Durch den Monat mit Molly Crabapple (Teil 3): Was fasziniert Sie an Ihrer Familiengeschichte?

Nr. 12 –

Molly Crabapple entdeckte vor vielen Jahren, dass ihr Urgrossvater Mitglied des Jüdischen Arbeiterbunds gewesen war. Sie begann zu recherchieren und Jiddisch zu lernen. Herausgekommen ist ein Buch.

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Portraitfoto von Molly Crabapple
Molly Crabapple: «Mein Urgrossvater hatte viel über seine Zeit im Untergrund geschrieben, wie er an Streiks und Sabotageaktionen teilnahm.»

WOZ: Molly Crabapple, Ihr neues Buch, «Here Where We Live Is Our Country» (Hier, wo wir leben, ist unser Land), handelt von der Geschichte des Jüdischen Arbeiterbunds. Was war das?

Molly Crabapple: Der Jüdische Arbeiterbund war eine säkulare, sozialistische und antizionistisch-revolutionäre Partei, die 1897 im russischen Zarenreich gegründet wurde. In den dortigen Schtetln, den Siedlungen, kümmerte sie sich um politische Bildung und unterrichtete Jiddisch, organisierte aber auch Selbstverteidigung gegen Pogrome.

WOZ: Welche Rolle spielte der Bund im Zarenreich?

Molly Crabapple: Seine Mitglieder kämpften in den Revolutionen von 1905 und 1917 gegen den Zaren. Nach der Oktoberrevolution wurden sie aus Russland vertrieben. In Polen formierten sie sich neu – mit einer Jugendorganisation, einer Frauenbewegung, einem Sanatorium für kranke Kinder und Selbstverteidigungsbrigaden. Die Mitglieder erkannten früh die Gefahren des Faschismus, schickten Kämpfer nach Spanien, um die Republik gegen Franco zu verteidigen. Auch in den Kampf des Roten Wien gegen die Nazis waren sie involviert. Und als die Nazis in Polen einmarschierten, schlossen sie sich dem Widerstand an und halfen dabei, die Aufstände im Warschauer Ghetto anzuführen.

WOZ: Was waren ihre politischen Ziele?

Molly Crabapple: Jüdinnen und Juden waren im zaristischen Reich eine rassifizierte Gruppe, die durch diverse Gesetze unterdrückt wurde. Es wurde von oben bestimmt, wo sie leben oder studieren durften. Und es gab immer wieder Pogrome. Der Bund war überzeugt, dass es nicht genügte, sich der russischen Arbeiter:innenbewegung anzuschliessen, um mehr Rechte zu erlangen. Seine Mitglieder kämpften ebenso für ihre Befreiung als jüdische Menschen.

WOZ: Wie sind Sie auf den Bund gestossen?

Molly Crabapple: Mein Urgrossvater Samuel Rothbort war Maler, ich wuchs umgeben von seinen Gemälden und Skulpturen auf. Sam hatte eine Bilderserie, die «Memory Paintings»: 600 Aquarelle, mit denen er nach der Reichspogromnacht begonnen hatte und die er nach dem Holocaust fortsetzte. Sie zeigen vor allem Szenen aus seiner Heimatstadt Waukawysk, Aspekte des damaligen Lebens. Ich war neunzehn oder zwanzig, als mir ein Bild der Serie in die Hände fiel. Es zeigt eine junge Frau mit Gibson-Girl-Frisur, schmaler Taille und langem Rock, die einen Stein in der Hand hält. Auf die Rückseite hatte mein Urgrossvater geschrieben: «Itka, die Bundistin, die Fenster zerbricht». Das war der Beginn meiner Recherchen.

WOZ: Wie haben Sie recherchiert?

Molly Crabapple: Ich habe zunächst meiner Mutter Fragen gestellt. Sie hatte Sams Schriften aufgehoben. Mein Urgrossvater hatte viel geschrieben: über seine Zeit mit dem Bund im Untergrund, wie er an Streiks und Sabotageaktionen teilnahm und sogar in eine Schiesserei involviert war.

WOZ: Wieso war Ihr Urgrossvater dem Bund beigetreten?

Molly Crabapple: Sam war ein verarmter junger Lederarbeiter und trat letztlich aus dem gleichen Grund bei, aus dem Arbeiter:innen bis heute Gewerkschaften beitreten: um weniger ausgebeutet zu werden und einen Lohn zu erhalten, von dem man leben kann.

WOZ: Wie gingen Ihre Recherchen weiter?

Molly Crabapple: 2015 reiste ich zum ersten Mal nach Palästina, daraufhin wollte ich mehr über die Geschichte des Bundes erfahren. Ich lernte, dass er antizionistisch war. Das fand ich interessant. Mein Urgrossvater hatte nie über Israel gesprochen. Ich habe alle Bücher über den Bund besorgt, die ich finden konnte. Die Leute erzählen darin, wie sie für das Recht auf freie Samstagabende streikten, man erfährt von illegalen Bibliotheken, die sie aufbauten, wie sie sich immer wieder verstecken und fliehen mussten. In einem Buch wird Sam sogar erwähnt! 2018 schrieb ich meinen ersten Artikel über den Bund für die «New York Review of Books».

WOZ: Wie war die Resonanz?

Molly Crabapple: Es haben sich viele ältere Menschen bei mir gemeldet, deren Eltern oder Grosseltern beim Bund waren. Darunter eine sehr beeindruckende Frau namens Irena Klepfisz, die im Warschauer Ghetto geboren wurde – Irena ist eine bekannte lesbische Dichterin. Auch Mark Ehrlich meldete sich, ein Gewerkschaftsführer, dessen Grossvater Henryk Ehrlich den Bund in Polen geleitet hatte. Am Yivo, dem Forschungszentrum für osteuropäische Juden in New York, habe ich Jiddisch gelernt. Je mehr ich mich mit dem Bund beschäftigte, desto mehr verstand ich, dass es um Fragen geht, die heute genauso wichtig sind: Solidarität, Überleben, Verrat.

WOZ: Wie kommt es, dass so wenige Menschen vom Jüdischen Arbeiterbund wissen?

Molly Crabapple: Rund neunzig Prozent der polnischen Jüdinnen und Juden wurden von den Nazis ermordet, darunter auch sehr viele Bundist:innen. Unter Stalin wurde der Bund ebenfalls unterdrückt. Sie schrieben zudem auf Jiddisch, nicht die populärste Sprache. Aber sie wurden auch unterdrückt, weil sie antizionistisch waren. Das hat extrem viel Wut entfacht, bis heute. Wenn ich auf Instagram etwas über den Bund poste, kommentieren Leute darunter, dass die Bundist:innen damals alle in Auschwitz gelandet sind. Ich weiss, denke ich dann. Ich kenne die Geschichte. Ich bin ja auch jüdisch.

Was der Bund mit New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani zu tun hat, schildert die Künstlerin Molly Crabapple (42) nächste Woche.