Aufwachsen mit KI : «Alle geben sich so wahnsinnig zukunftsorientiert»
Müssen wir Jugendliche vor der künstlichen Intelligenz schützen? Die beiden Gymnasiast:innen Gina (16) und Bea (16) erzählen im Interview, was sie von Verboten halten und welchen Einfluss die Ängste der Erwachsenen auf sie haben.
WOZ: Gina, Bea, könnt ihr euch an eure erste Begegnung mit KI erinnern?
Gina: Ich habe eine spezifische Erinnerung, aus heutiger Sicht eine düstere: Für ein Schulprojekt vor eineinhalb Jahren mussten wir eine künstliche Staatsform entwickeln. Wir haben alles selbst gemacht – ausser die Bilder. Dafür haben wir dann exzessiv KI genutzt und deshalb auch eine schlechte Note gekriegt.
Bea: Bei mir war der erste Kontakt die Website character.ai, auf der historische oder fiktionale Figuren als Chatbots programmiert sind. Wir fanden es lustig, mit Sokrates oder Napoleon zu chatten. Ich bin schon lange Geschichtsfan, und das war eine krasse Erfahrung für mich, als könnte ich mit diesen historischen Figuren sprechen.
Gina: Ich muss mich korrigieren, diese Seite war auch mein erster Berührungspunkt. Ich habe aber eher mit Schauspieler:innen und Anime-Charakteren gechattet. Ich fand es auch interessant, mich dort mit der KI zu messen: mir zu beweisen, dass ich mehr weiss als sie. Das Gefühl, dass ich mit einer echten Person am Chatten bin, hatte ich nicht. Aus irgendeinem Grund war es mir aber auch wichtig, vor der KI gut dazustehen.
WOZ: Gina, du hast gesagt, deine Erinnerung sei düster. Wieso?
Gina: Damals fand ich das nicht, aber heute weiss ich, was für eine Bedrohung von KI für die Umwelt ausgeht.
Bea: Viele Jugendliche wissen nicht, wie viel Wasser und Energie KI verbraucht. Ich habe das selbst erst vor einem Jahr gelernt, von dir, Gina.
Gina: Ich hatte es auf Insta gelesen.
WOZ: Wurde das auch in der Schule thematisiert?
Bea: Nein, gar nicht. Aber wir verbreiten dieses Wissen jetzt.
WOZ: Kennen sich eure Lehrpersonen mit KI aus?
Bea: Da bin ich sehr skeptisch.
Gina: Einige raten uns vom Gebrauch ab. Aber viele Lehrer:innen ermutigen uns, Chatbots für Recherchen oder die Ideensuche zu nutzen. Wir dürfen nur keine Texte von der KI schreiben lassen.
Bea: Sie wissen, dass wir diese Möglichkeiten sowieso nutzen. Also lassen sie es teilweise zu, weil sie denken, dass es dadurch den Reiz des Verbotenen verliert.
Versuchen Lehrer:innen, den Gebrauch von KI einzuschränken, damit ihr nicht mogelt?
Bea: Das ist stark abhängig von der Lehrperson. Bei einigen müssen wir vor einer Prüfung unsere Handys abgeben. Andere fragen überhaupt nicht nach und verdrängen es einfach.
Gina: Teilweise müssen wir vor schriftlichen Arbeiten ein Blatt unterschreiben und so versprechen, dass wir keinen Chatbot benutzen. Was natürlich sehr viel bringt.
Bea: Da können sie uns gleich auf die Bibel schwören lassen.
WOZ: Habt ihr auch unangenehme Erfahrungen mit KI gemacht?
Bea: Ja, das war ebenfalls auf character.ai. Da wurde ich von ein paar Buben, die ich von früher kenne, in einen Gruppenchat mit ihnen und ein paar Bots eingeladen. Bevor sie mich eingeladen haben, hatten sie die Bots dazu gebracht, antisemitische Aussagen zu machen. Die Buben waren gerade in einer Phase, in der sie den Nationalsozialismus irgendwie lustig fanden. Ich bin nicht jüdisch, aber ich fand das überhaupt nicht lustig. Sie sagten dann: «Du verstehst einfach keinen Spass, das ist ja nur KI.»
WOZ: Hast du mit einer Lehrperson darüber gesprochen?
Bea: Nein, ich habe ihnen einfach gesagt, sie sollen den Chat löschen und so was nie mehr machen. Ich war gnädig, aber beim nächsten Mal würde ich wohl zur Schulleitung gehen. Das Beispiel zeigt, dass es schnell eskalieren kann, wenn man KI dazu bringt, Hass zu verbreiten.
WOZ: Ihr seid sehr zurückhaltend, was KI angeht.
Gina: Ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, KI zu benutzen. Und ich will selber schreiben, etwas erschaffen. Es fühlt sich falsch an, das für mich erledigen zu lassen. Es ist vielleicht komisch, das als Sechzehnjährige zu sagen, aber manchmal frage ich mich, ob ich mehr mit der Zeit gehen sollte.
WOZ: Wieso ist es dir wichtig, selber zu schreiben?
Gina: Wegen des kreativen Prozesses. Ein Text kann nie wirklich meiner sein, wenn ich ihn nicht selbst geschrieben habe.
Bea: Bei mir ist es ähnlich. Manchmal wird einem die KI ja auch aufgedrängt. Etwa bei der Übersicht auf Google, die ja auch praktisch ist. Aber man kann den Informationen nie ganz trauen, muss sie trotzdem immer überprüfen.
WOZ: Geht es euren Freund:innen ähnlich?
Gina: Meine engsten Freund:innen denken ähnlich. Aber es ist sicher nicht so, dass sich alle Jugendlichen viele Gedanken dazu machen, was sie da benutzen. Wobei ich den Eindruck habe: Langsam kommt das.
Bea: Aber schon vor allem in unserem Umfeld. Wenn ich im Bus um mich schaue, benutzen doch alle die ganze Zeit Chatbots.
Gina: Meistens ist die KI einfach ein Google-Ersatz. Schüler:innen erstellen damit Zusammenfassungen oder Präsentationen.
Bea: Ach, wenn du wüsstest …
Gina: Enlighten me!
Bea: Ich kenne Leute, die mit KI flirten, teilweise sogar Liebesgeschichten anfangen.
WOZ: Um zu üben?
Bea: Das glaube ich nicht. Eher für die Illusion, jemanden zu haben. Ich glaube, dass sich vor allem viele männliche Jugendliche allein fühlen. Die ganze Incel-Kultur macht das nur noch schlimmer. Dann chatten sie halt mit einem Roboter.
WOZ: Werden da auch Bots erstellt, die echten Personen nachempfunden sind, zum Beispiel Schulkolleg:innen? Oder sind die rein fiktiv?
Bea: Beides ist möglich. Man kann einen Chatbot selbst erstellen und programmieren. Theoretisch haben die meisten Bots Filter, die abblocken müssten, wenn ein Chatinhalt sexuell wird. Diese können allerdings leicht umgangen werden. Der Bot schreibt immer noch über Sex, einfach nur implizit, aber gut verständlich. Andere KIs haben überhaupt keinen Filter, das ist dann einfach Pornokonsum.
WOZ: Wie beurteilt ihr das?
Gina: Ich finde das nicht besonders toll. Es macht etwas mit der Psyche, wenn sich ein Bot wie eine echte Person anfühlt. Wenn man daran gewöhnt wird, mit einer KI immer das machen zu können, was man gerade will, überträgt sich das auch auf reale Interaktionen.
Bea: Der Chatbot fühlt sich an wie eine Person, setzt aber keine Grenze. Ich bin mir sicher, dass das ungesund ist. Das Gehirn von Jugendlichen ist ja immer noch dabei, sich zu entwickeln.
Gina: Es senkt die Hemmschwelle. Noch mehr als herkömmliche pornografische Inhalte, weil es interaktiv ist, es zieht einen viel stärker rein.
WOZ: Mit KI-generierten Nacktbildern und -videos wird auch betrogen und gemobbt. Macht euch das Angst?
Gina: Mir nicht, weil ich glaube, ich könnte ja einfach klarmachen, dass das nicht ich bin. Vielleicht nehme ich aber auch viel zu wenig ernst, was alles passieren könnte.
Bea: Mir ist der Gedanke, dass das jemand mit mir machen könnte, extrem unheimlich. Aber ich glaube auch, die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr gross. In meinem Umfeld habe ich nie von einem Fall gehört.
WOZ: Laut einer Studie der ZHAW beurteilen weibliche Jugendliche KI deutlich negativer als männliche. Was denkt ihr, woran das liegt?
Gina: Diese Beobachtung mache ich auch. Vielleicht wird Buben beim Aufwachsen weniger beigebracht, dass man Dinge am besten selber macht? Und deswegen sind sie weniger selbstständig und stützen sich stärker auf KI ab?
Bea: Ich habe eine Hypothese: Männliche Jugendliche suchen mehr Bestätigung.
Gina: Ist das so? Sie erhalten ja schon so viel davon!
Bea: Ich habe das Gefühl, sie sind oft sehr unsicher, und KI gibt ihnen vielleicht die Bestätigung, die sie suchen. Anders kann ich mir das kaum erklären.
Gina: Vielleicht sind Mädchen auch generell vorsichtiger, weil sie sich oft in einer unsichereren Position befinden.
WOZ: Müssen Jugendliche vor KI geschützt werden?
Gina: Ja, aber vor allem durch Aufklärung. Es müsste viel mehr darüber gesprochen werden, wie wir mit KI umgehen sollen – und was KI überhaupt macht. Ich glaube, dass viele keine Ahnung haben, wie die KI auf ihre Antworten kommt. Sie wissen nicht, dass sie auf Basis bestehender Inhalte im Netz generiert werden, und sind sich der Gefahr nicht bewusst, dass das auch diskriminierende Inhalte sein können. Verbote bringen wenig, weil man sie leicht umgehen kann.
WOZ: Und diese Aufklärung gibt es derzeit nicht?
Bea: Nein.
Gina: Dafür wird im Zusammenhang mit KI diese ganze Zukunftsangst geschürt.
WOZ: Was meinst du damit?
Gina: Wenn es um die Berufswahl geht, heisst es oft: «Das braucht es nicht mehr, das wird eh die KI ersetzen.» Das setzt mich unter Druck. Das wird uns permanent eingeredet: dass wir besser sein müssen als die KI. Ich muss also einen Weg finden, nicht durch KI ersetzt zu werden und trotzdem auch meiner Leidenschaft zu folgen.
WOZ: Ihr werdet auf einen Kampf gegen die KI eingeschworen?
Gina: Eigentlich ist es das, ja.
WOZ: Was ist eure Leidenschaft?
Gina: Ich mag literarische Texte und schreibe gern darüber, wie ich die Welt wahrnehme. Ich weiss nicht, ob KI das ersetzen kann. Aber ich weiss auch nicht, ob es in Zukunft das Bedürfnis danach noch geben wird, wenn ähnliche KI-Inhalte einfacher zugänglich sind.
Bea: Ich schreibe auch gern, spiele Musik und Theater. Ich glaube, KI wird die Künste nie wirklich meistern können. Problematisch ist vor allem die Verbindung mit dem Kapitalismus, wenn das Mittelmässige, das KI gratis oder sehr billig bietet, dem Menschengemachten vorgezogen wird, das zwar besser ist, aber auch teurer. Man sieht das etwa bei Werbung, die immer häufiger von KI gemacht wird.
Gina: Manchmal frage ich mich: Was bringt es überhaupt, all diese Leidenschaften zu verfolgen, wenn wir am Schluss eh alle Informatiker:innen werden müssen?
WOZ: Sie sagen euch, ihr sollt Informatiker:innen werden?
Bea: Meine Eltern machen sich auch Sorgen. Sie finden, ich müsse meine Intelligenz in etwas Nützliches wie Informatik investieren. Wobei sich wohl alle Eltern Sorgen machen, wenn ihre Kinder etwas Künstlerisches machen wollen.
Gina: In der Schule werden naturwissenschaftliche und technische Fächer als sehr viel sinnvoller dargestellt. «Die braucht es, um die KI zu programmieren», heisst es. Es klingt fast so, als würde es nicht darum gehen, wie wir am besten von der KI profitieren können, sondern umgekehrt darum, was für die KI am besten ist. Die ganze Zukunft soll für die KI gebaut werden. Und dafür, dass man Profit mit ihr machen kann. KI passt gut in den Eintopf unserer Zukunftsängste. Dabei könnte sie doch auch ein Werkzeug sein, etwa um Krankheiten zu heilen.
Bea: Wir sollen noch mehr und noch bessere KI entwickeln, weil wir angeblich genau das brauchen. Alle geben sich immer so wahnsinnig zukunftsorientiert, obwohl wir nicht einmal unsere Gegenwart im Griff haben.