27.05.2004

Es folgt kein Blutbad

Die militärische Besetzung von Ländern der so genannten Dritten Welt hat dort noch nie Demokratie und Sicherheit gebracht.

Von Howard Zinn

Es scheint einigen Leuten schwer zu fallen, eine einfache Wahrheit zu begreifen: Die USA gehören nicht in den Irak. Es ist nicht unser Land. Unsere Anwesenheit verursacht Tod, Leiden, Zerstörung, und grosse Teile der Bevölkerung lehnen sich gegen uns auf. Dann reagiert unser Militär mit willkürlicher Gewalt, Bombardierungen, Erschiessungen und dem Zusammentreiben von Menschen, die man einfach «verdächtigt».

Ein Jahr nach Beginn der Invasion berichtete die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI): «Dutzende unbewaffneter Menschen wurden aufgrund von übertriebener und unnötiger tödlicher Gewalt durch Koalitionstruppen während öffentlicher Demons­trationen, an Kontrollpunkten oder bei der Erstürmung von Häusern getötet. Tausende Menschen (die Schätzungen reichen von 8500 bis 15 000, Anm. der Red.) befinden sich in Gewahrsam und sind einer langen Haft unterworfen. Viele von ihnen wurden gefoltert oder misshandelt, einige sind in der Haft gestorben.»

Nach den letzten Schlachten in Falludscha schrieb AI: «Die Hälfte der mindestens 600 Toten, die bei den letzten Kämpfen zwischen den Koalitionstruppen und den Aufständischen gestorben sind, waren Zivilisten, viele davon Frauen und Kinder.»

Angesichts dieser Tatsachen muss jede Frage nach dem, was jetzt zu tun ist, mit der Einsicht beginnen, dass die gegenwärtige Besatzung moralisch nicht akzeptabel ist. Der Vorschlag eines Rückzugs aus dem Irak trifft in der Regel auf die immer gleichen Vorbehalte: «Wir dürfen uns nicht einfach aus dem Staub machen», «wir müssen unseren Kurs halten», «unser Ruf steht auf dem Spiel.» Genau das haben wir zu hören bekommen, als einige von uns zu Beginn der Eskalation des Vietnamkrieges den sofortigen Abzug forderten. Die USA blieben auf Kurs, in der Folge starben 58000 US-AmerikanerInnen und mehrere Millionen VietnamesInnen.

«Wir können dort kein Vakuum hinterlassen.» Ich glaube, es war der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry, der das gesagt hat. Welche Arroganz, zu glauben, es würde eine Leere entstehen, wenn die USA das Feld räumen! Das erinnert an das Denken während der weissen Eroberung des US-amerikanischen Westens. Auch der ­wurde als «leeres Gebiet» betrachtet, obwohl dort hunderttausende IndianerInnen lebten.

Die Geschichte der militärischen Besetzung von Ländern der so genannten Dritten Welt hat dort weder Demokratie noch Sicherheit gebracht. Die lange ­US-Besatzung der Philippinen, die einem blutigen Krieg folgte, in dem US-­Truppen schliesslich die philippinische Unabhängigkeitsbewegung bezwangen, führte nicht zu einer Demokratie, sondern vielmehr zu aufeinander folgenden Diktaturen bis hin zu der von Fernando Marcos. Die langen US-Herrschaft über Haiti (1915–1935) und die Dominikanische Republik (1916–1926) haben in beiden Ländern nur zu Militärdiktaturen und Korruption geführt.

Das einzige vernünftige Argument zur Fortsetzung des bisherigen Kurses wäre eine Verschlimmerung der Situation im Falle eines Abzugs. Uns wird mitgeteilt, es würde zu chaotischen Verhältnissen, zu einem Bürgerkrieg kommen. Die Anhänger des Krieges in Vietnam sagten ein Blutbad voraus, falls die US-Truppen abzögen. Doch dazu kam es nicht.
In Wahrheit weiss niemand, was passieren wird, wenn die USA abziehen. Wir haben die Wahl zwischen der Gewissheit, dass es zu chaotischen Zuständen kommt, wenn wir bleiben, und der Ungewissheit, was passiert, wenn wir abziehen.

Es gibt eine Möglichkeit, diese Unsicherheit zu verringern: indem man die Militärpräsenz der USA durch eine internationale nichtmilitärische Präsenz ersetzt. Die Uno könnte Vorkehrungen für eine multinationale Gruppe treffen, die aus Friedensstifterinnen und Unterhändlern besteht, zu denen – was ganz wichtig ist – Menschen aus arabischen Ländern gehören sollten. Diese Gruppe könnte Schiitinnen, Sunniten und Kurdinnen zusammenbringen und eine Lösung für die Selbstverwaltung ausarbeiten, die allen drei Bevölkerungsteilen eine Beteiligung an der politischen Macht ermöglicht. Gleichzeitig sollte die Uno Vorkehrungen für die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten aus den USA und anderen Ländern treffen sowie IngenieurInnen entsenden, die mit dem Wiederaufbau des Landes beginnen.

Alle diejenigen, die sich Sorgen da­r­über machen, was im Irak passiert, wenn unsere SoldatInnen abziehen, sollten die Auswirkungen einer andauernden Besatzung bedenken: fortwährendes, zunehmendes Blutvergiessen, ständige Unsicherheit, wachsender Hass ­gegen die USA in der gesamten muslimischen Welt mit über einer Milliarde Menschen und eine Zunahme an Feindseligkeiten weltweit.

Die Folgen davon werden das genaue Gegenteil von dem sein, was unsere PolitikerInnen – aus beiden Parteien – zu erreichen beabsichtigt hatten, einen «Sieg über den Terrorismus». Wenn man den Zorn eines gesamten Volkes entfacht, hat man den Nährboden für den Terrorismus vergrössert. Dazu kommt die Vergiftung der inneren Haltung unserer SoldatInnen, die gezwungen werden, unschuldige Menschen zu töten, sie zu Krüppeln zu machen und zu verhaften, und somit zu Schachfiguren einer imperialen Macht werden, nachdem sie ihren Glauben, für Freiheit und Demokratie und gegen die Tyrannei zu kämpfen, verloren haben.

Auf jeden Fall muss verhindert werden, dass die USA, die den Irak zerstörten und den Tod von vielleicht einer Million Menschen verursacht haben (durch die beiden Invasionen und die zehn Jahre währenden Sanktionen), künftig eine führende Rolle in diesem Land spielen. Die USA müssen aus dem Irak abziehen. Stattdessen muss die internationale Gemeinschaft – insbesondere die arabische Welt – den Wiederaufbau einer friedlichen Nation versuchen. Das gibt der irakischen Bevölkerung eine Chance. Die US-Besatzung gibt ihr keine.

Howard Zinn ist Autor von Büchern wie «Amerika, der Terror und der Krieg» (2002), «Terrorism and War», «Vietnam: The Logic of Withdrawal», «People’s History of the United States».

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