Sachbuch : Mitwisserinnen und Profiteure
Wie war es möglich, dass das «Kulturvolk» der Deutschen ab 1933 ein verbrecherisches Regime nicht nur ertrug, sondern auch aktiv unterstützte? Mitmachte bei organisiertem Massenmord, mitmachte bei zahllosen Kriegsverbrechen – bis zum bitteren Ende?
In seinem glänzend geschriebenen Alterswerk breitet der Historiker Götz Aly auf mehr als 700 Seiten die Geschichte der Naziherrschaft aus. Der Schwerpunkt liegt auf den Kriegsjahren, wobei die Kriegsvorbereitung bereits seit der Machtübernahme eine entscheidende Rolle spielte. Die Deutschen, die Hitler und der Nazipartei 1933 noch keineswegs mit überwältigender Mehrheit folgten, so Aly, wurden vom Regime zu treuer Gefolgschaft erzogen – oder auch schlicht gekauft.
Der Historiker schildert im Detail, wie Letzteres vonstattenging – mit Massnahmen wie Mieten-, Kündigungs- und Pfändungsbremse, die sogar Teile der organisierten Arbeiter:innenschaft von Hitlers «deutschem Sozialismus» überzeugte. Dazu kamen neue Jobs, etwa durch beschleunigte Aufrüstung. Was in Frankreich der linke Front populaire durchsetzte – bezahlte Ferien auch für einfache Arbeiter:innen –, das taten in Deutschland die Nazis. Dazu kam Bereicherung auf Kosten der Entrechteten, der Oppositionellen, der Jüdinnen und Juden, der im Krieg unterworfenen Nationen.
Was die Masse der eher unpolitischen Deutschen bei der Stange hielt, war die von den Nazis perfektionierte Technik, Bürger:innen zu Mitwissern, zu Profiteurinnen und zu Täter:innen zu machen. Der Judenhass wurde durch Propaganda geschürt und durch die Aussicht auf Beute und Posten befeuert. Die sozialen Wohltaten wie auch die Aufrüstung finanzierte das Regime auf Pump.
Um der Staatspleite zu entgehen, so eine zentrale These Alys, war es gezwungen, Krieg zu führen. Um weiter Beute zu machen, musste es diesen dann ständig ausweiten – was nur aufging, solange die Armeen siegreich waren. Aly widerspricht überdies der Einordnung des Regimes als Variante des «Faschismus». Das werde der eigenartigen Kombination der Herrschaftsmethoden und -techniken der Nazis nicht gerecht.