Nr. 51/2020 vom 17.12.2020

Die Schornsteine des Nachbarn

Wijk aan Zee liegt am Fuss der nordholländischen Dünen – und neben einer riesigen Stahlfabrik. Schon seit Jahren leiden die BewohnerInnen unter giftigem Feinstaub und Gestank. Wendet sich jetzt das Blatt?

Von Tobias Müller (Text) und Henny Boogert (Fotos), Wijk aan Zee

Nach zwanzig Jahren Kopfschmerzen und brennenden Augen hat Sabine van Otterloo genug. Anfang Dezember fährt sie hinüber ins Städtchen Beverwijk und erstattet Anzeige gegen Tata Steel. Die Fabrikanlage des Stahlgiganten liegt nur wenige Kilometer Luftlinie von ihrem Haus entfernt, und ihre Emissionen erfüllen, so hofft sie, den Tatbestand von Artikel 173 des niederländischen Gesetzbuchs, wonach sich strafbar macht, «wer vorsätzlich und widerrechtlich eine Substanz auf oder in den Boden, die Luft oder ins Oberflächengewässer bringt, wenn damit Gefahr für die öffentliche Gesundheit oder Lebensgefahr für andere zu befürchten ist».

Wijk aan Zee, dreissig Kilometer nordwestlich von Amsterdam an der Mündung des Nordseekanals gelegen, ist ein früheres Fischerdorf. Ende des 19. Jahrhunderts wurde es ein Badeort, wo vor allem BewohnerInnen der Hauptstadt den Sommer verbrachten. Heute leben hier etwa 2000 Menschen.

Zehn Jahre alt ist Sabine van Otterloo, als sie Mitte der 1980er Jahre mit ihren Eltern hierherzieht. Die Familie übernimmt ein Hotel mit dem Namen Mare Sanat (Das Meer heilt). Doch nicht alles ist gesundheitsfördernd in der neuen Umgebung. So erzählt ihre neue beste Freundin, dass die Grundschulkinder kurz vor ihrer Ankunft Tests absolvieren mussten: Velo fahren mit einer Atemmaske, um die Lungenfunktion zu messen. Die kleine Sabine ärgert sich, dass sie das verpasst hat, die erwachsene lächelt gequält, wenn sie von ihrer ersten Erinnerung an Wijk aan Zee spricht. Was bei den Tests herauskam, weiss sie nicht.

Tränende Augen, Kopfweh und Lärm

Die Geschichte der Hotelierstochter ist bezeichnend für dieses Dorf, das auf den ersten Blick etwas spröde und just darum überaus charmant wirkt. Kommt man über den einzigen Zufahrtsweg nach Wijk aan Zee, findet man die paar Strassen des Zentrums um eine grosse Wiese herum drapiert. Niedrige braune Backsteinhäuser lehnen sich an dahinter aufragende Dünen. Es hat etwas von einem englischen Minenstädtchen, das sich an die Nordsee verirrt hat. Für einen Eindruck der Umgebung klettert man am besten die Paasduin hoch, die steilste Dünenreihe am Südrand des Dorfs: Oben entfaltet sich ein kolossales schwerindustrielles Panorama. Bei grauem Himmel sieht das apokalyptisch aus, bei Sonne surreal.

Seit 1918 befindet sich am Rand des Dorfs ein Fabrikkomplex zur Stahlproduktion. Die Koninklijke Hoogovens waren lange ein teils staatlicher Betrieb. 1999 fusionierte dieser mit British Steel zu Corus, das 2007 vom indischen Konkurrenten Tata Steel übernommen wurde. Das 750 Hektaren grosse Konglomerat, das zur Hafenstadt IJmuiden auf der anderen Seite des Nordseekanals gehört, umfasst unter anderem zwei Hochöfen, zwei Koksfabriken, eine Sinter- und eine Oxystahlfabrik. Zusammen bilden sie das grösste zusammenhängende Industriegelände der Niederlande, das mit rund sieben Prozent des landesweiten Ausstosses zugleich einer der grössten industriellen CO2-Emissionäre ist. «Ich hatte eine prächtige Jugend hier», sagt Sabine van Otterloo, die heute 44 ist und im Hotel der Eltern arbeitet. «Ich wuchs mit Pferden auf, am Strand und im Wald. Wir spielten in Baumhütten und den Bunkern des Atlantikwalls.»

Die Idylle hat eine Schattenseite. Als junge Erwachsene entwickelt sie Beschwerden. Ihre Augen jucken und tränen. Oft wird sie gefragt, ob sie geweint habe. Der Arzt verschreibt Tropfen, die nicht helfen. Dazu kommen starke Kopfschmerzen, mehrmals im Monat, die manchmal zwei, drei Tage lang anhalten. «Aber am schlimmsten ist der Gestank nach faulen Eiern von der Koksfabrik. Und dann ist da der Lärm. Oft klingt es, als ob sie stählerne Gegenstände in eine Wanne schmeissen. Im Sommer kann man nicht bei offenem Fenster schlafen.»

Lange nimmt Sabine van Otterloo diese Situation einfach hin. Erst in den letzten Jahren, in denen mehr und mehr Untersuchungen gemacht und Statistiken publiziert wurden, bringt sie ihre Probleme mit der Stahlfabrik in Verbindung. Seit 2016 gehen immer häufiger sogenannte Grafitregen über Wijk aan Zee nieder. Vor allem Ende 2018 kommen sie landesweit in die Schlagzeilen. Sie enthalten Teile von Schlacken, einem Abfallprodukt der Stahlherstellung, und bleiben auf Fenstersimsen, Autos, Wänden, aber auch auf Spielplätzen als schmierige schwarze Staubschicht zurück.

Blei, Mangan, Vanadium

Seit diesem Sommer ist die Fabrik, in der Stahlabfälle verarbeitet werden, mit einer neuen Halle überdeckt. Laut Tata Steel ist das Grafitproblem damit gelöst. Schwarzer oder dunkelgrauer Staub allerdings, den der Südwestwind mit sich führt, gehört für die Menschen in Wijk aan Zee noch immer zum Alltag. Sabine van Otterloo findet ihn regelmässig auf dem Vorsprung neben ihrer Haustür, wo sie ihn BesucherInnen gerne präsentiert, oder auf der weissen Nase ihres Pferdes Adessa, das mit einigen anderen auf der riesigen Dorfweide am Ortseingang steht.

Das Wort «Grafitregen», in niederländischen Medien geläufig, finden viele BewohnerInnen überaus beschönigend. Untersuchungen des staatlichen Gesundheitsinstituts RIVM ergeben 2019, dass darin sogenannte PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) ebenso enthalten sind wie die Schwermetalle Blei, Mangan und Vanadium, die vor allem für kleine Kinder gefährlich sind. Eine Folgeuntersuchung vom Sommer 2020 konstatiert, dass die Konzentration der potenziell krebserregenden PAK im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 360 Prozent gestiegen ist. Auch die Bleikonzentration in den entnommenen Staubproben hat zugenommen.

Die Liste der Alarmsignale ist damit noch nicht komplett. 2017 stellt sich heraus, dass die PAK-Emissionen der Koksfabrik über dem Grenzwert liegen. 2018 bemängelt der staatliche Inspektionsdienst das Gleiche in puncto Stickstoffoxide. Im Juni 2020 wird in Schlackebergen auf dem Tata-Gelände nahe eines Velowegs zum Strand das giftige Chrom-6 gefunden. Einen Monat später macht das RIVM bekannt, an drei Messpunkten im Umfeld der Fabrik seien deutlich erhöhte Konzentrationen von Ultrafeinstaub festgestellt worden. Das regionale Gesundheitsamt warnt, das Lungenkrebsrisiko liege in der Kommune Beverwijk, zu der Wijk aan Zee zählt, 27 Prozent über dem Durchschnitt.

All dies steht in einem Brief, den eine Gruppe namens «Besorgte (Gross-)Eltern» im Spätsommer dieses Jahres an die Abgeordneten der Provinz Nordholland schickt. Die Provinz entspricht in der politischen Struktur der Niederlande einem Kanton, und sie ist zuständig für Lizenzen und Umweltstandards, denen Betriebe unterliegen. «Schon gut ein Jahrhundert leben wir hier zusammen mit der Stahlindustrie», heisst es dort. Dass diese lebensbedrohend sei, habe man lange nicht wahrgenommen, weil der Staat seine BürgerInnen doch zu schützen habe. «Seit den Grafitregen wissen wir es besser.»

Über eine Whatsapp-Gruppe hat sich im Sommer auch Sabine van Otterloo den Besorgten (Gross-)Eltern angeschlossen. Ihre Haltung zu Tata Steel ist in letzter Zeit immer kritischer geworden. Im September gehört sie zu der Gruppe, die eine Protestkundgebung auf der Dorfweide organisiert. Knapp 500 Stühle stehen dort, für all jene, die den Aufruf an die Provinz unterzeichneten. Wegen der Coronamassnahmen werden nur 50 davon besetzt. Auf den übrigen liegen Zettel mit Botschaften der UnterzeichnerInnen: «Mein Kind hat nur ein Paar Lungen» steht darauf, oder «Stoppt die Vergiftung von Wijk aan Zee».

Die Forderung an die Politik ist deutlich: Untersuchungen hat es genug gegeben, nun ist es Zeit zum Handeln. Sabine van Otterloo denkt dabei an ihre eigenen Kinder. Achtzehn und neun Jahre zählen sie, das jüngere ist also fast so alt wie sie, als sie hierherzog. «In den Untersuchungen wurden so viele schädliche Stoffe gefunden. Aber du weisst nie genau, wann du eigentlich was einatmest.»

Weggezogen – Lunge erholt

Wenn Wijk aan Zee schläft, geht bei Tata der Betrieb weiter – und wie! Im Halbkreis schloten die Schornsteine vor sich hin, hell heben sich ihre Emissionen gegen den Himmel ab. Rote Signallichter leuchten bei den Hochöfen, und über der Szenerie hängt ein beständiges Dröhnen und dumpfes Surren. Im Kessel zwischen den Dünenzügen breitet sich beissender Gestank aus. Zu allem Überfluss folgt er einem nach drinnen, wenn Fenster oder Balkontür wieder geschlossen sind.

Und dann sind da die Geschichten jener, die gingen. Bas van den Born zum Beispiel, einst Mitglied des ehrenamtlichen Dorfrats, der sich oft über den Stand der Dinge bei Tata Steel beschwerte. Ob die Fabrik für seine Sarkoidose verantwortlich ist, lässt sich nicht sagen: Es ist ein Merkmal dieser Entzündungskrankheit, die meist die Lunge betrifft, dass ihre Ursache im Dunkeln liegt. Bas van den Born zog im Sommer in eine kleine Stadt in der Provinz Friesland. Von dort berichtet er telefonisch, dass sich seine Lungenkapazität bei der letzten Messung deutlich verbessert habe.

Unterdessen scheint es, als entdecke Wijk aan Zee die eigene Wehrhaftigkeit. Das mediale Interesse aus dem ganzen Land hat auch für neuen Elan gesorgt. Davon zeugt die Versammlung des Dorfrats Mitte November, die diesmal virtuell stattfindet. Fünfzehn Mitglieder haben sich von zu Hause zugeschaltet.

Zwei Stunden dauert das Treffen, und das Gros der Zeit geht es um Tata Steel: Emissionen, Lungenkrebsrisiko, das nachlässige Melden von Vorfällen wie einem Brand. «Seit einigen Jahren geht das so», erklärt Hans Dellevoet, der sich seit dreizehn Jahren im Rat um Raumordnung kümmert. «Eigentlich müssten wir uns mit Spielplätzen und Bordsteinen beschäftigen, wie ein normaler Dorfrat. Stattdessen sind wir in diesem Kampf mit einem Nachbarn, der sich an gar nichts hält und uns vergiftet.»

Eine Woche nach der Sitzung empfängt er in seinem Haus an der Dorfweide, gleich unterhalb der grossen Düne. Der 55-Jährige zog kurz vor dem Millennium mit seiner Frau, die aus Beverwijk stammt, hierher. Er ist Pilot und hat, konjunkturbedingt, drei Wochen Urlaub.

Auch auf seinen Fensterrahmen liegt eine dunkle Schicht Staub. Die Situation spitze sich zu, findet Hans Dellevoet. Alle zwei bis drei Wochen macht er derzeit Gebrauch vom Reinigungsdienst, den Tata Steel kostenlos bereitstellt und der auch jeden Morgen Spielplätze und Briefkästen in Wijk aan Zee säubert. Manchmal kommen sie den Staubemissionen kaum hinterher. «Letzten Montag waren sie hier. Donnerstag hatte ich den letzten Flug, nach Tokio. Als ich Sonntagnacht zurückkam, lag da schon wieder eine neue Schicht.»

Die Idee, den Nachbarn eben zu verklagen, weil die staatlichen Behörden zu zaghaft sind, stammt von ihm. Ende November haben sich bereits zehn Bewohnerinnen des Dorfs angeschlossen. Auf dem Polizeirevier in Beverwijk gehen die Termine aus, Interessierte werden nach IJmuiden verwiesen. Inspiriert wurde Hans Dellevoet von der niederländischen Staatsanwaltschaft, die im Herbst bekannt gab, Tata Steel zu verklagen. Grund: ein Verstoss gegen die Umweltauflagen, wonach sich Staub, der bei der Stahlproduktion freigesetzt wird, nicht weiter als zwei Meter vom Gelände entfernt niederschlagen darf.

Dass er sich durch ein Engagement nicht nur Freunde macht, ist Hans Dellevoet klar. Die Fabrik ist ein wichtiger Arbeitgeber, Angestellte fürchten um ihr Einkommen. Für viele Alteingesessene gehört «Tata» auch zur lokalen Identität. Konsequenz: «Auf Social Media versucht man, uns einzuschüchtern. Hier zum Beispiel …» Er öffnet ein Facebook-Forum auf seinem Telefon und zitiert eine Tirade, die sich auf Zugezogene wie ihn richtet: «Was sind diese Import-Wijk-aan-Zeer für schreckliche Essigpisser. Zieht doch woanders hin!»

«Ich schlag dir den Schädel ein»

Auch Jan van Kampen hat diese Wut zu spüren bekommen. Der Computerwissenschaftler, der auf Festivals mit Kunstinstallationen auftritt, hat all seine 29 Lebensjahre in Beverwijk verbracht. Als Kind hielten ihn die Eltern an, den Tisch vor dem Haus nicht zu lang vor dem Essen zu decken, wegen der schwarzen Flöckchen, die herüberwehten. Doch er weiss auch um die ökonomischen Abhängigkeiten: «Jeder hat ein Familienmitglied, das bei Tata Steel arbeitet. Und mein Vater merkt es in seinem Juweliergeschäft, wenn dort das dreizehnte Gehalt gezahlt wurde. So ist das hier.» Rund 9000 Menschen arbeiten beim niederländischen Zweig von Tata Steel.

Im Dezember 2018, auf dem Höhepunkt der Grafitregen, stellt er mit zwei Kollegen die Website stofmelder.nl online, auf der Beschwerden über Emissionen, Gestank und Lärm gemeldet werden können, die von dort je nach Wunsch der AbsenderInnen an Tata Steel, das Gesundheitsamt oder die Umweltbehörden weitergeleitet werden. Die Meldungen kommen bis heute täglich. «Rund 3000 haben wir bisher abgehandelt», sagt Jan van Kampen, der Wert darauf legt, dass es hier nicht um Aktivismus gehe, sondern um Analyse und verlässliche Daten.

Trotzdem empfängt er öfter Bedrohungen von falschen Messengeraccounts – meist dann, wenn Medien seine Website zitieren, um die Situation in Wijk aan Zee zu beschreiben. «Wenn ich du wäre, würde ich mich öfter umschauen, wenn du abends über die Strasse gehst», heisst es da, oder eindeutiger: «Wenn ich dich treffe, schlag ich dir den Schädel ein.» Zweimal hat er Absender als Tata-Mitarbeiter identifizieren können. Schlaflose Nächte bereiten ihm die Bedrohungen inzwischen nicht mehr. Sorgen macht er sich noch immer.

In der zweiten Novemberhälfte überschlagen sich die Ereignisse rund um die Tata-Fabrik. Zunächst ist da der Aufmacher des TV-Nachrichtenmagazins «Een Vandaag», das mit der engagierten Regionalzeitung «Noordhollands Dagblad» die Lungenkrebshäufigkeit der Region nach Postleitzahlen untersucht hat. Fazit: In manchen Gebieten liegt das Risiko nicht um 27, sondern um 40, 46 oder gar 51 Prozent höher.

Ein Tata-Sprecher kommentiert gegenüber der WOZ: «Es geht hier nicht um neue Fakten: Bereits vorhandene Zahlen wurden nur auf andere Weise dargestellt.» Weiter betont er, die Untersuchungen gingen nicht auf die Ursache des erhöhten Risikos ein. Er verweist auf die Roadmap, einen internen Massnahmenkatalog, mit dem Tata Steel bis 2030 mit technischen Eingriffen «alle Quellen von Belästigung deutlich vermindern» will – und empfiehlt einen Beitrag des Lokalsenders NH Nieuws, in dem BewohnerInnen Beverwijks fröhlich versichern, sie würden niemanden mit Lungenkrebs kennen und ohne die Fabrik gebe es auch keinen Wohlstand in der Stadt.

Winterruhe und Wut

Die Provinzregierung gerät nun mehr und mehr unter Zugzwang. Offenbar sieht sie den Innovationsdrang von Tata nicht als ausreichend. Anfang 2021 will sie eine Schalterstelle in Wijk aan Zee eröffnen, um schnell auf Beschwerden zu reagieren. Damit startet sie das Programm «Tata Steel 2020–2050», das zunächst auf strengere Aufsicht setzt und mittelfristig die Umweltauflagen «strenger handhaben» will, erklärt ein Mitarbeiter per E-Mail. Zudem wolle man «Luftqualität, Geruch und Geräusche und ihren Effekt auf die Gesundheit kontinuierlich messen» und notfalls mit Hilfe der niederländischen Regierung und der EU strengere Auflagen erwirken.

Für den Dorfrat ist all dies viel Lärm um nichts: «Vage gute Vorsätze», bemängelt die Dezembernummer der Dorfzeitung «De Jutter» (Der Strandräuber). Gemessen habe man in den letzten Jahren genug. Nun brauche es konkrete Pläne, um wie viel die Emissionen wann vermindert würden. In einem ersten Schritt soll die veraltete «Koksfabrik II» schliessen, die Tata Steel «nicht unter Kontrolle» bekomme.

Der Pandemiewinter in Wijk aan Zee verspricht noch stiller als ohnehin zu werden. Die Strassen sind leerer als sonst, die Snackbars sind alle geschlossen. Das Hotel Sonnevanck hat seine Musikabende ausgesetzt und verkauft, kurz vor dem Aufgang zum Strand, Kaffee und Kuchen zum Mitnehmen. Nur der Blick auf die schlotende Armada ist derselbe wie immer. Und natürlich schiebt sich ab und zu ein Frachtschiff durch die letzten Meter des Nordseekanals Richtung Meer. Vom Strand aus sieht man nur den oberen Teil, sodass man sich fragt, ob man von all den Abgasen nun halluziniert.

Die Stille täuscht. Hinter der lautlosen Fassade von Wijk aan Zee geht der Protest weiter. Hans Dellevoet, der Pilot auf Urlaub, nimmt in seinem Haus an der Dorfweide an einer virtuellen Versammlung des Provinzparlaments teil. Er wendet sich an Jeroen Olthof, in der Regierung zuständig für Umwelt und Gesundheit: «Was wird Olthof in zehn Jahren sagen, wenn die hohe Krebssterblichkeit in der Region Thema einer parlamentarischen Untersuchungskommission ist? Dass er nicht wusste, dass es von der Luftverschmutzung kam? Dass er nicht wusste, dass Tata Steel die weitaus wichtigste Quelle der Emissionen war? Dass seine Berater sagten, er könne nichts machen? Dass Tata Steel so wichtig war, dass dafür Menschenleben geopfert wurden?»

Tata Steel will 300 Millionen Euro in Massnahmen investieren, die die schädlichen Folgen für die Umgebung vermindern sollen. Das gab der Konzern am 8. Dezember bekannt.

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