Best Western : Der Niedergang des Imperiums

Nr. 17 –

Dorothee Elmiger über Pancake-Maschinen und andere Merkwürdigkeiten

Oft fragen mich die Leute zurzeit, wie lange ich denn noch bleiben wolle, in Amerika, und ich denke dann manchmal an Thomas Manns Novelle «Mario und der Zauberer». Ein Italienurlaub Ende der 1920er Jahre. Mitte August, Tyrrhenisches Meer. Aber die Stimmung im Badeort ist schlecht: «Gereiztheit, Überspannung». Es geht «national» zu, am Strand überall «patriotische Kinder».

Der Erzähler und seine Familie fühlen sich unerwünscht im faschistischen Italien, trotzdem reisen sie nicht ab. «Wir blieben auch deshalb, weil der Aufenthalt uns merkwürdig geworden war und weil Merkwürdigkeit ja in sich selbst einen Wert bedeutet, unabhängig von Behagen und Unbehagen.» Gerade dann, wenn einem das Leben unheimlich werde, ungeheuer, dann solle man bleiben und «sich das ansehen und sich dem aussetzen, gerade dabei gibt es vielleicht etwas zu lernen». Später allerdings werden die Urlaubsgäste ihre Entscheidung bereuen – noch wissen sie nicht, wie sehr sie in den hypnotischen Bann der Vorgänge geraten werden, wie schrecklich das Ende der Geschichte, wie gross der «Choc» sein wird.

Es sei doch irgendwie verständlich, als Schreibende da bleiben zu müssen, wo sich der Niedergang des Imperiums vielleicht am genauesten beobachten lasse, sagte ein Freund kürzlich am Telefon, und ich musste in diesem Moment daran denken, wie ich vor zwei oder drei Jahren einmal in einem Hotel irgendwo im Mittleren Westen übernachtet hatte. Gut möglich, dass es ein «Best Western» gewesen war – schmucklos und mit dünnen Wänden, vor den Fenstern leere Steppe, Grasland. Im Frühstücksraum hatte eine Pancake-Maschine gestanden. Und obwohl ausser mir niemand da war, kein Mensch, war fortlaufend Teig aus ihrem Inneren gequollen, hatte sich langsam und geräuschlos ausgebreitet.

Wie das Merkwürdige, das Unheimliche aufgeschrieben und übersetzt werden könnte, das frage ich mich oft in letzter Zeit. Obwohl unablässig über die US-amerikanischen Verhältnisse geschrieben wird, scheint in den Berichten zuweilen etwas zu fehlen. «Vielleicht eine Art Textur», sagt Henry, der Waliser, als wir uns in der Kneipe um die Ecke auf ein Euro Beer treffen. Die ganz spezifische Beschaffenheit des Alltags, durchdrungen von Diskursen und Ereignissen, Geschichte und Ökonomie. Eine Verwobenheit in der Welt. Rückkoppelungen.

Ja, das sei es vielleicht, was mich im Falle dieser Kolumne interessiere, sage ich: der Versuch, Texturen herauszuarbeiten. Ich wolle mir die merkwürdige Welt ansehen, und ich wolle alle möglichen Leute treffen – Flight Attendants, Backend-Entwicklerinnen, Trader, Kellner, Historikerinnen – und diesen Leuten alle möglichen Fragen vorlegen. Ich wolle wissen, was sie umtreibe. Wie sie arbeiteten. Welche Theorien sie für richtig hielten, woran sie sich orientierten. Wie sie sich die Zukunft vorstellten.

Ein Detail aus Thomas Manns Novelle ist mir übrigens seltsam deutlich in Erinnerung geblieben: Wegen der vielen Fiat-Wagen, die ständig zwischen den Badeorten am Tyrrhenischen Meer hin- und hergefahren seien, heisst es an einer Stelle, habe eine dicke weisse Staubschicht die Lorbeer- und Oleanderbüsche am Rand der Landstrasse bedeckt. Ich weiss noch, dass ich lesend die betreffende Landschaft plötzlich ganz klar vor mir zu sehen meinte, wie mit Blitzlicht aufgenommen. Die Zeit, von der Mann berichtete, war in diesem Bild ganz real geworden: Etwas hatte sich mir gezeigt, was zuvor verhüllt gewesen war. ●

Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.