Durch den Monat mit Molly Crabapple (Teil 4): Was können wir vom Jüdischen Arbeiterbund lernen?

Nr. 13 –

Die Autorin Molly Crabapple taucht in ihrem neuen Buch in die Geschichte des jüdischen Antizionismus ein – und zieht daraus Lehren für die Gegenwart.

Diesen Artikel hören (6:24)
-15
+15
-15
/
+15
Portraitfoto von Molly Crabapple
Molly Crabapple: «Wir sollten die Idee des Ethnostaats ablehnen – die Vorstellung, dass Menschen an ein einziges Stück Land gebunden sind.»

WOZ: Molly Crabapple, was bedeutet Jüdischsein für Sie?

Molly Crabapple: Ich wurde nicht wirklich religiös erzogen. Meine Mutter hat zu Chanukka zwar Latkes zubereitet und mit mir Kerzen angezündet, aber Jüdischsein hatte für mich wenig mit Gott zu tun. Es bedeutete vielmehr, dass man Bücher las, sich in Diskussionen warf, mit ironischem Humor der Welt begegnete. Ich habe Jüdischsein auch immer als etwas Linkes verstanden, als das Streben nach «einer besseren und schöneren Welt», wie es die jüdisch-sozialistische Organisation Workmen’s Circle formuliert hat.

WOZ: Sie erzählen in Ihrem Buch «Here Where We Live Is Our Country» die Geschichte des Jüdischen Arbeiterbunds von dessen Gründung 1897 bis zum Holocaust. Wie war dessen Verhältnis zur Religion?

Molly Crabapple: Die Führung des Bundes war atheistisch. Unter den einfachen Mitgliedern gab es jedoch viele praktizierende Gläubige. Bei meinem Urgrossvater Sam führte die Mitgliedschaft im Bund schnell dazu, dass er seine konservativ-religiöse Denkweise ablegte.

WOZ: Welche Rolle spielte der Bund im Widerstand gegen Nazideutschland?

Molly Crabapple: Der Bund war 1939 die populärste jüdische politische Partei in Polen. Er bildete vom ersten Moment an den Widerstand. Als die Nazis begannen, die Pläne für das Warschauer Ghetto umzusetzen, rief der Bundist Szmul Zygielbojm zum Kampf mit blossen Händen auf. Im Ghetto betrieben die Bundist:innen dann auch illegale Schulen, Zeitungen und Kliniken. Der letzte Kommandant des Aufstands, Marek Edelman, war ein Bundist. Sie kämpften auch als Partisan:innen in den Wäldern und versteckten Jüdinnen und Juden.

WOZ: Was hat es mit dem Titel Ihres Buches auf sich?

Molly Crabapple: Die Bundist:innen kämpften von Anfang an für das Recht, in Osteuropa in Freiheit leben zu dürfen. Sie sagten: Wir sind keine Fremden, wir sind keine Gäste, wir gehen nicht; dieses Land gehört uns genauso wie allen anderen. Der Slogan «Hier, wo wir leben, ist unser Land» stand für eine aufsässige Beharrlichkeit: Wir bauen unsere Institutionen, leben unsere Kultur, sprechen unsere Sprache, und zwar neben vielen anderen Kulturen und Sprachen. Heute nennen wir das Multikulturalismus. Deshalb glaubten sie auch nicht an Ethnostaaten, die sich über die ethnische Zugehörigkeit ihrer Bürger:innen definieren.

Die Bundist:innen waren auch gegen einen eigenen jüdischen Staat. Hat der Holocaust ihr Verhältnis zum Zionismus verändert?

Molly Crabapple: Es gab welche, die dachten: Ich will einfach nur einen Ort zum Leben haben, der Sozialismus ist mir egal. Die bundistische Bewegung hielt jedoch an ihrer Ablehnung des Zionismus fest. Sie sah die Nakba als ein zentrales Verbrechen. Und sie forderte das Rückkehrrecht für palästinensische Geflüchtete.

WOZ: Was können wir heute vom Bund lernen?

Molly Crabapple: Dass wir die Idee des Ethnostaats ablehnen sollten – die Vorstellung, dass Menschen an ein einziges Stück Land gebunden sind, vermeintlich durch irgendwelche Blutlinien oder die Vergangenheit. Ethnostaaten sind moralisch verwerflich, egal ob in Serbien, Palästina, in der Türkei oder anderswo. Ihre Ideologie führt immer zu Unterdrückung, zu ethnischen Säuberungen, oft auch zu Völkermord.

WOZ: Sie beziehen das auch explizit auf die Politik Israels. Man kann Ihr Buch als Plädoyer für einen jüdischen Antizionismus verstehen.

Molly Crabapple: Wir alle haben den Völkermord in Gaza live auf unseren Bildschirmen mitverfolgt. Man kann keinen Staat unterstützen, der so etwas tut. Es gibt viele Jüdinnen und Juden, die die Politik Israels abstösst. An den Campusprotesten etwa waren viele jüdische Studierende beteiligt. Und natürlich kann man die Verbrechen eines Staates anprangern, ohne antisemitisch zu sein. Genauso wenig ist es islamfeindlich, gegen Saudi-Arabien zu protestieren, weil dieser Staat Dissident:innen tötet.

WOZ: Gibt es in der Gegenwart politische Gruppen, die das Erbe des Bundes weiterführen?

Molly Crabapple: «Jewish Voice for Peace» ist eine grossartige Gruppe. Sie organisiert Proteste, Briefkampagnen, Spendenaktionen. Aber sie ist weder eine Organisation, die sich um das jüdische Leben als Ganzes kümmert, noch eine Gewerkschaft, die explizit für ökonomische Transformation kämpft. In Sachen kultureller Organisation kommen heute am ehesten die Democratic Socialists of America dem Bund nahe. Sie haben eine Fussballliga, Vorlesungsreihen, Angebote für Kinder, politische Kampagnen.

WOZ: Zum Schluss nochmals zum New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani: Sie haben neulich geschrieben, dass er das Erbe des Jüdischen Arbeiterbunds fortführe. Inwiefern?

Molly Crabapple: Die Geschichten der New Yorker Linken und des jiddischen Sozialismus sind eng verwoben. Von Zeitungen wie «Forverts» über die Gewerkschaft der Näherinnen bis zur Sozialistischen Partei: Überall waren Bundist:innen aktiv – als Teil eines migrantischen, radikalen Proletariats. Zohran hat eine ähnliche Basis, Working-Class-Einwander:innen waren der Motor seines Wahlkampfs. Zohran spricht zu diesen Communitys. Und gleichzeitig spricht er die Sprache eines universalistischen Sozialismus. Das alles ist mir sehr nahe.

Molly Crabapple (42) ist Künstlerin, Autorin, Aktivistin und vor allem stolze New Yorkerin.