Neuordnung am Golf : Plötzlich in einen Krieg verwickelt

Nr. 17 –

Wo stehen die Golfstaaten im US-israelischen Krieg gegen den Iran? Islamwissenschaftler Toby Matthiesen erläutert die unterschiedlichen Positionen.

Luftaufnahme der zerstörten Flüssiggasanlage in Ras Laffan
Trotz enger Beziehungen zum Iran wurde Katar angegriffen: Teil einer Flüssiggasanlage in Ras Laffan drei Tage vor Kriegsausbruch. Hannibal Hanschke, Keystone

Der Krieg gegen den Iran und die Blockade der Strasse von Hormus haben die Bedeutung der Golfregion für die Weltwirtschaft verdeutlicht – und auch deren Verwundbarkeit aufgezeigt. In der Berichterstattung werden die Golfstaaten oft als uniformer Block beschrieben, doch es lohnt sich, ihre Unterschiede in den Blick zu nehmen.

Kuwait etwa war eines der ersten Länder der Golfregion mit grossen Erdöleinnahmen. Im Ersten Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak von 1980 bis 1988 unterstützte das Land den Irak, wurde später allerdings von diesem militärisch besetzt. Die Befreiung des Landes durch die USA führte zu einem erheblichen Ausbau der amerikanischen Militärinfrastruktur in der Region, in Kuwait selbst, aber auch in Saudi-Arabien. Aufgrund anhaltender Proteste gegen die Basen wichen die USA in den neunziger Jahren auf Katar aus – wo bis heute der grösste US-Luftwaffenstützpunkt der Region liegt.

In Bahrain wiederum übernahmen die USA den Marinestützpunkt der Briten, als diese 1971 abzogen. Damals war der wichtigste Kalte Krieger am Golf noch der Schah von Persien, und die US-Strategie war in erster Linie auf den Iran ausgerichtet – die sich erst langsam entwickelnden Golfstaaten waren zweitrangig. Das änderte sich schlagartig mit den stark gestiegenen Ölpreisen in den siebziger Jahren und der Islamischen Revolution im Iran von 1979.

Kooperation mit Israel

Seither ist die ganze Golfpolitik der USA auf eine Schwächung des Iran ausgerichtet. Allerdings erlaubte es gerade die US-Besetzung des Irak (und von Afghanistan), dass der Iran seine Macht sukzessive ausbauen konnte. Im Kontext der US-Kriege und der gleichzeitigen Stärkung des Iran vergrösserte sich einerseits die US-Militärpräsenz weiter und nahmen andererseits einige Staaten Kontakte zu Israel auf. In Donald Trumps erster Amtszeit gipfelte dies in den Abraham-Abkommen, der Normalisierung diplomatischer Beziehungen von Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), dem Sudan und Marokko mit Israel. Seitdem heisst es immer wieder, weitere Golfstaaten würden bald folgen oder bereits mit Israel zusammenarbeiten.

Sichtbar wurde diese Kooperation im Arabischen Frühling, der eine grosse Bedrohung für die autokratischen Herrscher am Golf war. Insbesondere in Bahrain und in Kuwait gab es grosse Protestbewegungen. In Bahrain wurden diese von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit getragen. Niedergeschlagen wurden die Proteste auch mit israelischer Hilfe – so kauften mehrere Golfstaaten die Spionagesoftware Pegasus ein, um Dissident:innen auszuhorchen. Auch im jetzigen Krieg kursiert die Behauptung, die Golfstaaten seien von Anfang an involviert gewesen und wollten den Konflikt verlängern. Von offizieller Seite wird das dementiert – doch es ist wichtig, die Position jedes Golfstaats separat zu analysieren.

Bahrain ist sicherlich an vorderster Front gegen den Iran aktiv – es wurde vom Iran stark beschossen und forderte im Uno-Sicherheitsrat die gewaltsame Öffnung der Strasse von Hormus. In den VAE gibt es unterschiedliche Auffassungen. Abu Dhabi, federführend in der Aussen- und Sicherheitspolitik, dürfte anderer Meinung sein als das weltoffene Dubai. Dort leben rund eine halbe Million iranischstämmige Menschen; das Emirat profitiert zudem enorm vom Handel mit dem Iran.

In Kuwait gibt es eine reiche schiitische Minderheit, die zur Herrscherfamilie gute Beziehungen pflegt. Zudem profitiert das Land stark vom Handel mit dem Iran und hat sich in der Vergangenheit für diplomatische Lösungen eingesetzt. Und doch wurde Kuwait in den letzten Wochen heftig angegriffen, und zwar nicht nur vom Iran aus, sondern auch von mit dem Iran verbündeten Milizen aus dem Irak. Der Iran begründet dies damit, dass aus Kuwait Angriffe auf iranisches Territorium stattgefunden hätten.

Saudi-Arabien seinerseits hat sich gegen den Krieg ausgesprochen, wurde aber auch stark attackiert. Hier sind US-Truppen auf Basen präsent, doch der Iran hat auch die Ölinfrastruktur bombardiert. Die Saudis sind zwar der Erzfeind der Iraner am Golf, hatten aber in den letzten Jahren nach chinesischer Mediation auf eine Entspannung mit dem Iran hingearbeitet. Auch weigert sich Saudi-Arabien offiziell, die diplomatischen Beziehungen mit Israel zu normalisieren, was viel bedeutsamer ist als die Position der kleineren Golfstaaten.

Und doch kann man davon ausgehen, dass Trump und seine Unterhändler auf ihren Reisen insbesondere nach Israel, Saudi-Arabien und in die VAE im letzten Jahr das Gefühl bekommen haben, der Iran sei ein gemeinsames Problem und die Golfstaaten stünden einem Krieg nicht allzu kritisch gegenüber. So würde sich erklären, wieso die USA und Israel die Golfstaaten immer wieder dazu aufriefen, offen auf ihrer Seite einzugreifen. Doch offiziell haben sich alle Golfstaaten geweigert und einige den USA auch untersagt, ihr Territorium für Angriffe auf den Iran zu nutzen.

Gegen linke Guerillas

Bleiben noch die zwei Staaten, die eigentlich die engsten Beziehungen zum Iran haben: Katar und der Oman. Die Kataris teilen das grösste Erdgasfeld der Welt mit dem Iran, und obwohl sie sich konsequent gegen den Angriffskrieg gestellt haben und für ein Ende lobbyieren, haben die Iraner sogar dieses Feld angegriffen – und sich dabei auch direkt selber geschadet.

Der Oman unterhält ebenso gute Beziehungen zum Iran wie zu den USA. Der frühere Sultan Kabus bin Said hat es den Iranern immer zugutegehalten, dass sie ihm geholfen haben, die linke Guerillabewegung in Dhofar in den siebziger Jahren zu besiegen. Und der Oman beherrscht bekanntlich die südliche Seite der Strasse von Hormus und eine sehr lange Küste am Arabischen Meer mit Häfen, in die Schiffe jetzt ausweichen. Der Oman dürfte denn auch von einer allfälligen Neuordnung der Strasse von Hormus profitieren – ob mit dem Iran zusammen oder dank Bestrebungen, die Strasse von Hormus möglichst zu umgehen. Und doch wurde auch der Oman vom Iran angegriffen, wenngleich weniger stark als die anderen Golfstaaten.

Wenn das Ende dieses Krieges kommt, werden die Golfstaaten ihre Bündnisse überdenken. Wahrscheinlich ist eine weitere Ausrichtung nach Asien, wohin mittlerweile auch die meisten Erdöl- und Erdgasexporte gehen. Die starke US-Anbindung hat den Golfstaaten bisher zwar ungeheuren Reichtum und Stabilität beschert. Nun hat sie sie aber in einen zumindest temporären Abschwung gerissen, der die Fragilität zumal ihrer Wirtschaft verdeutlicht hat. ●

Toby Matthiesen lehrt an der Universität Bristol zur Geschichte und Politik der islamisch ­ geprägten Welt und schreibt derzeit ein Buch über den Aufstieg der Golfstaaten.

Warum vermittelt Pakistan? : Ein riskanter Balanceakt

Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer: Einen Tag vor Ablauf der Waffenruhe im Krieg gegen den Iran kündigte US-Präsident Trump am Dienstag an, diese auf Bitten Pakistans auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Er wolle warten, bis der Iran ein geeignetes Angebot für neue Gespräche in Islamabad unterbreite, so Trump.

Für Pakistan als Vermittler dürfte das den Druck noch erhöhen. Denn während die Regierung mit den Verhandlungen ein erstaunliches diplomatisches Comeback hinlegt, wagt sie damit zugleich einen riskanten Balanceakt: Einerseits ist sie um ein friedliches Verhältnis zum Nachbarland Iran bemüht, mit dem Pakistan eine rund 900 Kilometer lange Grenze teilt. Fast ein Fünftel der rund 250 Millionen Pakistaner:innen sind zudem schiitische Muslim:innen, von denen sich viele religiös am iranischen Revolutionsführer als geistlichem Oberhaupt der Schiit:innen orientieren. Viele von ihnen sehen die Angriffe auf den Iran kritisch. Bereits nach der Tötung von Revolutionsführer Ali Chamenei Anfang März kam es im Land zu Massenprotesten, bei denen mindestens 24 Menschen starben.

Andererseits hat die pakistanische Regierung unter Ministerpräsident Shehbaz Sharif im vergangenen Jahr nicht nur sukzessive ihre Beziehungen zu US-Präsident Donald Trump ausgebaut, sondern auch zu dessen engstem Verbündeten in der Region, Saudi-Arabien – etwa um wirtschaftliche Vorteile für die seit Jahren schwächelnde Wirtschaft zu erlangen. Erst im September schlossen Saudi-Arabien und Pakistan einen Verteidigungspakt, der beide Seiten verpflichtet, sich im Falle eines Angriffs gegenseitig zu unterstützen. Im Zuge des Irankriegs könnte dieser nun erstmals zum Tragen kommen: Bereits seit Beginn des Krieges war Saudi-Arabien mehrfach Ziel iranischer Raketen- und Drohnenangriffe geworden, die sich gegen militärische und zivile Einrichtungen richteten, insbesondere auch gegen die Energieinfrastruktur des Landes.

Pakistan hatte daraufhin laut Berichten der Nachrichtenagentur Reuters Anfang April gut ein Dutzend Kampf- und Transportflugzeuge in die Region entsandt und die iranische Regierung vor neuen Angriffen auf den Partner am Golf gewarnt. Im Gegenzug verkündete die saudische Regierung beinahe zeitgleich die Genehmigung eines drei Milliarden US-Dollar schweren Kredits, um Devisenvorräte für die pakistanische Wirtschaft aufzustocken.

Sollte der Konflikt nun erneut eskalieren und sich noch stärker auf die Golfregion ausweiten, dürfte damit auch der Druck auf Pakistan steigen, sich politisch und militärisch stärker zu positionieren. Spätestens dann wäre das Land wohl nicht mehr nur Vermittler, sondern auch selbst Teil des Konflikts.Julian Busch