Nr. 37/2017 vom 14.09.2017

«Eine Baustelle voller Fallen und Minen»

Der medienscheue Autor Joseph Andras äussert sich zu seinem Erstlingswerk «Die Wunden unserer Brüder» und dem nach wie vor präsenten Kolonialismus in Frankreich.

Von Ruth Renée Reif

WOZ: Joseph Andras, mit Ihrem Roman «Die Wunden unserer Brüder» haben Sie in Frankreich ein Tabu gebrochen. Sie schreiben über Fernand Iveton, der 1957 hingerichtet wurde, nachdem er für die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN eine Bombe gelegt hatte. Wie kommt es, dass dieser Fall bis heute tabuisiert wird?
Joseph Andras: Das ist mehr als ein Tabu. Ivetons Enthauptung wurde von François Mitterrand, der damals Justizminister war, und von der Linken in der französischen Regierung gebilligt. Die Sozialistische Partei Frankreichs nimmt dieses historische Erbe nicht an. Die Einzigen, die in der nationalen Erzählung einen Platz als «Geopferte» respektive «Opfer» haben, sind die Pieds-noirs, wie man die Franzosen nannte, die sich ab 1830 in Algerien ansiedelten. Iveton stört in dieser Erzählung. Er war kein liberaler Humanist, nett und gefügig. Man kann ihn von seinem revolutionären Engagement nicht trennen. Und doch erhob ihn auch die Kommunistische Partei Frankreichs nicht zu einem Mythos. Letztlich bleibt der Algerienkrieg in Frankreich ein überaus sensibles Thema. Hysterie beherrscht die Debatten.

Obwohl, wie Sie im Nachsatz Ihres Romans anmerken, Albert Camus versucht habe, Iveton zu retten, und Jean-Paul Sartre einen Text zur Erinnerung an ihn veröffentlichte, taucht der Fall in den grossen Camus- und Sartre-Biografien nicht auf. Muss man dahinter bewusstes Verschweigen vermuten?
Die Frage der algerischen Unabhängigkeit wurde in Frankreich von zwei totemähnlichen Gestalten intellektuell gekapert: Sartre und Camus. Im Gegensatz zu Sartre billigte Iveton den Tod von Zivilisten nicht, und im Gegensatz zu Camus war er nicht willens, zu seiner Gemeinschaft zurückzukehren. Als einfacher Arbeiter verfügte er nicht über die Aura der Literaten. Er nimmt eine einzigartige Stellung ein, die sich kaum für irgendwelche Zwecke einspannen lässt.

Der Linguist André Abbou erklärte, seiner Kenntnis nach sei Camus eingeschritten, um die Hinrichtung Ivetons zu vermeiden. Dagegen behauptet die Literaturwissenschaftlerin Christiane Chaulet Achour, Camus habe sich nicht an der Unterstützung von Iveton beteiligt. Sie betont sogar ausdrücklich, Camus’ algerischer Freund Emmanuel Roblès habe ihn über Iveton in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, sich für diesen zu verwenden. Doch Camus habe das abgelehnt.

«Ein Gespenst geht um in Frankreich, das Gespenst Afrikas», schreibt Yannick Haenel in seinem Roman «Die bleichen Füchse». Sind der Kolonialismus und der Algerienkrieg das Trauma Frankreichs?
Der Zweite Weltkrieg, die Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nationalsozialisten und der Völkermord an den Juden bleiben die heftigste nationale Erschütterung. Ich habe wie zahlreiche mir Nahestehende das Gefühl, mit dieser Periode aufgewachsen zu sein. Durch Filme und Bücher bin ich tief durchdrungen von dieser Zeit. Die koloniale und imperiale europäische Geschichte musste ich dagegen erst recherchieren, um etwas darüber zu erfahren.

Vichy haben wir verdaut und einen Konsens geschaffen, der kaum anzuzweifeln ist, wenn man nicht riskieren will, dass öffentlich gegen einen gewettert wird. Der Kolonialismus jedoch bleibt eine Baustelle voller Fallen und Minen. Die offensichtliche und banale Vorstellung einer Kontinuität zwischen dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus löst immer noch einen Aufschrei aus.

Gibt es heute in der jungen Generation Frankreichs, der auch Sie angehören, den Wunsch, die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten?
Diese junge Generation erfuhr nichts über die Kolonialisierung Algeriens. Sie wuchs allerdings mit deren Nachwirkungen auf. Da waren die Enthüllungen des französischen Generals Paul Aussaresses, der 2001 Folterungen während des Algerienkriegs zugab, die stürmische Debatte vier Jahre später über die tatsächliche Rolle der französischen Anwesenheit in den ehemaligen Kolonien, die aufgebrachten Polemiken um Rachid Boucharebs Film «Hors-la-loi» über den algerischen Unabhängigkeitskampf und die brüskierende Geste eines ehemaligen Verteidigungsministers angesichts der in Algerien verübten Verbrechen. Man musste schon in einem Erdloch leben, um zu glauben, dass die Vergangenheit zu den Akten gelegt ist.

Ich hüte mich, im Namen einer ganzen Generation zu sprechen. Doch gibt es in der Tat eine internationale Bewegung, die sich gründlich mit den Fragen der Kolonialisierung, des Postkolonialismus und der Entkolonialisierung auseinandersetzt. Die zahlreichen Immigranten in Frankreich spielen dabei eine besondere Rolle. Die Nachkommen von Kolonisierten und Kolonialherren leben gegenwärtig zusammen. Sie gehen Beziehungen ein und müssen mit diesen Erinnerungen einen Umgang finden.

Erst 1999 wurde der Algerienkrieg als solcher gesetzlich anerkannt. Aber bis heute hatte kein französischer Präsident den Mut, die Schuld Frankreichs anzuerkennen. Emmanuel Macron bezeichnete bei einem Besuch in Algerien während seines Wahlkampfs die Kolonisation als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und erntete dafür Kritik und Beschimpfung. Glauben Sie, dass er als Präsident den Mut zum offenen Wort besitzen wird?
Macron wurde Meister in der Kunst, es sich mit niemandem zu verderben. Daher ist es schwierig herauszufinden, was er denkt. Jedes kritische Wort vonseiten der staatlichen Macht wird als Reue angesehen. 186 Jahre nach der Einnahme von Algier, die der grosse Historiker Alexis de Tocqueville mit Applaus begrüsste, begierig danach, dass die französischen Truppen das Land verheeren und alles zerstören, was einer Siedlung gleicht, konnte Macron uns erzählen, dass die Kolonisierung ein Erbteil der Kulturen sei. Es habe in Algerien, erklärte er auch, «Elemente der Zivilisation und Elemente der Barbarei» gegeben. Ich lese lieber Aimé Césaire, der das Geschehene aus der Sicht der Kolonisierten beurteilt.

Die Charta von London, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal den Begriff des Verbrechens gegen die Menschlichkeit definierte, sollte die erregten Gemüter besänftigen. Mit diesem Begriff bemäntelt sie Mord, ethnische Ausrottung, Versklavung, Deportation und andere unmenschliche Akte gegen die Zivilisation.

Eindringlich beschreiben Sie in Ihrem Roman die Angst und Hysterie, die damals durch die Terroranschläge ausgelöst wurden und zu inhumanen Massnahmen wie etwa der Folter führten. Stehen wir angesichts gegenwärtiger Terroranschläge in Europa abermals vor der Gefahr, die Werte der Humanität zu verraten?
Trotz der Grausamkeit, die Zivilbevölkerung als Ziel zu nehmen, besteht ein grosser Unterschied zwischen den Attentaten des FLN und jenen der Terrororganisation IS. Bei den einen ging es um einen Unabhängigkeitskampf, der von Widerstandskämpfern geführt wurde und den einer der mächtigsten Staaten der Welt unterdrückte. Die anderen haben nicht das Geringste mit Befreiung zu tun. Sie sind das Werk von Faschisten, deren Spitze erfahren ist im Ölgeschäft und der Ausbeutung von Bodenschätzen und deren Basis Erfahrung im Strassenraub hat.

Die Werte der Humanität sind allerdings weder aufseiten der Ritter des Kalifats noch aufseiten der Demokraten der freien Welt zu finden. Vergessen wir nicht, dass die Kader des IS ihr Projekt während des Irakkriegs im Camp Bucca, dem amerikanischen Gefangenenlager im Süden des Irak, beschlossen. Es bleibt Aufgabe der Bevölkerung, den Oligarchen und den theokratischen Angriffen standzuhalten und mit demselben Elan die freiheitsberaubenden Massnahmen und ungehörigen Gleichmachereien zurückzuweisen. Wer behauptet, die 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt seien Komplizen des IS, verdrängt, dass es Muslime sind, die zu den ersten Zielen des IS gehören und die auch zahlenmässig die meisten Opfer zu beklagen haben.

Sie berühren die damals aufgeheizte Kontroverse zwischen Kommunismus und Antikommunismus. In der Zeit, von der Ihr Roman handelt, glaubte man noch an die sozialistische Weltrevolution. Mittlerweile hat der Kapitalismus die Welt erobert …
Eine Studie von Oxfam liess letztes Jahr wissen, dass die acht reichsten Menschen der Welt ebenso viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Der soziale Krieg ist allgegenwärtig und findet täglich statt. Solange ein Präsident der Republik von jenen sprechen kann, «die nichts sind», und dennoch die Macht behält, so lange bleibt die soziale Frage weit offen. Die Literatur hat dabei ihre nicht zu bescheidene Rolle zu spielen.

Fernand Iveton wird in Ihrem Roman nicht als Fall, sondern als Mensch lebendig, mit seiner Kindheit, seiner Liebe und seinen Überzeugungen. Ist es das, was Literatur vermag, den Finger auf die Wunde zu legen?
Die Literatur, die mich bewegt, erscheint mir wie ein Gedanke, der ruchbar wird. Sie ist der Raum der sinnlichen Vernunft, das Feld, auf dem die geschriebene und die öffentliche Angelegenheit, das Individuum und die Bürgerschaft einander kreuzen. Ich liebe den Drahtseilakt, den Hintern zwischen zwei Stühlen, gleichermassen besorgt um den Rhythmus und die Linien der Buchstaben wie um die Befreiung und den Kampf, eine Literatur, die zum Ästheten ebenso Abstand hält wie zum Verteiler von Flugblättern, zum Formalismus ebenso wie zur jeden Effekt meidenden leeren Seite. Eine Literatur, die nicht bloss ein Abziehbild der Welt, ihrer Struktur, ihrer Hierarchie und ihrer Machtbeziehungen ist, sondern auch Probleme aufwirft und Fragen stellt.

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