Der Grosse Raub : Überflüssige Menschen
Enis Maci über Vampire und den Horror des imperialen Raubbaus
Erst letzte Woche kam ich dazu, «Sinners» zu sehen: Im Leib weisser, appalachischer Musiker inkarnierte Vampire crashen eine Schwarze Party, deren Planung, insbesondere die Akquise der Bluesmusiker, den längsten Teil des Filmes ausmacht. Bekanntlich können Vampire nur da eintreten, wo sie eingeladen wurden, und so ist es auch in dieser Nacht.
Der Krämer Chow will nur kurz zum Auto, als er gebissen wird. So zapfen die Vampire seine Erinnerungen an. Sie sind eine Art Schwarmintelligenz: Was ein Gebissener weiss, wissen alle. Überhaupt wissen – wie im echten Leben – alle alles. Und aus den Erinnerungen des Krämers weiss die vampirische Intelligenz, dass Chow und seine Frau Grace eine Tochter haben, die sie als Nächstes heimzusuchen drohen. Deshalb lädt Grace Chow die Vampire ein, verzweifelt und wie im Fieber. Wenn der Sieg der anderen Seite unvermeidlich ist – und das glaubt Grace über die Vampire –, dann soll mein Kind wenigstens verschont bleiben.
Das Banjo, auf dem die Vampire-Gewordenen, Iren-Gewesenen spielen, hat seinen Anfang im Flaschenkürbis, der von Simbabwe aus schwimmend als Boje sämtliche tropischen Ozeane kreuzte. Ihm folgten die Verschleppten. Von Schiffen gestossen, sahen sie ihn schon in Virginia warten.
Am Ende sind es die musikalischen Fähigkeiten des jungen Sammy, die die Vampire beschworen haben. Seine Kunst durchstösst den Schleier, hat die Kraft, die Grenze zwischen hier und dort zu penetrieren, die Untoten zu uns zu rufen oder uns der Gefahr des Untotwerdens auszusetzen. Am Ende sind es bestimmte Technologien, die die scharf voneinander geschiedenen Arbeitenden der Ersten und Dritten Welt einander annähern.
Alle wissen alles, «fauxtomation edition»: selbstfahrende Autos, die nicht anspringen, wenn Nacht ist auf den Philippinen. Eine persönliche Assistentin namens Natascha, die von Menschen in Indien und, klar, der Ukraine programmiert wird. Sprachmodelle, per Telefon trainiert. Gesichter, Stimmen, Urteilsvermögen, verhökert. AI – African Intelligence. Dienstleistungen, die über den Erdball schwappen.
Das kulturelle Gedächtnis eines Landstrichs anzapfen wie an der Tanksäule, den Motor meiner eigenen Arbeit damit antreiben. Das ist das eine: Ungerechtigkeit, aus der mithin auch Schönes werden kann. Das andere ist, was jetzt passiert: Auch in der Ersten Welt werden wieder Menschen geschürft. Wenn die Genozide des 20. Jahrhunderts auch koloniale Gewalt waren, die zurück nach Europa kam (und doch nie zu denen, die sie ausübten), kommt dann im 21. Jahrhundert der imperiale Raubbau der Digitalisierung – die für Coltan und Lithium aufgerissene, vergiftete Erde, die in Raubzügen Umgekommenen –, kommt all das nun mit der KI-Revolution aus der Peripherie zurück in die Metropole, an seinen Ursprung (und doch einmal mehr nicht zu den Verantwortlichen)?
Die KI trainieren heisst von ihr überflüssig gemacht werden. Heisst dem Webstuhl, der deine Arbeit obsolet machen wird, eigenhändig das Weben beibringen. Heisst an der Abschaffung deiner eigenen Zukunft mitwirken, so wie Grace Chow das in «Sinners» tut. Als könnten wir nur untot überleben, als Schwarm von Drohnen. Als wäre der Sieg der anderen schon unvermeidlich. Aber das ist er nicht. ●
Enis Maci ist Autorin und lebt in Berlin.