25.03.2004

Die Campesinos von der 41. Strasse

Mitten im verruchten Stadtteil South Central der US-Metropole Los Angeles liegt eine grüne Oase. Wie lange noch?

Von Henrik Lebuhn, Los Angeles

Pedro Barrera zeigt lachend auf die reifen Bananenstauden in seinem Garten. «Die haben wir vor ein paar Jahren aus Mexiko mitgebracht. Illegal natürlich.» Der gebürtige Mexikaner steht mitten auf einer üppigen Grünfläche, die in den letzten Jahren auf einer riesigen Industriebrache entstanden ist. Direkt hinter ihm ist durch dichte Blätter die Skyline von Los Angeles sichtbar. Doch der Garten ist bedroht. Die vierzehn Hektar Land, die er gemeinsam mit über tausend anderen MigrantInnen mitten im Zentrum der kalifornischen Millionenstadt kultiviert, werden wahrscheinlich wieder dem Beton weichen müssen.

Am Abend zuvor hatte Pedro Barrera auf einer Versammlung der Gartengemeinschaft gesprochen. Zurzeit wird die riesige Fläche im Stadtteil South Central von 347 Familien bewirtschaftet. Die meisten von ihnen kommen aus den verschiedensten Regionen Lateinamerikas und sind illegal in den Vereinigten Staaten – Campesinos del Centro Sur (Bauern von South Central) nennen sie sich. Seit die Stadt ihnen mit der Räumung droht, treffen sie sich regelmässig in den Seminarräumen der öffentlichen Bibliothek von South Central und diskutieren, wie man sich gegen die Politik der Stadt am besten zur Wehr setzen soll. «Am Freitag», kündigt Barrera der Gruppe an, «werden wir in einer öffentlichen Anhörung vor dem City Council erklären, dass wir ein Recht auf dieses Stück Land haben.» Barrera ist einer von vier «Capitanos», die die Mitglieder der Organisation im Rahmen ihrer Selbstverwaltung für ein Jahr gewählt haben. Als Pedro Barrera ausgeredet hat, gibt er das Wort einer jungen Frau. Rufina Juarez ist die Sprecherin der Vereinigung: «Es wichtig, dass wir da mit möglichst vielen Leuten auftauchen», sagt sie noch einmal und guckt in die Runde.

Am Tag nach der Versammlung in der Bibliothek steht Pedro Barrera, alias el Capitán, in seinem Garten und zeigt mit ausgestrecktem Arm über das Gelände an der 41. Strasse, Ecke Alameda. «Ziemlich genau zwölf Jahre ist es her, seit wir angefangen haben, die Gärten anzulegen. Damals lag hier noch alles voller Schutt», erzählt er. Vorher standen auf dem Gelände Lagerhallen. Gegen eine ansehnliche Entschädigung hatte die Stadt den Besitzer Mitte der achtziger Jahre enteignet und die Hallen später abreissen lassen, um auf dem Gelände eine Kehrichtverbrennungsanlage zu bauen. «Aber daraus ist nichts geworden», sagt Barrera. Zu heftig waren die Proteste der AnwohnerInnen und zu gross die Befürchtungen der Stadt, man könnte im Elendsviertel South Central in ein Wespennest stechen. Denn der vor allem von Schwarzen und LateinamerikanerInnen bewohnte Stadtteil am südlichen Rand des Financial Districts gilt als notorisch aufständisch.

1965 brachen hier die so genannten Watts-Riots aus. Die Verhaftung eines Stadtteilbewohners brachte damals in der diskriminierten schwarzen Bevölkerung das Fass zum Überlaufen. Polizei und National Guard brauchten sechs Tage, um ihren Aufstand niederzuschlagen. 34 Menschen wurden bei den Kämpfen getötet, fast alle waren Schwarze. 1992 kam es erneut zu schweren Unruhen. Ein kalifornisches Gericht hatte am 29. April 1992 mehrere Polizisten freigesprochen, die den Schwarzen Rodney King bei einer Verhaftung zusammenprügelten, während dieser wehrlos am Boden lag. Das Amateurvideo, welches den Polizeiübergriff festhielt, wurde von allen TV-Kanälen ausgestrahlt. Nach der Urteilsverkündung begannen in South Central die Ausschreitungen, die schnell auch auf andere Stadtteile übergriffen und die ganzen USA über Tage hinweg in Atem hielten. Die Auseinandersetzungen forderten über 50 Tote, 4000 Verletzte und einen Sachschaden von über einer Milliarde Dollar. 12 000 Personen wurden verhaftet.

Vor diesem Hintergrund verzichtete die Stadt endgültig auf den Bau der Verbrennungsanlage. Das Grundstück wurde sich selbst überlassen. «Und dann kamen wir», sagt el Capitán. Nach und nach sind immer mehr Familien dazugestossen. Sie haben den Bauschutt abgeräumt, das Gelände in Parzellen aufgeteilt und angefangen, das Land zu bestellen. Die Los Angeles Food Bank, die das Gelände derzeit verwaltet, duldet die Gruppe. Einen offiziellen Anspruch auf die Nutzung der Fläche haben die Campesinos und Campesinas allerdings nicht.

Das wird ihnen jetzt zum Verhängnis: Der ursprüngliche Besitzer, der Unternehmer Ralph Horowitz, hat sich im Zuge der Enteignung eine Rückkaufklausel einräumen lassen. Nun will er das Gelände wiederhaben und Lagerhallen darauf bauen. Doch die GärtnerInnen wissen sich zu wehren: Sie demonstrieren, sammeln Unterschriften und versuchen, mit Einsprachen vor Gericht ihre Vertreibung zu verhindern. Der Protest zeigt Wirkung: Die Stadt liess den ersten Räumungstermin vom 27. Februar verstreichen. Ausserdem hat am 16. März ein Gericht die Räumung in erster Instanz ausgesetzt, bis der Konflikt geklärt ist. Damit ist Zeit gewonnen, um weitere Proteste zu organisieren.

Die Gärten von South Central sind ein faszinierender Mikrokosmos lateinamerikanischer Biodiversität. Neben Beeten mit traditionellen Heilkräutern aus dem mexikanischen Bundesstaat Veracruz finden sich die verschiedenen Gemüsesorten der Küstenregion El Salvadors. Auf der nächsten Parzelle experimentiert jemand mit der Kreuzung von Apfelsorten ... Dass die Campesinos das Brachgelände binnen kurzer Zeit in ein Sammelsurium exotischer Nutzpflanzen verwandelt haben, hat sich auch im Viertel herumgesprochen. Jedes Wochenende kommen hunderte von NachbarInnen, um durch die grünen Gärten zu schlendern. Gemüse, Obst und Kräuter werden verkauft, getauscht und verschenkt. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich traditionelle Heilpflanzen. Die naturheilkundliche Beratung gibt es umsonst dazu.

Don Gonzales ist einer, der auf dem Gelände an der 41. Strasse von Anfang an dabei war. Der schlaksige Mann mit dem Baseball-Cap ist um die fünfzig. Nachts arbeitet er in einer Druckerei, den Tag verbringt er meist in seinem Garten. Wo die GärtnerInnen denn die Pflanzen her hätten? «Na, die bringen wir von zu Hause mit.» Wird man bei der Einreise, selbst bei einer legalen, mit all den Samen, Gemüsen und Früchten überhaupt in die USA gelassen? Don Gonzales schüttelt den Kopf. «Offiziell ist das natürlich streng verboten. Die Leute schmuggeln die Samen ins Land, um sie dann hier anzupflanzen.»

In ihrem Kampf um den Erhalt der Gärten haben die Campesinos und Campesinas inzwischen angefangen, sich mit den politischen Gruppen aus South Central zu vernetzen. Dabei wird auch die Zusammenarbeit mit der Schwarzenbewegung in Los Angeles gesucht. Dass dies ansatzweise gelingt, ist nicht selbstverständlich: Gruppen wie die New-Black-Panther-Bewegung zeichnen sich weniger durch politische Praxis in den Stadtvierteln aus, als durch schwarz-nationalistischen Verbalradikalismus.

Im Verhältnis zwischen Schwarzen und Latinos in South Central kann eine Zunahme von Konkurrenz- und Verdrängungskonflikten eigentlich kaum verwundern. Der Stadtforscher Mike Davis verweist auf den ökonomischen Vorteil der illegalen LateinamerikanerInnen, mit dem diese im Wettbewerb um Niedriglohnjobs antreten. Das perverse «Privileg der braunen Haut», über das die eingewanderten Latino-ArbeiterInnen in der Sweatshop-Ökonomie verfügen, besteht darin, dass sie keine rechtlichen Möglichkeiten haben, sich gegen Zwang und Überausbeutung zu wehren. Das macht es für Unternehmen attraktiv, sie statt schwarzer US-BürgerInnen anzustellen.

Dennoch: Die Versammlungen der Latino-GärtnerInnen werden seit einigen Wochen regelmässig von VertreterInnen schwarzer Stadtteilgruppen besucht. Diesen ist klar, dass die LateinamerikanerInnen es mit ihrem Stück Land ernst meinen und dass sie mit ihren Protesten zu einer Repolitisierung des Stadtviertels beitragen könnten. Die Campesinos und Campesinas dagegen suchen Rückhalt und Unterstützung im Quartier. Und sie suchen Verbündete, die sich nicht bei jeder öffentlichen Aktion vor der Frage nach der Aufenthaltserlaubnis fürchten müssen.

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