09.07.2017

Mit der «Olga» auf der Elbe

von Raphael Albisser, Hamburg

Die Elbphilharmonie kommt in Sichtweite: Die «Olga» im Hamburger Hafen. Foto: Peter Bisping

Als Olga loslegt, klingt Udo Jürgens aus den Boxen: «Wir haben alles im Griff auf dem sinkenden Schiff.» Die «Olga» ist ein kleines Boot, das am Freitagnachmittag versucht, möglichst nahe zur Elbphilharmonie zu gelangen. Dort werden sich die Staatschefs der G20 ein Beethovenkonzert anhören. Olga hat ein Soundsystem auf dem Dach, mit dem sich die dreissig AktivistInnen bemerkbar machen wollen, die auf der «Olga» und einem zweiten Boot, der «Gothmund», mitfahren.

Ein Boot der Wasserschutzpolizei fährt kurz backbord. Ihre einzige Auflage für die Demo: nicht näher als fünfzig Meter an die Sperrzone vor der Elbphilharmonie heranfahren. Daran will sich die gemütliche AktivistInnengruppe halten; mit der «Waschpo» pflege man ein gutes Verhältnis, sagt einer, die sei viel entspannter drauf als andere Abteilungen der Hamburger Polizei. Es herrscht viel Verkehr auf der Nordelbe an diesem Nachmittag. Zwischen Polizeischiffen und TouristInnenfähren flitzen gegen zehn kleine Schlauchboote von Greenpeace über die Wellen.

«Borders»

Ein Band aus gelben Bojen markiert die Grenze der Sperrzone, dahinter kreisen Waschpo-Schiffe und einige Schlauchboote mit BundeswehrsoldatInnen. Näher wird man nicht herankommen. Durch das Fernglas erkennt man auf dem Balkon des Gebäudes von Herzog und de Meuron viele  Menschen in schöner Abendkleidung. Doch erst in einigen Stunden werden die Staatschefs eintreffen. Über Olgas Lautsprecher richtet sich ein Aktivist an die Menschen auf dem Balkon: Die Zurschaustellung globaler Macht durch die G20 sei in Hamburg nicht willkommen. Er kritisiert die europäische Abschottungspolitik, die an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten sei. «Freihandel erzeugt Flucht!», ruft er, und fordert: «Fähren statt Frontex!». Aus der Ferne sieht es aus, als schauten die Adressierten belustigt aufs Hafenbecken herunter. Vom sicheren Balkon eines erst vor kurzem eröffneten Prestigebaus, der die Stadt Hamburg fast 800 Millionen Euro gekostet hat.

Derweil lassen die sechs Helikopter am Hamburger Himmel stets erahnen, wo in der Innenstadt gerade protestiert wird. Von der Hafenstrasse steigt eine gelbe Reizgaswolke auf. Ein riesiges Polizeiaufgebot ist auszumachen. Olga fährt in Ufernähe, schickt «Ich hab Polizei» von Polizistensohn Jan Böhmermann zur Unterstützung. Dann fährt sie langsam vorbei an den St. Pauli-Landungsbrücken, unter dem Applaus vieler Flanierender. Olga schickt «Borders» von M.I.A.

«Radio Nowhere»

Vor der Sperrzone hat Greenpeace seinen Zweimaster «Beluga II» medienwirksam in Stellung gebracht, dazu eine riesige Pappfigur: Donald Trump als trotziges Baby, dessen vollgekackte Windel auf den Planeten überquillt. Rundherum spielen die wendigen Schlauchboote von Greenpeace Katz-und-Maus mit der Waschpo. Das gigantische Zollschiff «Borkum» von der Küstenwache ist ebenfalls vor die Sperrzone gefahren und bewässert die Elbe mit der Löschkanone. «Abstoppen, drehen!», kommt die Weisung über Lautsprecher. Augen und Kehlen fangen an zu brennen, als von der Hafenstrasse die nächste Reizgaswolke über das Hafenbecken schwebt. Olga schickt Worte der Solidarität an die Protestierenden: «Auch wenn ihr euch davon nichts kaufen könnt: Ihr seid super!» Die Luftpolizei sammelt sich gerade über dem Hafenbecken. Fast scheint es, als würde zu Olgas Lärm von Ska-P ein kurzes Helikopterballett aufgeführt.

Ein doppelstöckiges Schiff mit «Seawatch»-Banner gesellt sich ins Getümmel. «Free Movement, not Free Trade» steht auf einem Transparent. Und auf der Rückseite: «G kack’n». Auch ein Presseschiff kommt angefahren, um Medienleute möglichst nah an die Elbphilharmonie zu karren. Aus Olgas Lautsprechern werden sie aufgefordert, bei der Berichterstattung nicht bloss Pressemitteilungen der Polizei zu kopieren. «Wer keine Ahnung hat, sollte besser die Fresse halten», ruft der Steuermann eines Waschpo-Schiffs. Olga spielt Bruce Springsteens «Radio Nowhere».

«Clandestino»

Als die Ankunft der G20-TeilnehmerInnen endlich bevorsteht, pfeift die Küstenwache die Protestboote zurück. «Nähern Sie sich nicht weiter der Absperrung, sonst müssen wir Massnahmen gegen Sie ergreifen», tönt es von der «Borkum». Olga dreht ab und antwortet mit Manu Chao, «Clandestino». Oben an der Reling führt ein Uniformierter hinter seiner Gewehrhalterung ein Tänzchen auf. Bald darauf sind vor der Elbphilharmonie Karawanen schwarzer Staatskarossen zu erkennen. Und während die Polizei das Greenpeace-Schiff entert und abschleppt, krächzt die Gitarre von Jimi Hendrix «Star Spangled Banner» durch Olgas Boxen.

Während die Weltoberhäupter im Prachtsaal der Elbphilharmonie wohl bereits Beethovens Neunter lauschen, schickt Olga noch «Guns of Brixton» von The Clash über die Bojengrenze. Dann machen sich die beiden Boote auf den Rückweg zum Fischmarkt. Vorbei an den Werften, wo eine deutsche Denkfabrik irrwitzig gross den Slogan «Hamburg ahoy! Keep Global Trade Open!» platziert hat. Olga spielt beim Anlegen Tocotronic: «Im Zweifel für den Zweifel».