Literatur: Trinken, erzählen und überleben

Nr. 14 –

Der Erfolgsroman «Oroppa» der niederländischen Autorin Safae el Khannoussi erzählt von den Narben der marokkanischen Diktatur, aber auch von der Gegenwelt der Literatur.

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Portraitfoto von Safae el Khannoussi
Legt eine in Europa verdrängte Schicht traumatischer Erinnerungen an koloniale und ­postkoloniale Verbrechen offen: Safae el Khannoussi. Foto: Merlijn Doomernik

Wer hat das noch mal gesagt, dass die Geschichte «wie ein Berg Abfall» sei, der «auf einen herabstürzt»? Wie so vieles in diesem Roman bleibt die Frage offen. Es ist ein Bild, das einem angesichts der Weltgeschichte auch nüchtern plausibel vorkommt. Umso zutreffender erscheint es der sturzbesoffenen Zeynab, die an Weihnachten (das weder sie als ungläubige Muslimin noch ihr jüdischer Freund mit besonderer Frömmigkeit feiern) gerade das Klo vollgekotzt hat. Oder war der Dialog einfach eine Anspielung auf den Philosophen Walter Benjamin, der kurz vor seinem Suizid auf der Flucht vor den Nazis 1940 die Geschichte als Sturm beschrieb, der nur Trümmer hinterlässt?

Solche literarischen Bezüge müssen in diesem Buch immer vermutet werden, in dem ehemalige Folterer «Pynchon, Vonnegut, Faulkner» lesen und so unterschiedliche Quellen wie Miguel de Cervantes oder die (gelinde gesagt umstrittene) franko-algerische Politaktivistin Houria Bouteldja zitiert werden. Tatsächlich wird Benjamin im Nachwort genannt, allerdings (auch dies typisch für das intertextuelle Versteckspiel) über ein Adalbert-Stifter-Zitat, gefunden in einem Text von Benjamin. So bilden Verschachtelungen, Allusionen und Abschweifungen aller Art das Grundprinzip dieses Erzählens.

Scham trübt die Erinnerung

Mit «Oroppa» ist der dreissigjährigen Safae el Khannoussi 2024 in den Niederlanden ein Bestseller gelungen, der mit Preisen ausgezeichnet wurde und nun in Übersetzungen in verschiedenen Ländern erscheint. Der Erfolg mag zunächst an einer bemerkenswerten Erzählfreude liegen. Diese führt in keiner Weise zu einem naiven Psychologisieren, sondern orientiert sich bewusst an der avantgardistischen Erzähltradition eines (ebenfalls genannten) Julio Cortázar oder eines Roberto Bolaño. Wie bei Bolaño liegen in «Oroppa» groteske Witze und Horror so nah zusammen, dass sie oft ununterscheidbar sind. Und wie bei Bolaño bekommen wir aus verschiedenen Perspektiven und durchaus fragmentarisch eine Figurenschar exzentrischer Exilant:innen vorgestellt, die ganz aus Literatur gemacht scheinen, seien es saufende Poeten oder poetische Suffköpfe. Es sind die Bewohner:innen des «Einundzwanzigsten Arrondissements», jenes mystischen, ebenso fiktiven wie realen Quartiers der Poetinnen und mittellosen (Lebens-)Künstler aller Länder, die hier lose miteinander verbunden von Nordafrika nach Europa, von Amsterdam nach Paris und von Bar zu Bar treiben, miteinander ins Bett gehen, Joints rauchen, Romane zerreissen und Gedichte schreiben.

Die düstere Rätselgestalt, um die sich in «Oroppa» diese Heimatlosen drehen, bis es ihnen schwindlig wird, ist die marokkanisch-jüdische Malerin Salomé Abergel. Spurlos verschwindet sie eines Tages aus ihrem Haus in Amsterdam. Zurück im Keller bleiben ihre albtraumhaften Bilder. Die Galeristin und vermeintliche beste Freundin ist verzweifelt. Der erwachsene Sohn Irad wird mit einer Vergangenheit konfrontiert, die er aus guten Gründen lange von sich ferngehalten hat: «Scham trübt all seine Erinnerungen.» Bald erfahren wir, dass diese Malerin als junge Frau in Marokko in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren mehrere Jahre eingekerkert gewesen war und gefoltert wurde. Irad, gezeugt bei einer Vergewaltigung durch einen Folterbeamten, hat seine ersten Jahre unter desolaten Bedingungen mit seiner Mutter im Frauengefängnis verbracht.

Aus der Täterperspektive

El Khannoussis Roman thematisiert die zumindest in der deutschsprachigen Öffentlichkeit kaum diskutierte marokkanische Diktatur unter Hassan II., während derer Tausende von Menschen willkürlich verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Dies mag ein weiterer Grund für den Erfolg des Buches sein: Als europäische Leser:innen werden wir in eine mysteriöse Geschichte hineingezogen und merken auf einmal, dass die Auflösung weniger in einem Plot-Twist als in einer im europäischen Alltag unsichtbaren, mehr oder weniger gut verdrängten Schicht traumatischer Erinnerungen an koloniale und postkoloniale Verbrechen liegt. El Khannoussi schafft es, dieses gespenstische Nachgrauen der Vergangenheit – die man doch «für tot erklärt und begraben» hatte – so beklemmend präsent zu machen, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. So verzeiht man denn auch das eine oder andere Klischee oder die leicht, aber zunehmend nervenden Beschreibungen nicht endender Saufereien.

Und da ist noch das eigentliche Wagnis des Romans: Der lange Mittelteil ist aus der Sicht von Yousef Slaoui erzählt – dem ehemaligen Folterer von Salomé Abergel, der unterdessen ebenfalls in Amsterdam lebt und auf einer Fähre zufälligerweise die Malerin als sein ehemaliges Opfer wiedererkennt. Auch das Erzählen aus der Täterperspektive hat viele Vorbilder in der Literatur und wurde kontrovers diskutiert, etwa anhand von Jorge Luis Borges’ Kurzgeschichte «Deutsches Requiem» (1946) oder von Jonathan Littells Romanungeheuer «Die Wohlgesinnten» (2006) über Naziverbrecher.

Der hier auftretende Yousef Slaoui ist allerdings ein Monster ganz eigener Art. Man spürt unmittelbar Mitleid mit dem arbeitslosen, sozial isolierten, an Prostatakrebs erkrankten und schwer alkoholabhängigen älteren Marokkaner. Doch dieser arme Wicht hat vor Jahrzehnten das Foltern als «Routine» betrieben, ohne nachzudenken seine Opfer mit glühenden Zigaretten, Zangen, Beilen, Hämmern traktiert, an den hinter dem Rücken gebundenen Armen an der Decke aufgehängt, mit Elektroschocks an den Genitalien gequält oder ganz einfach totgeprügelt. Diese Gewalt kehrt nun in grössenwahnsinnigen Fantasien, grotesken Wutanfällen und Prügelorgien wieder, bricht aus Slaoui heraus, ohne dass er sich kontrollieren kann. Nie kommt Zweifel auf, dass er schuldig ist. Wir sehen aber am Elend dieser Figur, die keinerlei Verantwortung für ihre Verbrechen übernimmt, wie die Folter den Täter und die Opfer historisch verbindet, sodass die Geschichte wie ein Berg Abfall alles unter sich begräbt.

Alles andere als eine Utopie

Der Roman lässt keinen Raum für politische Hoffnung. Dem arbeitslosen tunesischen Juristen Azzedine zerfällt schon der Begriff des Arabischen Frühlings «wie Asche» auf der Zunge. Auch Europa – dieses «Oroppa» auf der «anderen Seite der Schlucht» – stellt alles andere als eine Utopie dar. Denn, wie es Salomé zu ihrer niederländischen Galeristin sagt: «Ich bin marokkanische Jüdin. […] Ich bin Araberin. Neben dir gelte ich als feindlich, primitiv, als eine Anomalie.»

Auch die Literatur hat sich lange auf nationale und nationalistische Kategorien berufen, vielleicht noch «Migrations-» oder «Exilliteratur» zugelassen. Doch mit «Oroppa» ist klar – so wie es schon längst für jede ernst zu nehmende Literatur klar war –, dass solche aus- und einschliessenden Labels passé sind zugunsten eines Schreibens, das den Stimmen jener als Feind:innen, Primitive und Anormale markierten Menschen einen Raum gibt.

Was an diesem Roman wirklich fesselt, ist sein unzeitgemässer Glauben an die universale und integrierende Gegenkraft der Literatur: Wer im Abfallhaufen der Geschichte noch Geschichten erzählen kann, lebt weiter, und sei es nur für eine Nacht hinter dem Tresen.

Buchcover von «Oroppa»
Safae el Khannoussi: «Oroppa». Roman. Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel. Hanser Verlag. München 2026. 352 Seiten.