Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Schlauchboot statt Tabellen

Der gestandene russische Greenpeace-Aktivist Dima Litwinow hat als Sohn einer Dissidentenfamilie Erfahrung mit der russischen Justiz. Doch was ihm vor einem Jahr als Teil der Arctic 30 widerfuhr, hat auch ihn erschüttert.

Von Bernhard Pötter

Der Widerstand gegen die Autoritäten ist bei Dima Litwinow eine Familientradition. Sein Vater Pawel wurde mitsamt der Familie nach Sibirien verbannt, weil er 1968 in Moskau gegen den Einmarsch der Roten Armee in die Tschechoslowakei demonstriert hatte. Sein Grossvater war der Schriftsteller und Dissident Lew Kopelew. Und sein Urgrossvater Maxim gehörte zu den Revolutionären um Lenin und diente als erster Aussenminister der jungen Sowjetunion.

Aber dass sich der Greenpeace-Aktivist Dima Litwinow vor einem Jahr für fast drei Monate in russischen Gefängnissen wiederfinden würde, hatte er nicht erwartet. Sein Vergehen: mit 29 anderen AktivistInnen auf dem Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise gegen eine Ölplattform im Nordmeer zu protestieren. «Wir hatten die gleiche Aktion ja schon ein Jahr zuvor gemacht – keine Reaktion der Behörden», sagt Litwinow heute, wenn er auf eine der spektakulärsten und wohl auch riskantesten Aktionen der UmweltschützerInnen aus den letzten Jahren zurückblickt.

Die russische Marine enterte am 18. September 2013 die «Arctic Sunrise», und die UmweltschützerInnen, die bald als Arctic 30 bekannt wurden, verschwanden für zehn Wochen im Gefängnis. «Es gab vorher keine Anzeichen, dass Russland dabei war, sich in einen Schurkenstaat zu verwandeln», sagt Litwinow. «Wenn bei unseren Planungen jemand gesagt hätte, in einem Jahr würde Russland die Krim annektiert und bewaffnete Aufständische in die Ukraine geschickt haben, hätten wir gesagt: ‹Mach dich nicht lächerlich!›»

Heute ist Litwinow schlauer. Und die Welt hat sich verändert. «Wir wären sehr dumm und verantwortungslos, wenn wir noch einmal eine solche Aktion in Russland planen würden», sagt er. Die harte Reaktion der russischen Behörden hat die UmweltschützerInnen geschockt. Auch, weil sie sich heute in der globalisierten Welt immer häufiger mit Staaten anlegen, die keine Rechtsstaaten sind, in denen es keine freie Presse und keinen zivilen Umgang mit gewaltlosem Protest gibt. In Russland, China, Indonesien, aber auch in den USA kommen die Meister der kalkulierten und inszenierten Grenzüberschreitung an ihre Grenzen. «Direkte Aktionen sind nicht immer die beste Aktionsform», sagt Litwinow, der wie wenige andere die Kampagnen der «Regenbogen-Krieger» über die letzten dreissig Jahre geprägt hat. «Wir werden schlauer und flexibler.»

Vom Hubschrauber aus geentert

Die Arctic 30 waren ein Wendepunkt. Ahnungslos umkreiste im September 2013 die «Arctic Sunrise» mit dreissig UmweltschützerInnen aus der ganzen Welt die Gazprom-Ölplattform Prirazlomnaya. Greenpeace protestierte gegen fehlende Sicherheitsregeln an Bord, vor allem aber gegen die Ausbeutung der Polargebiete durch die Ölindustrie: Sie schlägt aus der Klimaerwärmung und der durch sie verursachten Polareisschmelze Profit – und heizt dabei den Klimawandel weiter an. Der friedliche Protest wurde mit Gewalt beantwortet: Erst versuchte die russische Küstenwache, das unter niederländischer Flagge fahrende Schiff durch Schüsse vor den Bug zu stoppen. Dann enterten schwarz vermummte «Sicherheitskräfte» von einem Hubschrauber aus die «Arctic Sunrise». Die Mannschaft wurde in internationalen Gewässern festgesetzt, das Schiff nach Murmansk geschleppt.

Litwinow und seine MitkämpferInnen harrten sechs Wochen unter harten Bedingungen im Gefängnis von Murmansk aus, dann wurden sie nach St. Petersburg verlegt. Was folgte, war eine weltweite Mobilisierung der UmweltschützerInnen, die alle öffentlichen und verschwiegenen Kanäle nutzten, um ihre GesinnungsgenossInnen zu befreien. Das gelang erst Ende 2013.

Heute sagt Litwinow: «Die Russen haben viel für unsere Kampagne getan. Jetzt redet man selbst in Argentinien darüber, dass die Ölsuche in der Arktis ein Problem ist. Denn es sassen auch zwei Argentinier deshalb in Russland im Gefängnis. Die Aktion hat aber auch gezeigt, wozu die Ölfirmen und die Regierungen fähig sind, um diesen Protest zu stoppen.»

Die Fotos von den Gerichtsterminen zeigen ihn optimistisch, mit wachen Augen und Zuversicht im Gesicht. Doch die Zeit in Murmansk war hart: Die Gruppe, deren informeller Chef der gebürtige Russe Litwinow war, wurde getrennt. «Das Essen war furchtbar, es war dreckig und sehr kalt. Pro Woche hatten wir eine Viertelstunde warmes Wasser fürs Duschen und unsere Wäsche. Aber das Schlimmste war die Unsicherheit, was sie mit einem machen.»

Politik kontrolliert Justiz

Bei einer Verurteilung – die Anklage lautete ironischerweise auf «Piraterie» – drohten den UmweltschützerInnen zehn Jahre Haft. «Die Gefängnisaufseher und Geheimdienstleute sagten uns: ‹Wenn wir zehn Jahre sagen, dann meinen wir das auch.›» Litwinow wusste, dass die Anklage eigentlich lächerlich war.

Aber er weiss auch: «Die Justiz in Russland ist ein Instrument der Politik. In der Arktis geht es nicht nur um Öl. Wir haben unter ausländischer Flagge Russland auf einem geopolitisch wichtigen Gebiet herausgefordert. Da geht es natürlich auch um Territorium. Die Reaktion war: ‹Leg dich nicht mit uns an!› Das ist nicht so anders als das, was man jetzt in der Ukraine sieht.»

Die Behörden sprangen rüde mit ihnen um. «Sie haben massiv versucht, uns einzuschüchtern: Beim Transport wurde damit gedroht, ohne Vorwarnung auf uns zu schiessen. Dann wurden wir in enge Metallkisten gequetscht, in denen man kaum sitzen konnte. Wer darin stundenlang feststeckte – der blanke Horror.»

Das Gefängnis schildert Litwinow in Bildern wie aus einem schlechten Film: «Der Gefängnischef war ein Psychopath – oder zumindest hat er diese Rolle gut gespielt. Er hat lange Monologe geführt und zwischen Drohung und Beschwichtigung geschwankt. Der hat mir wirklich Angst gemacht. Und so ein Kerl hat totale Macht über dich! Einmal wurde ich für zwei Tage in eine Strafzelle gebracht, das ist ein dreckiges Loch, wie eine öffentliche Toilette.» Litwinow übernahm sein Überlebensmotto von anderen Gefangenen: «Nichts hoffen, nichts fürchten und um nichts betteln.»

Umweltaktivistisches Urgestein

Der charismatische Umweltschützer kennt sich aus mit der russischen Justiz. 1962 wurde Dima Litwinow in Moskau geboren, nach den Jahren der Verbannung reiste die Familie in den siebziger Jahren nach New York aus. Litwinow studierte und reiste durch die Welt, sah in Ecuador die Zerstörung des Amazonaswalds durch die Ölindustrie und begann, sich in den USA bei Greenpeace zu engagieren – als Spendensammler und Organisator.

Im Zerfallsprozess der Sowjetunion brauchte Greenpeace AktivistInnen, die russisch sprechen und mit der russischen Mentalität vertraut sind. Litwinow wagte sich mit einem Boot tief ins geheime Atomwaffensperrgebiet in Nowaja Semlja, baute das Moskauer Greenpeace-Büro auf und erlebte «die total verrückte Zeit der zerfallenden Sowjetunion», in der sich Oligarchen die Claims für Rohstoffe abjagten. Und in der die Behörden so verunsichert waren, dass Litwinow mit einem Greenpeace-Team mitten in ein havariertes Atomkraftwerk bei St. Petersburg spazieren und ausführlich filmen konnte.

Litwinow machte Karriere bei Greenpeace. Er leitete das Moskauer Büro, führte Kampagnen und arbeitete zu praktisch allen Umweltschutzthemen: Meere, Atomkraft, Wälder, Abfälle. Dann hängte er seine Ämter an den Nagel. Er will als Campaigner im Schlauchboot sitzen und nicht im Büro Excel-Tabellen ausfüllen.

Viele GreenpeacerInnen schätzen ihn für seine Erfahrung, sein Wissen und seine geradlinige Art – und mancher beneidet ihn um die Karriereverweigerung, die ihn wieder auf die unterste und spannendste Arbeitsstufe gebracht hat. Was er nicht kann? «Vor UN-Vertretern diplomatisch sein Anliegen vertreten», heisst es aus der Organisation. Aber er habe auch kein Problem, sich dafür coachen zu lassen, sagen sie.

Anders als viele in der Hierarchie von Greenpeace kommt Litwinow nicht aus der Mittelklasse der reichen Industriestaaten. Ähnlich wie Greenpeace-Chef Kumi Naidoo erfuhr er in seinem früheren Leben Unterdrückung, Angst und Ungerechtigkeit am eigenen Leib. Aber auch, wie er sagt, die Kraft und Wildheit der Natur. «Als Junge im sibirischen Dorf Usugli mit Taiga bis zum Horizont habe ich die Erfahrung gemacht: Die Natur hat hier die Kontrolle», sagt er. «Wer in Europa aufwächst, muss durch viel Zivilisation fahren, bis er Wildnis findet. Bei mir war das umgekehrt.» Geblieben sei ihm dadurch eine enge Bindung an die Natur, die er bewahren will.

Greenpeace ist inzwischen ein multinationales Unternehmen mit 28 Länderbüros und einem Gesamtumsatz von rund 410 Millionen Franken, das mit Staatschefs und UN-Beamtinnen auf Augenhöhe verhandelt. Die Firma hat etwa 2000 Beschäftigte und wird gerade weltweit umgebaut, um die grossen Umweltprobleme im Süden des Globus, dort, wo ihre Wachstumsmärkte liegen, besser in den Griff zu bekommen. Manche Stellen fallen weg, Geld und Einfluss werden neu verteilt, es gibt Proteste und Ärger. Im Frühling hat Greenpeace fast 4,6 Millionen Franken bei Devisengeschäften verloren und viel mediale Kritik einstecken müssen.

Es bleibt in der Familie

Dima Litwinow ist das andere Gesicht von Greenpeace: der «Campaigner in Person», der immer nach einer neuen Aktion, dem nächsten Gegner und der besten Botschaft sucht. Jemand aus der Zeit, als Greenpeace noch einfach war. Er lebt mit seiner Familie in Stockholm und fährt mit dem Boot in die Schären hinaus, so oft er kann. «Ich liebe es, für Greenpeace zu arbeiten», sagt er. «Was wir Menschen der Erde antun, ist einfach böse. Da fühle ich mich zu dieser Arbeit verpflichtet.»

Für Dima Litwinow geht der Kampf immer weiter. Sein ältester Sohn Lew arbeitet auf einer Biofarm in Australien. «Sie haben gerade mit den Aboriginals gegen ein Frackingprojekt demonstriert», erzählt er. «Und sie haben gewonnen.»

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