Auf allen Kanälen : «Mein Verbrechen ist Journalismus»

Nr. 14 –

Die Zeitung «Birgün» ist eine der wenigen, die in der Türkei noch kritisch über die Regierung schreiben. Unterstützung erhält sie auch aus Zürich.

stilisiertes Logo der Gruppe «Birgün»

İsmail Arı, Reporter der regierungskritischen türkischen Zeitung «Birgün», wurde am 21. März während eines Familienbesuchs in Tokat in der Schwarzmeerregion festgenommen. Ein Gericht ordnete Untersuchungshaft an – wegen «öffentlicher Verbreitung irreführender Informationen». Der Vorwurf stützt sich auf Artikel 217a des Strafgesetzbuchs, ein 2022 eingeführtes «Desinformationsgesetz». Was offiziell dem Schutz der öffentlichen Ordnung dienen soll, ist ein politisches Instrument gegen kritische Stimmen.

Auslöser der Ermittlungen waren Arıs Recherchen über mutmasslich illegale Bauarbeiten an einem denkmalgeschützten Gebäude in Istanbul. Im Artikel hat er den staatlichen Umgang mit Kulturgütern und die politisch dafür Verantwortlichen kritisiert. Die Justiz will auch Social-Media-Beiträge des Autors als Beweismittel verwenden. Arı sitzt im Sincan-Gefängnis in Ankara. Wann es zum Prozess kommt, ist offen. «Mein einziges Verbrechen ist, dass ich in diesem Land Journalismus ausübe», liess Arı über seine Anwält:innen mitteilen.

Seiner Haltung treu

Die 2004 gegründete linke «Birgün» gilt als eine der letzten verbliebenen landesweiten Tageszeitungen in der Türkei, die konsequent regierungskritisch informieren. Anders als viele grosse Medienhäuser im Land gehört sie keinem Konzern, sondern ist genossenschaftlich organisiert. Sie finanziert sich überwiegend über ihre Leser:innen. Rund 14 000 Abonnent:innen hat die Zeitung mit Sitz in Istanbul. «Unser Ziel ist es, den Stimmlosen eine Stimme zu geben», schreibt sie über sich selber. Inhaltlich setzt «Birgün» einen Schwerpunkt auf soziale Bewegungen, Arbeitskämpfe, Frauenrechte und Umweltfragen. Gerade diesen Themen räumen die regierungsnahen Medien kaum Platz ein. In einem mehrheitlich politisch gelenkten Medienmarkt nimmt die Zeitung damit eine Sonderrolle ein.

Um «Birgün» zu unterstützen, wurden in der Türkei und in Europa Solidaritätsgruppen gegründet. Zur Zürcher Gruppe gehört İbrahim Ağırbaş, der seit 1983 in der Stadt lebt. «Wir haben uns nach den Gezi-Protesten 2013 zusammengeschlossen, weil die Repressionen gegenüber der Zeitung stark zunahmen», sagt er. Damals berichtete «Birgün» täglich vom Taksimplatz und wurde zu einer wichtigen Stimme der Protestbewegung gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan. Trotz kostspieliger Klagen der Behörden, zunehmender politischer Repression und Festnahmen von «Birgün»-Jounalist:innen konnte das Blatt überleben und blieb dabei seiner Haltung treu.

Die Zürcher Gruppe zählt 21 Mitglieder. Sie organisiert jährlich Veranstaltungen mit Journalist:innen von «Birgün». «Dort informieren wir über aktuelle Themen in der Türkei, werben für Abonnements und sammeln Spenden. So kommen jedes Jahr neue Abonnent:innen dazu», sagt Ağırbaş. Viele Unterstützer:innen lebten seit Jahrzehnten in der Schweiz und verfolgten die politische Entwicklung in der Türkei genau. «Wir schätzen die unzensierte und kritische Berichterstattung von ‹Birgün›», so Ağırbaş. «Diese schwindet in der Türkei, weil viele Redaktor:innen aus Angst vor dem Regime Selbstzensur üben oder weil Zeitungen von den regierungstreuen Milliardär:innen aufgekauft werden.»

Viele Kurd:innen betroffen

Der Staat setzt kritische Stimmen vermehrt mit juristischen Mitteln unter Druck. So wurde im Februar der Journalist Alican Uludağ von der Deutschen Welle festgenommen – wegen «Desinformation» sowie «Beleidigung des Präsidenten». Der Investigativjournalist sitzt derzeit im berüchtigten Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Silivri. Die Türkei belegt im Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen Platz 159 von 180 Ländern. Laut der türkischen Mediengewerkschaft TGS sassen im März fünfzehn Journalist:innen im Gefängnis – vor allem kurdischstämmige sind betroffen. Die Zahl war vor wenigen Jahren noch dreistellig; insbesondere nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 war sie angestiegen. So braucht es auch die internationale Unterstützung für unabhängige Medien wie «Birgün».

Nächste Soliveranstaltung mit «Birgün»-Journalist:innen: 12. April 2026, 14 Uhr, Mozaik Bibliothek, Allmendstrasse 93, Zürich.