, die hier gesprochen wurden: Türkisch, Griechisch, Italienisch, Französisch. Weil Ladino über Generationen immer seltener weitergegeben wurde, schlug Şarhon der jüdischen Gemeinde in Istanbul schon in den achtziger Jahren ein Projekt zur Erhaltung der Sprache vor – interessiert habe das damals aber keinen.
Erst 2003 bot die Gemeinde an, ein sephardisches Recherchezentrum zu gründen. Şarhon leitet das Zentrum bis heute. Im Jahr zuvor hatte die Unesco Ladino offiziell als stark gefährdet eingestuft. Und die US-amerikanische Linguistin Tracy Harris veröffentlichte eine Forschungsarbeit über Ladino, in der sie der Sprache nur noch wenige Jahre gab. «Sie hatte Ladino quasi schon für tot erklärt.» Şarhon erinnert sich, dass sie damals genervt war. Aber sie ist auch Realistin: Ladino wird irgendwann verstummen. Doch das ist für sie noch lange kein Grund, die Sprache jetzt aufzugeben.
Teil einer Netflix-Serie
Blickt Şarhon auf ihre Arbeit zurück, dann sieht sie vor allem Erfolg: eine Datenbank mit achtzig Stunden Tonaufnahmen der letzten Muttersprachler:innen, Buchprojekte, Onlineladinokurse. 2021 zeigte die erfolgreiche türkische Netflix-Serie «Der Club» zum ersten Mal das Leben der Istanbuler Jüdinnen und Juden in den fünfziger Jahren einem grossen Publikum. Über siebzig Personen aus der jüdischen Community unterrichteten die Schauspieler:innen in Ladino, halfen bei der Musikauswahl und standen selbst vor der Kamera – auch Şarhon. Viele Menschen erfuhren erst durch die Serie von der Geschichte der Sephard:innen und hörten zum ersten Mal Ladino.
Heute ist Şarhon hauptsächlich mit ihrer Zeitung beschäftigt, die in Zusammenarbeit mit der Istanbuler jüdischen Zeitung «Şalom» publiziert wird. Sie ist komplett auf Ladino, das macht sie weltweit einzigartig. Aus einem Stapel auf ihrem Schreibtisch zieht die 67-Jährige eine Ausgabe von «El Amaneser» (Die Morgendämmerung). Über dem Namen der Monatszeitung steht ihr Motto: «Nach der grössten Dunkelheit kommt die Morgendämmerung.» Es drückt Hoffnung aus, als würde es sagen: Auch wenn es um unsere Sprache nicht gut steht, noch gibt es sie, noch schreiben wir diese Zeitung auf Ladino. Die erste monatliche Ausgabe erschien 2005 mit 12 Seiten, heute sind es 32. Şarhon arbeitet auch mit Autor:innen aus dem Ausland. Die grösste Ladinocommunity lebt heute in Israel, gefolgt von der Türkei. Kleinere Communitys gibt es in Frankreich, Australien und den USA.
«32 Seiten» – Şarhon betont diese Zahl, denn das muss man erst einmal schaffen: Menschen motivieren, Artikel in einer Sprache zu schreiben, die kaum noch gesprochen wird und die sie selber kaum sprechen. Die meisten Autor:innen seien immerhin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem noch Ladino gesprochen worden sei, sie seien deshalb schon etwas älter. Nur drei junge Autoren schreiben für die Zeitung, sie studieren im Ausland. Auf diese ist Şarhon besonders stolz: «Sie schnappten irgendwo ein paar Wörter auf und wollten die Sprache dann lernen.»
Für ihre ehrenamtliche Arbeit wurde Şarhon 2011 in Frankreich mit dem Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet, 2023 erhielt sie einen Preis in Israel. Auf einem gerahmten Foto, das neben den Auszeichnungen steht, schüttelt sie dem spanischen König die Hand. Eine Ehrung gabs von ihm aber nicht, auch nicht vom türkischen Staat, obwohl sie das erwartet hätte, da Ladino auch ein Kulturgut der heutigen Türkei sei, wie Şarhon betont. So wichtig sei das aber auch nicht, sie hat andere Sorgen: Wer übernimmt das alles, wenn sie einmal tot ist? Einer, der in ihren Augen das Zeug dazu hatte, starb jung. Sie selbst erlitt vor zwei Jahren einen Schlaganfall. Seitdem meidet sie das sephardische Recherchezentrum, die Treppenstufen sind ihr zu anstrengend. «Aber da ist auch keiner ausser mir», sagt sie.
«Ladino prägt meinen Humor»
Die Schuld daran, dass heute kaum noch jemand Ladino kann, sieht sie nicht beim Desinteresse der Jüngeren, sondern bei den älteren Generationen. Aus Angst davor, dass die Kinder nicht richtig Türkisch lernen und diskriminiert würden, habe man ihnen nicht vermittelt, dass auch Ladino eine wertvolle Sprache sei. Selbst Şarhons Tochter spricht kein Ladino, sie habe sich nie dafür interessiert. «Sie lernte aber Spanisch, zog nach Spanien und hat einen Mann, der sich für Ladino begeistert», erzählt sie lachend. Jeden Monat schickt sie eine Ausgabe von «El Amaneser» nach Spanien.
Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel. Mit dem Verstummen von Ladino geht ein wichtiger Teil der türkisch-jüdischen Identität verloren. «Ladino ist ein Teil meines Ich, es prägt meinen Humor, beeinflusst, wie ich denke, wie ich fühle, ja sogar, wie ich schmecke.» Şarhon winkt in die Küche. Dort holt sie eine Dose aus dem Kühlschrank: «Hier, probier mal, Halva de bembriyo», eine Süssspeise aus Quitte. Noch eine Dose: Kaşkarikas, ein Gericht aus Zucchettischalen. Mag sein, dass Ladino nicht mehr im Alltag gesprochen wird, aber wenn diese sephardischen Gerichte auf dem Esstisch landen, um den sich die Familie versammelt, bleibt Ladino ihrem Leben ein kleines bisschen erhalten.
Aus einem Regal zieht Şarhon ein paar CDs. «Los Pasharos Sefaradis» steht darauf, die sephardischen Vögel. Şarhon und drei Freunde vom Musical gründeten Ende der siebziger Jahre ihre eigene Musikgruppe, weil die sephardische Musik beim Publikum so gut ankam. Jahrelang reisten sie für Konzerte um die Welt. Auch ihre Lieder wird man noch hören können, wenn keiner mehr Ladino spricht. Vielleicht, Karen Şarhon denkt laut nach, seien ja gerade Musik und Essen die besten Spracharchivare.