Nr. 06/2009 vom 05.02.2009

Spiel mit dem Feuer

Israels Kriegspolitik im Gazastreifen stösst in der türkischen Bevölkerung auf grosse Ablehnung. Das ruft auch AntisemitInnen auf den Plan.

Von Dieter Sauter, Istanbul

Jetzt werden sich die Juden rächen, mutmassen türkische Zeitungen. Nach der heftigen Kritik des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan am Vorgehen des israelischen Militärs im Gazastreifen werden die TouristInnen aus Israel ausbleiben, fürchten die einen. Die Buchungen von Türkeireisen seien in den letzten Wochen in Israel um bis zu siebzig Prozent gesunken. Dabei war die Türkei bislang eines der beliebtesten Urlaubsziele der Israelis. Andere glauben, dass nun die jüdische Lobby in den USA auf eine Resolution im Kongress drängen wird, in der Ankara wegen des Völkermordes an den ArmenierInnen Anfang des 20. Jahrhunderts verurteilt werden soll.

Fünf jüdische Organisationen unter Federführung des American Jewish Committee (AJC) haben inzwischen einen offenen Brief an Tayyip Erdogan geschrieben, in dem sie ihn auffordern, gegen den zunehmenden Antisemitismus in seinem Land vorzugehen. Auch der Radiosender des israelischen Militärs berichtet von Antisemitismus am Bosporus: JüdInnen würde der Zugang zu türkischen Hotels verwehrt.

Auf den landesweiten Demonstrationen in der Türkei gegen die Einsätze des israelischen Militärs im Gazastreifen waren antisemitische Parolen tatsächlich keine Seltenheit. Am Geschäft eines Juden nahe der Istanbuler Universität sei ein Schild angebracht worden: «Kauft hier nicht ein - solange der Laden einem Juden gehört!», beklagt sich das AJC in Ankara.

Erdogans Nahoststrategie

Erdogan verfolgt mit seiner Israelkritik zwei Ziele: Zum einen will sich Ankara in seiner Rolle als Regionalmacht zum neuen Sprecher der arabischen Welt im Nahostkonflikt aufschwingen. Vor allem aber liess wohl der Blick auf die Kommunalwahlen im kommenden Monat den Ministerpräsidenten zum lautstarken Verteidiger der Sache der PalästinenserInnen im Gazastreifen werden. Umfragen im Auftrag seiner Partei, der AKP, bestätigen ihm: Über neunzig Prozent der TürkInnen sympathisieren mit den PalästinenserInnen - und nur ein Prozent sehen sich an der Seite Israels. Das Erziehungsministerium liess denn auch während des Gazakonfliktes täglich alle SchülerInnen an den öffentlichen Schulen zu einer Schweigeminute für die Opfer der israelischen Aggression antreten. Erdogan erklärte Israel zum Hauptschuldigen an der Eskalation des Konfliktes. Für seinen Justizminister Mehmet Sahin ist das Land gar der «grösste Provokateur des internationalen Terrorismus». Fast drei Viertel der türkischen WählerInnen halten solche scharfen Sprüche für angemessen. Doch es ist ein Spiel mit dem Feuer. Niemand weiss, ob damit nicht auch viele antisemitische Geister geweckt werden.

Offenes Konstantinopel

Antisemitismus war am Bosporus viele Jahrhunderte ein Fremdwort. Juden und Jüdinnen gab es hier schon im vierten Jahrhundert vor Christus. Die jüdische Gemeinde wuchs vor allem unmittelbar nach der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmet II. Mitte des 15. Jahrhunderts. In Spanien hatte damals der König seine jüdischen UntertanInnen vor die Alternative gestellt, entweder zum christlichen Glauben überzutreten oder das Land zu verlassen. Der osmanische Sultan Bayezit II. dagegen lud die Vertriebenen nach Konstantinopel ein. Für ihn waren die Juden so etwas wie Teil eines Konjunkturprogrammes für die Stadt. Er benötigte Händler und Handwerker für den Wiederaufbau Konstantinopels - und viele JüdInnen zogen an den Bosporus.

Eine «Judenfrage» gab es - im Gegensatz zur «Griechenfrage», der «Armenierfrage» oder der «Kurdenfrage» - bislang nie in der Türkei. Dann, 2003, töteten islamistische Terroristen mit Bombenanschlägen auf zwei Synagogen in Istanbul 24 Menschen und verletzten 250 weitere. Seither warnen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Istanbul wie der erfolgreiche Geschäftsmann Ischak Alaton vor Antisemitismus auch in der Türkei.

Bekannte Muster

Alaton verweist auf eine ansonsten liberale Zeitung, die vor einiger Zeit von einem «Garnhändler und Wucherer mosaischer Herkunft» und einem «im Ausland flüchtigen jüdischen Geschäftsmann» berichtete. Unvergessen ist auch die «Ehrung» eines ermordeten jüdischen Unternehmers durch einen türkischen Industriellen: «Er war Jude, aber er war ein guter Mensch.»

Es gibt weitere Beispiele: Unliebsame Personen oder politische GegnerInnen werden neuerdings als «Kryptojuden» bezeichnet. Vor wenigen Tagen erst präsentierte sich der Vorstand eines Kulturvereins in der sehr westlich ausgerichteten StudentInnenstadt Eskisehir der Presse mit Schildern vor seinem Vereinshaus, auf denen stand: «Juden und Armenier haben hier keinen Zutritt - Hunde dürfen rein.» Und vergangene Woche schliesslich wurde in Istanbul die Zelle einer islamistischen Organisation ausgehoben. In deren Unterkunft fand sich der Plan für einen Mordanschlag auf einen ortsansässigen Rabbi, wie die Zeitung «Hürriyet» berichtete.

Die türkische Regierung rudert inzwischen zurück, nicht zuletzt zurechtgewiesen vom Generalstab, der in einer knappen Erklärung versicherte, er habe keine Probleme mit Israel. Immerhin bezieht die türkische Armee israelische Rüstungsgüter im Wert von rund einer Milliarde US-Dollar. Nun hat das offizielle Ankara auch das Amt für Religionsangelegenheiten auf Trab gebracht. In einem ersten Schritt werden alle Imame im Land offiziell davor gewarnt, Reden zu halten, die als antisemitische Stimmungsmache verstanden werden könnten.

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