Film : Wenn Drohnen Drogen bringen
Mit Satire das Regime blossstellen: So unverfroren wie Ali Asgari in «Divine Comedy» hat sich noch kaum ein iranischer Filmemacher über das System mokiert.
«Der Hund muss raus», sagt die Stimme aus dem Off. Sie gehört dem Minister for Guidance and Culture – die Kultur spielt allerdings eine Nebenrolle. Zumindest, solange sie nicht streng islamisch und in Farsi daherkommt. Und Hunde gelten im Islam nun mal als unreine Tiere. Aber auch das ist letztlich nebensächlich. Im Zentrum steht das Ritual der Unterwerfung, ein unheimliches Déjà-vu für den Filmemacher Bahram auf der Leinwand wie für das Publikum im Kino: Dasselbe Büro, dieselbe starre Cadrage, wieder sind Früchte, Süssigkeiten und Tee einladend ins Bild gesetzt, ja sogar die Stimme aus dem Off ist noch dieselbe, jene von «Herr Chegini», der bereits in Ali Asgaris «Terrestrial Verses» (2023) Zensur bis zur Verstümmelung des Filmskripts übte.
Gewechselt hat in Asgaris neuem Film «Divine Comedy» nur die Person des Zensurierten. Aber selbst das spielt letztlich keine Rolle. Weil in «Divine Comedy» alle Protagonist:innen vor der Kamera in gewisser Weise Varianten ihrer selbst spielen. Ein Vexierspiel mit dem Mullahregime des Iran, das dieses im Gewand der Komödie womöglich noch präziser und tiefer trifft. Es entspinnt sich als eine Art Roadmovie auf rosa Vespa: Nachdem Chegini Bahram beschieden hat, sein Film werde nie zur Aufführung kommen, macht sich dieser zusammen mit seiner Produzentin Sadaf auf die Suche nach einem Ort in Teheran, wo er seinen Film trotzdem zeigen kann – doch das Regime lauert überall. Ein Spiessrutenlauf beginnt.
Werbespot für Glace
Mutig ist das – und frech sowieso –, wie Asgari hier in der Gestalt von Bahram aufgreift und weiterspinnt, was ihm mit «Terrestrial Verses» am eigenen Leib widerfuhr: Sein Film wurde mit einem Aufführverbot belegt, er selbst für zwei Monate unter Hausarrest gestellt. Dass er eine Dreherlaubnis erhalten hätte für eine Fortsetzung davon? Undenkbar. Offiziell eingereicht hat Asgari deshalb nur den Antrag für einen Glacewerbespot. Die inszenierte Italianità in «Divine Comedy» mit der rosa Vespa und dem bärtigen Bahram, der durch die Strassen Teherans surft wie einst Nanni Moretti in «Caro diario» durch Rom: ein zuckerwattesüsser Gruss an die Zensoren. Mit garantiert bitterem Nachgeschmack, hockt Bahram doch im Sozius, die Vespa lenkt Sadaf, eine Frau, noch dazu mit blau gefärbtem Haar. Bereits in «Terrestrial Verses» hat sie damit das Mullahregime zur Weissglut getrieben.
Im realen Leben ist Sadaf Asgari, Nichte des Regisseurs und Schauspielerin, dafür mit einem Berufsverbot belegt worden. Auch andere Protagonist:innen wie Bahram Ark und sein Zwillingsbruder Bahman sind als Filmemacher intim vertraut mit den Schikanen und Unterdrückungsmustern des Regimes. Und man merkt rasch: Hier spielt ein Ensemble (es ist weitgehend dasselbe wie in «Terrestrial Verses»), das genau weiss, wo es in dieser «göttlichen Komödie» mit seinen Schelmereien ansetzen muss, um das System dort zu piesacken, wo es am meisten wehtut.
Auf ihrer Odyssee durch Teheran kreuzen Bahram und Sadaf allerlei kauzige Figuren. Dabei entfalten die Begegnungen zuverlässig anarcho-witzige Situationskomik – mit Dialogen, die zwischen vergnüglichem Geplänkel und scharfzüngigem Schlagabtausch changieren. Dass die Irrfahrt immer tiefer in eine Unterwelt führt, in der ein paar Gramm Kokain hilfreicher sind als ein moralischer Kompass, führt zum Kern dessen, was unter der Oberfläche des Erzählten vieldeutig mitschwingt.
Wenn etwa der Drogenkurier eine Drohne das Koks überbringen lässt, ist das vielleicht eine witzige Überraschung. Doch im Unerwarteten schlummert auch das Bedrohliche: die Drohne als Herrschaftsinstrument, das überwacht und straft. Was erwartet Bahram an jener Adresse, zu der ihn ein unbekannter Anrufer dirigiert, der die rosa Vespa offenbar aus der Luft verfolgt? Es ist – die wohl deutlichste Anspielung auf Dantes «Göttliche Komödie» – die Hölle, inszeniert als düstere Bar, in deren Hintergrund immer wieder ein Feuer züngelt. Der Teufel tritt in Gestalt eines Schergen des Kulturministers auf, der Bahram mit Alkohol und einem regimegefälligen Filmprojekt lockt. Ein Zufall, dass der Film ausgerechnet hier ins Stocken gerät und Längen entwickelt?
Ironische Distanz auch zu sich selbst
Grossartig hingegen ist, wie die realen Figuren als Varianten ihrer selbst in vielfachen satirischen Volten auch sich selbst zum Teil der Farce machen. So ist Bahrams Zwillingsbruder mit seichten, regimegefälligen Komödien reich geworden (im realen Leben machen die beiden zusammen anspruchsvolles Arthousekino), als einziges Relikt seiner künstlerischen Ambitionen hängt Jean-Luc Godard übergross und in Schwarz-Weiss über dem Designsofa. «Wenn du damals gewusst hättest, dass du solche Filme drehen wirst», fragt ihn Bahram, «hättest du dann noch Filmemacher werden wollen?» Als Antwort holt sein Bruder eine Waage, stellt zufrieden fest, dass er heute zehn Kilo mehr wiegt als Bahram.
Schliesslich steht Bahram doch noch vor der Leinwand und verkündet (nicht zuletzt als Vertreter von Regisseur Asgari), jetzt, wo er seinen Film endlich im Iran zeigen dürfe, fühle er sich wie im Himmel. Und dann ist ausgerechnet er es, der in einer letzten ironischen Volte zur Zensur schreitet, weil das Tier der Gastgeberin die Vorführung stört: «Der Hund muss raus.» ●
«Divine Comedy». Regie: Ali Asgari. Iran 2025. Jetzt im Kino. Spezialvorstellung in Anwesenheit von Regisseur Ali Asgari in Zürich: Arthouse Piccadilly, Samstag, 25. April, 18 Uhr.