Schweizer Geschichte : Unrechte Parallelwelt

Nr. 17 –

Die SVP will das Saisonnierstatut zurück. Eine Ausstellung in Zürich zeigt seine Unmenschlichkeit.

historisches Foto: Bauarbeiter bei einer Tramgleis-Baustelle in Zürich
Wenig Rechte und gerade genug Lohn zum Steuern zahlen: Bauarbeiter in Zürich, 1962. Hans Krebs, ETH-Bildarchiv, Zürich

Unsichere, müde Blicke, oft an der Kamera vorbei, dazwischen ein zaghaftes Lächeln, ein verschmitztes Zwinkern; schweisstreibende Arbeit auf dem Bau, in der Küche, im Stall, erbärmliche Lebensbedingungen; An- und Abreisen am Bahnhof. Auf den Schwarzweissfotos und in vielen weiteren Dokumenten der Ausstellung «Wir, Saisonniers ...» ersteht eine Welt, die in der Schweiz jahrzehntelang verdrängt und systematisch als fremd abgestempelt wurde.

Wenn in der Presse von «Saisonniers» aus Italien, Spanien oder Portugal die Rede war, dann meist in einem herablassenden, gönnerhaften, belehrenden Ton. Im Migros-Blatt «Wir Brückenbauer» heisst es 1946, die italienischen «Hausfrauen», die als «Haushaltsgehilfinnen» in die Schweiz geholt wurden, seien noch «nicht weiter als zu Polenta und Spaghetti vorgedrungen». Die NZZ schreibt 1967 von Arbeitern, die «im Organismus» einer Fabrik «eingesetzt werden», aber auch «Unterkünfte, Verpflegungs- und Erholungsmöglichkeiten» benötigten. Warum meinte man, betonen zu müssen, dass diese Arbeiter:innen auch Menschen sind? Entsolidarisierung als Strategie durch alle Instanzen.

Seit den dreissiger Jahren bis zur Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 bauten, flickten, putzten, bekochten und pflegten die Saisonniers und Saisonnières die Schweiz. Sie trugen massgeblich zum Wohlstand des Landes bei, zahlten Steuern, erhielten dafür wenig Lohn und kaum Rechte. Bei der Einreise zwang man sie, sich auszuziehen, sie wurden auf Krankheiten untersucht und abgefertigt wie Vieh. Nach neun Monaten mussten sie wieder ausreisen. Über die Jahre wurden sie auch in ihrer Heimat zu Fremden. Familiennachzug verweigerte die Schweiz: ein Verstoss gegen die Menschenrechte. Schwangere mussten gehen, Eltern ihre Kinder verstecken, was weiteren seelischen Schaden anrichtete.

«Wirtschaftsfreundlich» und überhaupt eine gute, praktische Sache sei das Saisonnierstatut gewesen, heisst es im Zusammenhang mit der «10-Millionen-Schweiz»-Initiative nun wieder. Wer mit diesen zynischen Phrasen im Kopf durch die gut recherchierte und erschütternde Ausstellung geht, gerät in Rage.

Im Raum zur Geschichte des Saisonnierstatuts wird nochmals die «Überfremdungsinitiative» von James Schwarzenbach aufgerollt, die etwa der Historiker Damir Skenderovic klar als Vorläuferin der neusten SVP-Initiative sieht. Schwarzenbach, Sohn eines reichen Zürcher Textilfabrikanten, war ein Faschist und Antisemit im demokratischen Pelz eines Nationalrats. Eine Filmaufnahme zeigt ihn als populistisch und leutselig, wenn er sich an Fans wandte, eiskalt und verleumderisch, wenn er Widerredner abfertigte. Man denkt sofort an heutige Demagogen. Schwarzenbachs Initiative wurde 1970 mit 54 Prozent Nein-Stimmen nur knapp verworfen. «Wir, Saisonniers ...» legt nahe: Eine wuchtige Ablehnung der SVP-Initiative am 14. Juni wäre auch eine Geste der Anerkennung des Unrechts, das den Saisonniers und Saisonnières angetan wurde. ●

▶ «Wir, Saisonniers ...» in: Zürich, Photobastei, Sihlquai 125, bis 21. Juni 2026. photobastei.ch