Nr. 36/2016 vom 08.09.2016

Nicht zu früh, um mit dem Auto an die Grenze zu fahren

Die wegen Fluchthilfe festgenommene SP-Politikerin Lisa Bosia Mirra befindet sich in guter Gesellschaft – man muss ihr zu ihrer Tat gratulieren, schreibt die Schriftstellerin Dorothee Elmiger.

Von Dorothee Elmiger (Text) und Patric Sandri (Illustration)

Am 23. Juli 1846, ein Jahr nachdem der Lehrer und Landvermesser Henry David Thoreau seine Blockhütte am Walden Pond bezogen und über das Leben in den Wäldern zu philosophieren begonnen hatte, stand er auf von dem Baumstrunk, auf dem er womöglich sass, verliess die Landschaft mit Teich und unternahm einen Ausflug in die Stadt. Weil er seit längerer Zeit neun Schillinge Kopfsteuer schuldete, wurde er, der direkt aus den Wäldern kam, so geht die Geschichte, an diesem Tag auf der Stelle von Sam Staples, seines Zeichens Polizist und Steuereinnehmer, verhaftet und für eine Nacht im Middlesex County Jail in Concord festgehalten. Thoreau beschreibt die Übernachtung in seiner Schrift «Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat»: «Dort für diese eine Nacht zu liegen, war wie die Reise in ein fernes Land, das ich nie zu sehen erwartet hatte. Mir schien es, als hätte ich die Turmuhr vorher nie schlagen gehört und auch nicht die abendlichen Geräusche der Gemeinde. (…) Ich sah also meinen Heimatort im Licht des Mittelalters, unser Fluss Concord war in den Rhein verwandelt, und ich hatte Visionen von Rittern und Burgen, die an mir vorüberzogen (…). Ich war ziemlich weit in [meinen Heimatort] eingedrungen. Niemals vorher hatte ich seine öffentlichen Einrichtungen so recht gesehen.»

Underground Railroad

Während Thoreau, Sohn eines Bleistiftfabrikanten, im Gefängnis, das ihm als quasi mittelalterliche Institution erschien, schlief oder wach lag, war der Mexikanisch-Amerikanische Krieg im Gange, und die Mason-Dixon-Linie teilte die Vereinigten Staaten in nördliche und südliche auf, in denen sich SklavenhalterInnen und AbolitionistInnen gegenüberstanden. Auf die amerikanische Expansion Richtung Westen und auf die Frage der Sklaverei bezog sich Thoreau in seiner Schrift über den zivilen Ungehorsam, die drei Jahre später erstmals erscheinen sollte, wenn er schrieb: «Mit anderen Worten, wenn ein Sechstel der Bevölkerung einer Nation, die sich selbst zu einer Zuflucht der Freiheit gemacht hat, versklavt ist und wenn ein ganzes Land widerrechtlich überrannt (…) wird, dann, meine ich, ist es nicht zu früh für ehrliche Leute, aufzustehen und zu rebellieren.»

1854, zurück aus dem Wald, schloss sich Thoreau der Underground Railroad an, einem mehr oder weniger verdeckt arbeitenden Netz von Organisationen und Individuen, die SklavInnen auf ihrer Flucht aus den Südstaaten über die Mason-Dixon-Linie unterstützten – darunter Matrosen auf nördlich segelnden Frachtschiffen, Quäkerfamilien auf pennsylvanischen Bauernhöfen, ehemalige Sklavinnen in den Metropolen des Nordens und der Gepäckbeamte am Bahnhof von Harrisburg. Auf der Route Richmond–New York gewährte ein Schiffskoch dem Passagier Henry Johnson Versteck an Bord, eine Südstaatlerin mietete eine Kutsche und liess sich vom vorgeblichen «Kutscher» David Lewis aus Leesburg, Virginia, Richtung Norden führen, um ihm so die Passage zu ermöglichen, die Quäkerin und Ornithologin Graceanna Lewis gründete eine «Nähgesellschaft», um die SklavInnen für die Reise in den Zügen mit unauffälligen Kleidern auszustatten.

Lisa Bosia Mirra, Tessiner Grossrätin.

«Wenn aber», schrieb Thoreau, «das Gesetz so beschaffen ist, dass es dich zwingt, einem anderen Unrecht anzutun, dann, sage ich, brich das Gesetz. Mach dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten.»

Zu anderer Zeit und unter anderen Umständen haben andere ehrliche Leute als FluchthelferInnen geamtet und Grenzübertritte erleichtert, haben sich an ein Rädchen der Maschine gehängt, um sie zu verlangsamem, oder unterwegs ein bisschen Sand ins Getriebe gestreut: Der amerikanische Journalist Varian Fry organisierte in Marseille die Ausreise Tausender Menschen auf der Flucht vor dem NS-Regime, Paul Grüninger tat in der Ostschweiz seinen heimlichen Dienst, durch die Wüste Arizonas gehen Freiwillige auf der Suche nach jenen, die nach der Grenzüberquerung die Orientierung verloren haben. Nach dem Putsch Pinochets versuchten SchweizerInnen rund um den Kaplan Cornelius Koch, im Rahmen der «Freiplatzaktion für Chileflüchtlinge» geflüchtete ChilenInnen von Mailand her über die Grenze in die Schweiz zu bringen. Und zuletzt brachen ÖsterreicherInnen – darunter der Publizist Robert Misik – im vergangenen Sommer mit ihren Autos Richtung Ungarn auf, um syrische Geflüchtete von dort nach Österreich zu bringen.

Lisa Bosia Mirra und jene zweite Person, die vergangene Woche wegen «Begünstigung eines illegalen Grenzübertritts» im Tessin festgenommen wurde, befinden sich ohne Frage in guter Gesellschaft: Sosehr sich die Umstände der historischen Momente, in denen Fluchthilfe ohne Zweifel geboten war, ganz grundsätzlich unterscheiden, so deutlich ist es angesichts der gegenwärtigen Situation vor der südlichen Schweizer Grenze, dass Bosia Mirra zu ihrem Versuch, minderjährigen Flüchtenden diese Strapazen zu ersparen, gratuliert werden muss. Wenn das Schweizer Grenzwachtkorps die Rechte der Geflüchteten missachtet, indem es sie kurzerhand zurück über die Grenze nach Como schafft, dann ist es bestimmt «nicht zu früh für ehrliche Leute, aufzustehen» und mit dem Auto selbst an die Grenze zu fahren.

Denn dort wird ausserdem – mit jeder gelungenen Passage, mit jedem verwehrten Übertritt – immer auch entschieden, in welcher (zukünftigen) Gesellschaft wir leben: «Die Staatsbürgerschaft in einer liberalen Demokratie des Westens», schreibt der Politikwissenschaftler Joseph H. Carens, «ist das moderne Äquivalent feudaler Privilegien – ein vererbter Status, der die Lebenschancen massiv verbessert.» Wer den mittelalterlichen Geburtsprivilegien die internationale Solidarität vorzieht, kann sich eine Reise Richtung Süden überlegen.

Bei offenem Fenster schlafen

Dass den Behörden nichts Besseres einfiel, als Bosia Mirra zu verhaften, erstaunt in diesem Zusammenhang nicht. Vielleicht hatte auch sie mediävale «Visionen von Rittern und Burgen», vielleicht hörte sie wie Thoreau «die abendlichen Geräusche der Gemeinde» durch ein offenes Fenster. Um diese hören zu können, musste der Amerikaner damals seine einsame Waldhütte verlassen und in die Stadt marschieren, wo seine ZeitgenossInnen lebten und arbeiteten und ihr Zusammenleben verhandelten. Ganz grundsätzlich, könnte man vielleicht sagen, teilen die Seeleute und Näherinnen, die österreichischen Autofahrerinnen und jene an der Schweizer Grenze dies: dass sie bei offenem Fenster schlafen und hören, was los ist. Dass sie ihre Häuser verlassen, falls nötig, weil sie ihr Leben als eines verstehen, das in der Gegenwart anderer passiert und geführt wird.

Die Schriftstellerin Dorothee Elmiger (30) lebt in Zürich. Ihn ihrem letzten Roman, «Schlafgänger» (2014), lotet sie die Erfahrung der Grenze aus. Für ihre «hochpoetische politische Prosa» erhielt sie 2015 den Erich-Fried-Preis.

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