Nr. 17/2009 vom 23.04.2009

Am Sabbat floss kein Rum

Mit Gebetsriemen und Kippa durch die Karibik: Die Geschichte der jüdischen Piraterie ist auch eine Geschichte des Widerstands gegen Spanien.

Von Hans-Ulrich Dillmann

Der Sabbat war ihm heilig. Niemals, so bekannte Moses Cohen Henriques später, habe er an diesem Tage Beute gemacht. Henriques, der in die Annalen der Geschichtsschreiber des 17. Jahrhunderts einging, war einer der bekanntesten Piraten in der Karibik - und er war Jude. Mit seinem Korsarenschiff kreuzte er vor den Küsten der Neuen Welt, die Kolumbus für die spanische Krone erobert hatte, um deren Karavellen aufzulauern und sie auszurauben.

1628 gelang Henriques in den Gewässern von Kuba ein spektakulärer Überfall auf ein Schiff der spanischen Silberflotte. Nach heutiger Rechnung betrug die Beute über eine Milliarde Franken. Vergeblich versuchte Spanien, «El pirata Moisés» zu ergreifen. Auch in fünfzehn weiteren Ländern gehörte er damals zu den meist gesuchten Männern.

Nur einmal geriet Henriques mit seinem Judentum in Konflikt, bei einem Ritual, dem sich die Freibeuter des Meeres unterziehen mussten. Henry Morgan, der berühmte Piratenchef, der das Kommando in der heimlichen Hauptstadt der Piraten, der jamaikanischen Hafenstadt Port Royal, führte, wollte Henriques auf den Piratenbund vereidigen. Alle Mitglieder mussten auf die christliche Bibel schwören. Henriques weigerte sich wegen des darin enthaltenen Neuen Testamentes. Auch seine Hand beim Schwur auf gekreuzte Knochen und einen Totenschädel zu legen, lehnte der jüdische Korsar ab: Ein Cohen darf doch nicht mit einem toten Körper in Verbindung kommen! Aber Piratenherrscher Morgan, der später für die britische Krone Jamaika verwaltete, wusste Rat. Auf einer Kanone sitzend, gelobte Henriques symbolträchtig, der «Bruderschaft der Küste» treu zu dienen und die Interessen der Freibeuter auch mit seinem Leben zu verteidigen.

Den Piraten auf der Spur

«Es gab nicht wenige Piraten, die Juden waren oder jüdische Vorfahren hatten», sagt Ed Kritzler. Der New Yorker Journalist lebt seit Jahren auf Jamaika. «Nur reden wollen viele nicht darüber. Manche haben Angst, dem bereits existierenden Klischee über die Juden ein weiteres hinzuzufügen. Anderen ist die Geschichte peinlich.» Kritzler lacht über solche Zurückhaltung - dafür findet er das Thema viel zu spannend. Die Juden einmal nicht als Opfer, sondern als raufende, hurende und saufende Räuber, die hart am Wind die türkisblaue See zwischen Florida, dem zentralamerikanischen und dem lateinamerikanischen Festland sowie den Antilleninseln ober- und unterhalb des Windes auf der Suche nach lukrativer Beute durchkreuzten - und über allen Masten wehte die schwarze Fahne mit den gekreuzten Knochen und dem Totenkopf.

Seit Jahren schon beschäftigt sich Kritzler, der zuvor über Jahrzehnte in einer PR-Agentur die Reggaeinsel als Ferienparadies angepriesen hat, mit Piraten. «Natürlich habe ich als Kind auch von Piraten geschwärmt.» Aber erst in den letzten Jahren, nachdem er seinen Job aufgegeben und sich in Jamaika in der tiefsten Provinz - «in the bush», wie er sagt - niedergelassen hatte, begann er, sich systematisch mit dem Thema zu befassen. «Mir ist zugutegekommen, dass dank der Piratenfilme mit Johnny Depp auch Verleger Interesse an einem Buch über jüdische Piraten fanden.»

Ein Rabbinerpirat

Wer in den Archiven sucht, findet, wie Kritzler versichert, unzählige Dokumente über jüdische Freibeuter: Anscheinend konnte man in Marokko als Rabbiner nicht genug Geld verdienen. Der Niederländer Samuel Palache gab seine Stelle in der Synagoge auf, um ein Piratenschiff im Mittelmeer zu kommandieren. Mal kreuzte der Rabbi-Pirat Ende des 16. Jahrhunderts in der Meerenge von Gibraltar, ein anderes Mal lauerte er mit seiner Bande Frachtseglern auf, die reiche Ware aus dem Nahen Osten nach Italien liefern wollten. Auch Sinan, «der Grosse Jude», tummelte sich mit seinen Mannen im späten 15., frühen 16. Jahrhundert im Mittelmeerraum. Sie überfielen mit List, Tücke und wenn notwendig mit roher Gewalt Kaufmannsschiffe mit lukrativer Fracht. Schiffe mit wertvollen Gütern waren im 16. und 17. Jahrhundert in den Küstengewässern Chiles nicht sicher. Hier war das Beutegebiet von Suboltol Deul und seinen Mannen.

Eine richtige Berühmtheit ist Jean-Marie Lafitte. Die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende hat ihm mit ihrem Zorro-Buch posthum ein Denkmal gesetzt. Lafitte, der bei der Schlacht von New Orleans half, die spanische Armada entscheidend zu schlagen, verdiente über Jahrzehnte seinen Unterhalt mit Überfällen auf Schiffe. Er wird heute noch immer als US-amerikanischer Freiheitsheld verehrt. Der 1776 oder 1782 geborene französische Korsar begründete seine Raubzüge gegen Spaniens Flotte mit seinen jüdischen Vorfahren: «Meine jüdisch-spanische Grossmutter, eine Zeugin aus der Zeit der Inquisition, beflügelte meinen Hass auf die spanische Krone.»

Roberto Cofresí, Sohn eines nach Puerto Rico ausgewanderten italienischen Juden, wurde als einer der letzten Piraten am 27. März 1825 in der Festung von San Juan hingerichtet - seine soziale Einstellung, den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben, hat Roberto Cofresí Ramírez de Arellano den Namen «Robin Hood der Karibik» eingebracht. In Puerto Rico wird der Freibeuter sogar mit einem Denkmal geehrt. Und noch heute wird über die reiche Beute gemunkelt, die Cofresí in Höhlen in der Dominikanischen Republik verbuddelt haben soll. Gefunden wurde das Versteck allerdings bis jetzt nicht.

Rache an Spanien

Die Geschichte der jüdischen Piraten ist «eine Geschichte des Widerstands gegen die Spanier - eine Art Rache für die Vertreibung aus dem Sefarad» (dem Land der SefardInnen, der spanischen Juden), versichert Kritzler. Nach der Reconquista Spaniens hatten die Katholischen Könige 1492 die Zwangschristianisierung der jüdischen Bevölkerung beziehungsweise deren Vertreibung angeordnet. Wer sich widersetzte, wurde hingerichtet. Viele zum Katholizismus «Übergetretene» nutzten die «Entdeckung» der Karibik als Fluchtpunkt. Sie betrieben Handel zuerst unter dem Schutz der portugiesischen Krone. Später dann siedelten sie sich auf Inseln an, die von den Niederlanden, England oder Frankreich beherrscht wurden.

Aber nicht nur die jüdischen Piraten waren wichtig, hat Ed Kritzler bei seinen Recherchen herausgefunden. «Noch bedeutsamer war die Rolle der Kaufleute.» Kritzler ist sich aufgrund der Aktenlage sicher, dass «jüdische Handelsleute verschlüsselt mit anderen zwangschristianisierten Geschäftsleuten in den spanischen Kolonien korrespondierten und dadurch informiert waren, welches Schiff wann, mit welcher Ladung, über welche Route, zu welchem Bestimmungshafen unterwegs war - und was der Kapitän möglicherweise an weiteren wertvollen Geheimnissen in seiner Kajüte aufbewahrte. Mit diesen Informationen belieferten und finanzierten sie die Freibeuter. Einige jüdische Handelsleute besassen selbst Schiffe, die auf Kaperfahrt gingen.» Nicht nur die Informanten bekamen einen genau festgelegen Beuteanteil, «nämlich drei Prozent», erzählt der New Yorker Journalist, auch die Synagogen wurden «mit einem Betrag bedacht».

Die Juden hätten massgeblich an der Eroberung Jamaikas und der Vertreibung der Spanier durch die Briten 1655 mitgewirkt. Oliver Cromwell habe sich das Wissen der «konvertierten» Juden bei seinen Eroberungsplänen für die Karibik zunutze gemacht. Seit 1622 bildeten diese «Coversos», wie die Spanier sie nannten, eine «fünfte Kolonne» im Auftrag der britischen Krone, die ihnen im Gegenzug religiöse Freiheit versprochen hatte. Die Spanier wurden von den «Neuchristen», die heimlich zu ihrem Glauben zurückgekehrt waren, als Feind bekämpft, und ihnen wollten sie etwas wegnehmen.

Davidstern und Totenkopf

Die Bedeutung der Juden im Handel in der Karibik, aber auch in Sachen Piraterie macht Kritzler beispielhaft am jamaikanischen Port Royal fest. In der heimlichen Hauptstadt der Piraterie gab es mehrere jüdische Bethäuser. Das grösste, mit etwa tausend regelmässig dort Betenden, befand sich direkt im Zentrum. Und auf einer von der damaligen Gemeinde unterhaltenen Begräbnisstätte in der Nähe von Kingston haben Ashley Henriques und Freiwillige aus der jüdischen Gemeinschaft des Landes mehr als 300 Grabsteine mit englischen, portugiesischen, spanischen und hebräischen Schriftzeichen freigelegt.

«Wir waren schon überrascht, als wir auf den Marmorplatten neben dem Davidstern auch den Totenkopf und gekreuzte Knochen eingemeisselt fanden», sagt Ashley Henriques, der frühere Präsident der United Congregation of Israelites (UCI) in Jamaika. Der siebzigjährige Hobbyhistoriker ist auch Vorstandsmitglied des jamaikanischen National Heritage Trust, der sich für den Erhalt historischer Bauwerke und des historischen Erbes des Landes einsetzt.

Der «abenteuerlustige Bursche» David Baruch Alvarez starb am 8. November 1692, nur wenige Monate, nachdem ein Seebeben Port Royal dem Erdboden gleichgemacht hatte. Seinen Grabstein schmückt das Piratensignet ebenso wie das von Abraham Baruch Alvarez, der im Februar des gleichen Jahres starb, wie Henriques der Grabinschrift auf dem jüdischen Friedhof von Hunts Bay südlich von Downtown Kingston entnimmt. «Hier war alles zugewachsen.» Nachdem der Friedhof gesäubert war, entdeckten Henriques und seine Helfer die Zeichen auf den Grabplatten. «Zusammen mit den Dokumenten ergibt das alles nur einen Sinn: Einige Verstorbene waren Freibeuter. Wir haben auch mehrere Gräber von Kaufleuten gefunden, die das Piratenzeichen zierte.»

In der 200-köpfigen Gemeinde gingen die Meinungen auseinander, ob man die Entdeckung veröffentlichen sollte. «Wir haben sehr kontrovers diskutiert. Aber die Tatsachen einfach unterschlagen oder unveröffentlicht lassen wollten wir auch nicht», sagt Henriques. Die Gemüter haben sich längst beruhigt - die Piraterei ist Teil der jüdischen Siedlungsgeschichte von Jamaika. Henriques antwortet nur mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern auf die Frage, ob er Nachfahre des berühmten Piraten Moses Cohen Henriques sei. «Nun», sagt Kritzler mit lässig über der Brust verschränkten Armen und einem verschmitzten Sonnyboy-Lachen, «ich kann alle beruhigen. Die Mehrheit der jüdischen Piraten waren gottesfürchtige Menschen. Am Sabbat waren in Port Royal die Kneipen geschlossen. Die Frauen gingen freitags in die Mikwe, und die Männer suchten am Ruhetag anstatt Rausch, Sinneslust und Würfelspiel geistige Erbauung in der Synagoge - wenn sie nicht auf Kaperfahrt waren.»

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