Das Reportagenprojekt

Die folgenden Reportagen stammen von SchülerInnen der Berufsmaturitätsschule Zürich. Im Deutschunterricht hat sich die Erwachsenenklasse EVK20c (Ausrichtung Gestaltung und Kunst) mit den journalistischen Darstellungsformen befasst. Danach begaben sich die SchülerInnen zu zweit auf Reportage. Die Beiträge wurden von Deutschlehrer Seluan Ajina sowie von WOZ-Redaktor Kaspar Surber betreut. Von den zehn Texten hat die WOZ drei ausgewählt, um sie hier zu publizieren. Auf dem Bild sind die AutorInnen zu sehen, von links: Floyd Bolliger, Jul Gross, Kim Wunderli, Benjamin Hofmann, Alisa Christ und Stella Hartmann.

24.05.2021

Das unerwartete Revival

Von Floyd Bolliger und Jul Gross (Text und Analogfoto)

Die Digitalisierung mag alle Lebensbereiche bestimmen – doch in den letzten Jahren nahm das Interesse an der Analogfotografie stetig zu. Ein Besuch im Zürcher Szeneladen «Ars-Imago» zeigt, wer die Maschinerie in einer scheinbar stillgelegten Branche am Laufen hält.

Früher Samstagmorgen beim Lochergut in Zürich: vom alltäglichen Trubel im belebten Quartier ist noch nicht viel zu spüren. Auch im alten, leicht heruntergekommenen Haus an der Badenerstrasse 211 ist die Ruhe der vergangenen Nacht noch präsent. Über der Eingangstür des Ladenlokals im Erdgeschoss prangt auf schwarzem Hintergrund der Name des dort ansässigen Fotografie-Fachgeschäftes «Ars-Imago». Der Verkaufsraum ist noch dunkel, nur eine Lichterkette beleuchtet das rechte Schaufenster in einem dezentem Weisston. Kurz nach zehn Uhr kommt ein Herr mit Rossschwanzfrisur strammen Schrittes angelaufen. Es ist Gunnar, einer der Fotospezialisten, der sein Wissen im «Ars-Imago» zum Besten gibt. Er schliesst ein Einbruchsschutzgitter und anschliessend die Eingangstüre auf – und schon stehen wir im kleinen Ladenlokal.

Gunnar verschwindet im hinteren Teil des Geschäftes. Gedämpft hört man noch den Strassenverkehr. Auf der linken Seite des Ladens türmen sich in einem Regal Filmschachteln jeglicher Art bis unter die Decke: Kodak T-Max 400, Ilford Delta 3200, Kodak Gold. Wahrscheinlich hat es so, vor noch nicht einmal 25 Jahren, in jedem Fotogeschäft ausgesehen. Der Platz, um sich im Laden frei zu bewegen, ist begrenzt. Es stapeln sich gefüllte Kartonschachteln, Verkaufsartikel und verschiedene Kuriositäten über die kleine Ladenfläche verteilt. Ein Indiz für den geplanten Umzug des Fotogeschäftes.*

Gunnar taucht plötzlich wieder auf. «Hier war schon lange ein Fotogeschäft», erzählt er, während er lässig an der Ladentheke lehnt. «Es hiess Foto Ernst und wurde von drei Generationen derselben Familie geführt.» Doch die Inhaber hatten den Laden in den letzten Jahren kaum noch betrieben. «Da war nichts ausser einer Telefonnummer an der Tür. Wenn man was wollte, konnte man anrufen.» Vor knapp fünf Jahren zog der Familienbetrieb Ernst schliesslich aus, und kurze Zeit später öffnete «Ars-Imago» seine Türen. Seither läuft das Geschäft gut. Täglich beraten die MitarbeiterInnen die KundInnen, verkaufen Filme und nehmen Kameras zur Reparatur entgegen.

Handwerk mit Überraschungen

Das Interesse an der Filmfotografie hat in den letzten paar Jahren wieder spürbar zugenommen, bestätigt Gunnar. Beispielsweise verzeichnet die Firma Kodak, die noch Fotofilme produziert, in den letzten fünf Jahren ein gewaltiges Wachstum des Umsatzes.

Während Gunnar den Laden für den Verkaufsstart herrichtet, sinniert der Fotograf und Verkäufer über das Phänomen der neu entfachten Analog-Fotografie-Szene. «Es ist schon anzunehmen, dass es eine Modeerscheinung ist, aber es tut auf jeden Fall der ganzen Branche gut.» Die Filmfotografie sei aber nie wirklich tot gewesen, merkt Gunnar an, während er Regale auffüllt. Vor allem Künstler seien grosse Verfechter dieses Handwerks. «Denen geht es nicht nur um das fertige Bild, sondern um den ganzen Prozess. Das ist auch das, was mir wichtig ist. Das Handwerkliche gefällt mir viel mehr als die Arbeit mit Computerprogrammen.»

Zwischen den Schachtelinseln schaut Gunnar auf und sagt: «Bei der analogen Fotografie gibt es vielleicht weniger Möglichkeiten, dafür aber mehr Überraschungen. Und Überraschungen haben schon ein sehr grosses kreatives Potenzial.»

Es ist kurz nach zehn Uhr, als ein Transporter eines Paketlieferdienstes vorfährt. Gunnar öffnet die Tür, spricht mit dem Boten und nimmt eine erste Charge Pakete entgegen. Während er die neuen Kartonschachteln zu den bereits vorhandenen dazustellt, erzählt er weiter von den kreativen Möglichkeiten der Filmfotografie. Er präsentiert Beispiele von Fotos, die sein Arbeitskollege mit positivem Fotopapier geschossen hat. Bei diesem Prozess wird das Foto direkt auf ein speziell chemisch behandeltes Papier projiziert, ohne dass man ein Negativ entwickeln und vergrössern muss. «So entstehen echte Unikate.»

Als die alte Ladentüre aufgestossen wird, ruft Gunnar «Ciao Claudio!». Der ältere Herr in Winterjacke und mit Schiebermütze, der den Laden betritt, ist Kameramechaniker aus Leidenschaft. Mit einem verschmitzten Blick findet er seinen Weg durch den Laden zu Gunnar und gesellt sich, nach einer kurzen Begrüssung mit italienischem Akzent, zur Unterhaltung.

Sondermüll und Raritäten

Im Raum steht nun die Frage, ob Filmfotografie mit dem Trend zu einem nachhaltigeren Lebensstil vereinbar ist. Denn bei der Produktion und Entwicklung der Filme werden viele Chemikalien eingesetzt. «Wenn man das etwas vertieft, könnte man eigentlich sagen, dass die ganze Fotografie nicht wirklich umweltfördernd ist», findet Gunnar. «Die digitale Fotografie ist da nicht viel besser, weil die Elektronik auch gewisse Umweltschäden verursacht.» Wenn man die Chemikalien fachgerecht entsorge, sprich zur Sondermüllabgabe bringe, entstehe für die Umwelt kaum ein grosser Schaden. Gunnar meint, dass jeder für sich selbst herausfinden müsse, wo man beim Umweltschutz konsequent sei und wo man eine Ausnahme mache. Wichtig sei sicher, sich diese Gedanken zu machen.

Dafür kann die Lebensdauer einer analogen Kamera die einer digitalen um ein Vielfaches übersteigen. Mechanische Komponenten können mit ein wenig Know-how und geschickten Händen gut reproduziert oder repariert werden. «Zum Beispiel war vor einem halben Jahr jemand hier im Laden mit einer alten Rolleiflex-Spiegelreflexkamera. Die muss Jahrzehnte lang in einem feuchten Raum gelegen haben.» Die lange Lebensdauer der Geräte schätzt Gunnar sehr. «Ich kann mit einer Kamera, die siebzig Jahre alt ist, noch in zwanzig Jahren fotografieren, oder ich finde jemanden, der sie mir reparieren kann. Mit einer modernen Digitalkamera funktioniert das sicherlich nicht.»

Kameras statt Geld

Claudio, der ursprünglich Polymechaniker gelernt hat, repariert schon seit etlichen Jahren allein Kameras. Er hat damals einfach angefangen, seine eigenen Kameras zu reparieren. Eine klassische Ausbildung gab es nicht, und heutzutage sei es noch viel schwieriger. Er beginnt in alten Zeiten zu schwelgen und schweift ab in träumerisches Rückblenden auf die Branche. Doch an Arbeit mangelt es ihm auch heute nicht, er repariert hauptsächlich Kameras aus der Schweiz, früher wurden ihm auch noch Kameras aus dem Ausland zugeschickt. Durch jahrelange Erfahrung kennt er jegliche Marken und weiss, wie man sie repariert. Modernere vollelektronische Filmkameras zu reparieren lohnt sich aber meistens vom Aufwand her nicht mehr.

Nebenbei vertraut uns Claudio an, dass er gewisse Kameras nicht einmal mehr öffnen muss, um zu wissen, was daran kaputt ist. In seiner 17-Quadratmeter-Werkstatt in Horgen hat er eine kleine Sammlung von Werkzeugen und Messgeräten, die er aufkaufen konnte, als in den neunziger Jahren immer mehr seiner Konkurrenten ihre Werkstätte schlossen. Er kann uns noch die genauen Namen und Orte nennen, und wir merken, dass in dieser Branche jeder jeden kennt. Auch zum vormaligen Besitzer des Ladens, in dem wir stehen, hatte Claudio eine enge Beziehung. Aus den Erzählungen geht weiter hervor, dass ein exzessives Sammelverhalten in der Filmfotografiebranche sehr verbreitet ist. Auch Claudio hat über 200 Kameras. «Wenn ich eine sehe, die Freude macht, dann kaufe ich sie, auch wenn ich sie gar nicht brauche», bemerkt er mit seinem schelmischen Lächeln. Nach eigener Aussage wurde er für seinen Einsatz beim Räumungsverkauf von Foto Ernst nicht in Franken, sondern mit Kameras entlohnt.

Die Kundschaft wird jünger

In den letzten Jahren wurde Claudios Kundschaft immer jünger. Früher waren es eher ältere Leute, die ihre alten Kameras repariert haben wollten, oder Profis, die das Format immer noch gegenüber der Digitalfotografie bevorzugten. Doch mit dem Analog-Trend, der auch in der Zeit von Social Media anhält, kommen immer mehr Jugendliche mit Kameras, die sie geerbt oder in einem Brocki gefunden haben. Auf Instagram hat der Hashtag «Filmphotography» über 25,7 Millionen Erwähnungen.

Doch dieser Trend ist janusköpfig. Für Kamerahersteller ist es immer noch eine zu kleine Nische, um wieder mit einer Produktion neuer Filmkameras zu beginnen. Das Damoklesschwert des Aussterbens des Mediums Film schwebt über allen in der Branche. Die Kameras, die sich im Umlauf befinden, sind limitiert, und gewisse Schäden lassen sich nicht mehr reparieren. Mit dem schwindenden Personal für Reparaturen wird diese Problematik nur noch verstärkt.

Mit einem gewissen Stolz erzählt Claudio, dass es nicht so einfach sei, Kameras zu reparieren. Doch auch die Angst, dass diese Handwerkskunst verloren gehen könnte, hört man seiner sonst heiteren Stimme an. Die Ausbildung eines Lehrlings sei für ihn momentan keine Option, meint er mit einem gewissen Bedauern. Den Aufwand könne er sich einfach nicht leisten, da er all seine Finanzen mit seinem Reparaturgeschäft trage. Wenn er pensioniert wäre, dann vielleicht. Doch auch dann müsse der Lernende Vorwissen und ganz viel Motivation mitbringen. «Statt in den Fernseher muss er lieber in eine Kamera schauen», meint er und lacht.

Vor dem Lokal, in das wegen Corona nur drei KundInnen dürfen, hat sich mittlerweile eine kleine Schlange gebildet. Es ist eine Mischung von Kunden aus den unterschiedlichsten Milieus, die hierherkommen, um einen neuen Film zu kaufen oder ihre entwickelten Bilder abzuholen. In ihren Augen sieht man eine Vorfreude auf das Ergebnis, die man selbst einmal gespürt haben muss, um sie zu verstehen.

In der immer noch frischen Morgenluft scheinen die Informationen und Geschichten kein Ende zu nehmen. Draussen vor dem Geschäft verrät uns Claudio, der wegen der Geräuschkulisse aus Autolärm und Stimmengewirr schwierig zu verstehen ist, mit vor Leidenschaft funkelnden Augen kleine Details über Kameras, die einem niemals auffallen würden. Nach einer Weile beenden wir unser Gespräch. Aber nicht, bevor er uns noch herzlich zu sich in die Werkstatt eingeladen hat.

*Das Fotofachgeschäft «Ars-Imago» befindet sich nach dem Umzug an der Josefstrasse 53 in Zürich.

24.05.2021

Wie Heringe auf einer Atlantikbarke

Von Kim Wunderli und Benjamin Hofmann

Die Zürcher Langstrasse ist die wohl bekannteste Schweizer Ausgangsmeile. Nicht nur die Pandemie macht den LokalbetreiberInnen zu schaffen, sondern auch die Aufwertung. Ein nächtlicher Streifzug.

Das «Langstrassengefühl» kriecht langsam in den Fokus unserer Wahrnehmung: Das Gefühl, der Eifer und der Geselligkeit – gemischt mit einer Spannung und einer Prise Angst. Doch es fühlt sich nicht an wie sonst. Wir fühlen uns fast schuldig dafür, dass wir an diesem Abend im Dezember 2020 an einen Ort der Geselligkeit und des unvermeidbaren sozialen Kontakts gekommen sind.

Die aktuelle Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Personen im Kanton Zürich liegt bei 48 217 – und ist heute um 975 gestiegen. Der Bundesrat untersagte Ende Oktober das Betreiben von Diskotheken, Tanzlokalen sowie sämtliche Tanzveranstaltungen. In Bars und Restaurants darf eine Gästegruppe höchstens vier Personen betragen. Es gilt eine Sperrstunde von 23 bis 6 Uhr. Speisen und Getränke dürfen nur im Sitzen konsumiert werden. Zusätzlich sind spontane Menschenansammlungen von mehr als fünfzehn Personen verboten.

Zu unserer Erleichterung sind deutlich weniger Leute unterwegs wie man sich das sonst an einem Freitagabend gewöhnt ist. Viele Lokale sind geschlossen, doch trotz der Umstände sind viele Menschen zu sehen. Wir schlendern auf der Suche nach einem belebenden Glühwein bei «SO Pizza» vorbei zum «Schwarzen Schaf», am Fuss der Langstrasse, das auf dem Trottoir einen Stand aufgestellt hat. Auf die Frage, ob es möglich sei, mit der Karte zu zahlen, antwortet der witzige Angestellte mit «Aber sicher! Wir nehmen alles ausser Bitcoin!». Sie sind wahrscheinlich wirklich froh um alles was sie bekommen. Jeder Betrieb, der seine Türen geöffnet hat, ist voll. Gäste sitzen wenn möglich auch im Freien. Falls nicht, ist das auch nicht so schlimm. Es hat ja schliesslich Trennwände.

Das «Schwarze Schaf», «ACID», «Hooters» und das kleine Lokal «Metzg» sind alle besetzt. Ein Mann mit schwarzem Hut hat uns durch das Fenster entdeckt, lacht vergnügt und winkt uns aus der ebenfalls gut besuchten «Gotthard Bar» zu. Dort spielt sogar eine Band. In der «Metzg», die hauptsächlich Fleischspeisen serviert, haben sie als «Schutztrennung» weisse Plastikvorhänge installiert, die ironischerweise an einen Schlachthof erinnern.

Es scheint, als hätte sich die Gesellschaft hinsichtlich des Nachtlebens völlig an das «New Normal» gewöhnt. Niemand will in Isolation, auf den Ausgang verzichten will keiner mehr. Solange man eine Maske an der Bushaltestelle trägt, macht es das Ansteckungsrisiko scheinbar passabel. Eine pinke Hummer-Limo fährt an uns vorbei. Gequält ertragen wir kurz das Kreischen einer Frau und das Lied «Disco, Disco! Party, Party!», das aus den offenen Fenstern dröhnt. Vielleicht hat sich doch nicht so viel geändert?

Stichwaffen und Glasbongs

Wir gehen weiter in Richtung Limmatplatz und besuchen «Werner’s Headshop» vis-à-vis des abgedunkelten «El Presidente Bar und Disco». Nur kurz sprechen wir mit Sarah, der anwesenden Praktikantin, als plötzlich eine Frau ihr Fahrrad direkt vor dem Headshop abstellt und keuchend hereinplatzt. Kaum vernehmlich fragt sie nach einer gläsernen Bong mit einem Ersatzkopf. Sie streut nervös und am ganzen Körper zitternd ihre ganze Asche auf den Tresen. Während sich Sarah den Geldbetrag zusammenknetet, drücken sich entspannt zwei Männer am Fahrrad vorbei und betreten den Headshop. Sie gehen direkt zu den ausgestellten Stichwaffen.

Sarah wickelt die Bong und den dazugehörigen Kopf sorgfältig in Luftpolsterfolie. «Sind das alle Messer, die Sie haben?» fragt einer der beiden Männer. Die Praktikantin nickt: «Ja, sorry». Als die Frau schlussendlich ihren Einkauf vervollständigt hat, stolpert sie aus dem Headshop und fällt beinahe über ihr eigenes Fahrrad.

Die Praktikantin hängt wieder an unser Gespräch an, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Wir spüren jedoch, dass sie eigentlich gar nicht mit uns sprechen möchte. Seit Anfang der Pandemie seien spürbar weniger Menschen an der Langstrasse unterwegs sind. Das sei vor allem nach Beginn der Sperrstunde um 23 Uhr nicht übersehbar. Scheinbar halten sich die Leute an diese Sperrstunde. Grosse Veränderungen sind ihr jedoch nicht aufgefallen. Die Langstrasse sei «ein lebendiges Quartier» – das Understatement des Jahres.

Das Einsatzvolumen der Stadtpolizei Zürich an der Langstrasse und Umgebung hat sich laut Kreischef 4, Andreas Venzin, seit Ausbruch der Pandemie nicht gesteigert. Veränderung ist jedoch in der Natur der geleisteten Einsätzen zu spüren. Es seien vor allem Lärmbeschwerden und Berichte von Verstössen gegen die Corona-Massnahmen, die die Aufmerksamkeit der Stadtpolizei auf sich ziehen. Es scheint, als gäbe es in der Tat besorgte Bürger, die die Ordnungsmacht spekulativ über brechend volle oder sperrstundenverletzende Lokale alarmiert.

Das Warten der Taxifahrer

Um 21 Uhr erreichen wir die Höhe des geschlossenen «Bagatelle Clubs» und der geöffneten «Longstreet Bar». Hier ist was los. Vor dem «Palestine Grill» stehen die Menschen schlange, Leute gehen kreuz und quer über den kleinen Platz. Ältere Männer wimmeln Prostituierte ab, Türsteher glotzen skeptisch ins Geschehen und aus den offenen Fenstern eines Poser-BMWs erklingt «Last Christmas». Von irgendwo hört man einen Mann «He, du Wichser!» schreien.

Von den geschätzten 13 000 bis 25 000 SexarbeiterInnen, die in der Schweiz tätig sind, wurden alle von der Pandemie schwer getroffen. Die gesetzlich geforderte Aufnahme der Kontaktdaten von Kundinnen und Kunden, wirkt häufig auf potenzielle Freier abschreckend. Auch das Taxigewerbe ist von der Pandemie betroffen: Gleich hinter der Ecke vor der geschlossenen «Bar 3000» steht eine endlose Reihe von Taxis, die auf Kundschaft wartet. Wir sprechen einen an ein Taxi lehnenden, graumelierten Fahrer an. Im selben Taxi sitzt ein weiterer älterer Fahrer mit einer Maske, eingewickelt in einem babygelben Schal und einer dazu passenden Mütze. Der ältere ist ehemaliger Architekt und hat das Fenster nur einen Spalt geöffnet. Er berichtet uns von Geldmangel. So auch der Graumelierte mit türkischem Akzent: «Fünf Stunden lang einfach nur warten und dann mal eine Fahrt für zehn Franken. Das ist ärgerlich.»

«Kantonspolizei Zürich, Ausweiskontrolle!» Murat ist kein Polizist. Er trägt schicke Trainerhosen, Nike Sneakers und einen etwas abgenutzten Parkamantel. Maskenlos stellt sich der gut aussehende und exzentrische Taxifahrer in den Mittelpunkt des Geschehens. Er blubbert in seinem Monolog über Verschwörungstheorien, erzählt Geschichten seiner Frau und landet bei seinem neulich rasierten Bart, wobei er uns stolz ein paar Oben-ohne-Selfies präsentiert.

Von Murat erfahren wir, dass es wirklich nicht einfach ist als Taxifahrer. Schon gar nicht in einer Pandemie. Laut Murat ist eine Ansteckung mit dem Coronavirus nicht die grösste Sorge eines Chauffeurs während der Fahrt. Er berichtet von Übergriffen, Drohungen, Morden und Körperflüssigkeiten. Worauf die anderen beiden Chauffeure manchmal die Augen verdrehen — wahrscheinlich schmunzeln sie unter ihrer Maske. Bezüglich der Pandemie sind sich aber alle sichtlich einig: Es geht ihnen deutlich schlechter. Die Arbeit ist mager und die Tage sind lang.

Echt abgespaced

Unser Gedankenschwamm ist voll, und uns ist kalt. Wir beschliessen uns kurz im «Kosmos» zu sammeln. Die Kino-Bar-Restaurant-Bibliothek erscheint wie eine Oase neben der Langstrasse. Aus dem lautem, kalten und hektischen Strassenleben gelangen wir durch eine Tür in einen entspannenden Lo-Fi-Traum und versinken in einem weichen Ledersofa. Eine adäquat angezogene Bobo mit einem Notizblock unter dem Arm stolziert an einem mit Weihnachtslichter bestücktem Holzraumschiff vorbei. Das alles gerade mal 50 Meter von Murat und seinen Problemen entfernt — echt abgespaced.

Nun regnet es in Sodom. Im 24-Stunden-Geschäft «Take Express Shop» gönnen wir uns unter aufmerksamen Augen der Angestellten einen Club-Mate. Auf die Frage, wie es denn so läuft, antwortet Kassier Stephan: «Wie soll ich sagen: Man überlebt.» Er berichtet, dass der 24-Stunden-Shop zum Glück von der Pandemie ziemlich verschont geblieben ist, weil das Geschäft nach dem Zapfenstreich von konsumgierigen Piranhas überschwemmt werde.

Seit sechs Jahren arbeitet Stephan täglich an der Langstrasse und hat noch nie so viele Wechsel gesehen: Neuigkeiten von Unternehmen, die schliessen müssen oder kurz davor sind, gehören zurzeit zum Alltag. Laut Stephan wolle man, abgesehen von den Strapazen der Pandemie, die Gegend laufend «aufwerten». Die Schliessung der «Rothausbar», in der WOZ thematisiert, scheint dafür ein Beweismittel.

Die Sars-2-Pandemie beschleunigt so eine Entwicklung, die schon seit längerem im Gang ist. Die Langstrasse wird Stück für Stück von coolen Fusion-Cafés und Szeni-Bars gefressen. Mit einem freundlichen Falten seiner Hände verabschiedet sich Stephan: «Tschüss miteinander, hat mich gefreut». Wieder mit der Strasse vereint erkennen wir Queen’s «Another One Bites the Dust» aus der Entfernung — ein Hoch auf die Gentrifizierung!

Sperrstunde

Um 23 Uhr ist aus. Die Menschen, die sich versammelt haben, werden alle gleichzeitig wie ein Eimer voller Heringe auf dem Deck einer Atlantikbarke aus den Bars und Lokalen geschmissen. Auf einmal wird die Langstrasse so lebendig, wie man es sich gewöhnt ist an einem Freitagabend. Man versteht sich kaum untereinander und Gruppen singen lauthals auf der Strasse. Die Leute strömen aus den Bars, tragen dabei ihre Rest-Drinks in Take-Away-Bechern und schlendern in alle Richtungen. Fahrräder werden aufgeschlossen und Abschiedsküsse werden verschenkt. Die Langstrasse kommt nun zur Ruhe. Vorerst.

24.05.2021

Zwischen Nähe und Distanz

von Alisa Christ und Stella Hartmann

SonderschülerInnen brauchen viel Aufmerksamkeit. In der Coronazeit müssen sie und ihre LehrerInnen plötzlich Abstand halten. Wie erleben sie die Pandemie? Ein Besuch im Heilpädagogischen Institut St. Michael in Adetswil.

Die Strasse, die zum Sonderschulheim führt, schlängelt sich durch eine verzauberte Umgebung. Vom Parkplatz aus sind das Zürcher Oberland und ein Teil des Zürichsees sichtbar.  Zwischen den Bäumen und Sträuchern, die entlang der Strasse stehen, glitzert der Schnee. Auch der Kräutergarten der Heimküche, die im Sommer sehr gefragt ist, liegt unter einer weissen Decke. Die Strasse wird ihrem Namen gerecht – die Erholungshausstrasse.

Das Heilpädagogische Institut St. Michael wurde 1968 von zwei Familien mit anfangs fünfzehn Kindern als Sonderschulheim eröffnet. Vorher hatte es als Erholungshaus gedient, unter anderem für lungenkranke Kinder. 1975 kam die Sonderschule dazu. Heute verfügt das Sonderschulheim über insgesamt vierzig Plätze: Dreissig sind für InternatsschülerInnen, zehn für TagesschülerInnen vorgesehen. Die Bereichsleitung des Sonderschulheims ist in drei Teile aufgeteilt: die Schulleitung, die Betriebsleitung und die Internatsleitung.

Das Haupthaus, in dem sich die Wohngruppen, die Küche, der Saal und Büros befinden, liegt ein bisschen höher als das Schulhaus. Es ist ein grosses, längliches, fünfstöckiges Gebäude. Es wurde nicht wie das Schulhaus nach anthroposophischer Architektur gebaut, denn es steht schon seit dem Jahr 1904. Trotzdem sind manche Merkmale anthroposophischer Architektur zu erkennen. So weist das Dach keine rechten Winkel auf. Als Anthroposophie wird eine geistige Weltanschauung bezeichnet, die von Rudolf Steiner begründet wurde. Der Ausbildungs- und Erkenntnisweg dazu ist ebenfalls Teil der Philosophie.

Auf dem Pausenhof herrscht bei unserem Besuch im Dezember 2020 ein reges Treiben. Eine Gruppe von Kindern spielt mit dem Schnee. Immer etwa drei Lehrpersonen, PraktikantInnen oder pädagogische MitarbeiterInnen haben Pausenaufsicht. Die einen Kinder werden auch in der Pause von ihren Klassenlehrpersonen betreut. Es ertönen mehrere Gongschläge. Das Zeichen dafür, dass die Pause vorbei ist. Der Pausenhof leert sich allmählich. Die Schüler kehren in ihre Klassenzimmer zurück.

Masken tragen nur die Grossen

Das Klassenzimmer hat rosarote Wände. An der Wandtafel hängen bunte Kärtchen mit illustrierten Bildern darauf. Auch der Stundenplan ist bildlich dargestellt. Direkt daneben befinden sich die Hygieneregeln des Bundesamtes für Gesundheit. Auf grösseren Kärtchen über der Wandtafel hängen alle Buchstaben des Alphabets. Im Raum finden sich Gestelle mit Spielsachen. In der Mitte stehen zwei Reihen Einzelpulte. Um die einen Pulte sind Holzwände aufgestellt, damit sich die Kinder, die an diesen Plätzen arbeiten, besser konzentrieren können.

Dario* ist Autist. Er ist seit fünf Jahren im Sonderschulheim und schon seit Beginn in der Klasse von Christine Braun, der Klassenlehrperson. Ganz hinten im Klassenzimmer befindet sich ein Gruppentisch. Daneben eine Nische, auch mit einer Holzwand abgetrennt. Dort arbeitet Dario, der sehr viel Mühe hat, sich zu konzentrieren. Wenn er müde ist, darf er sich auch hinlegen. Dario benötigt eine eigene Betreuungsperson, da er teilweise nicht selbstständig arbeiten kann. Oft ist er aggressiv. Seit der zweiten Welle der Coronapandemie hat dieses Verhalten zugenommen. Er wohnt nicht auf den Wohngruppen und kommt daher in der jetzigen Zeit nur vormittags zur Schule.

Jede Klasse zählt bis zu sieben SchülerInnen. Sie haben jeweils eine Klassenlehrperson und eine Klassenassistenz. Wenn es ein Kind in der Klasse hat, auf das besonders geachtet werden muss, braucht es eine zusätzliche Klassenassistenz. Die Kinder werden grundsätzlich nach ihrem Alter in die Klassen eingeteilt, jedoch wird auch der Fortschritt berücksichtigt, den die Kinder machen. Die Lehrpersonen tragen Masken. Für die Kinder gilt eine Maskenpflicht ab zwölf Jahren. Dies ist bei den bald Zwölfjährigen ein riesiges Thema. Sie freuen sich darauf, eine Maske tragen zu dürfen, weil sie dann das Gefühl haben, zu «den Grossen» dazuzugehören.

Jessica ist mit fünfzehn Jahren die älteste der Kinder in ihrer Klasse und muss daher  als einzige eine Maske tragen. Sie sitzt ganz unruhig auf ihrem Stuhl. Bei jeder gestellten Frage von uns an die Klasse hält sie ungeduldig ihre Hand hoch und hat den Drang, sich zu äussern. Ihre Hände sind ganz rot vom Desinfektionsmittel. Sie hat es versehentlich benutzt. Für die Kinder gilt grundsätzlich, dass sie ihre Hände mit Seife und Wasser waschen müssen.

Ein Superheld als Geschenk

Der bald zwölfjährige Simon hat seine Hände zwischen Stuhl und Oberschenkel eingeklemmt. Er hört sich unsere Fragen ganz aufmerksam an und muss für die Antworten nicht lange überlegen. Auf die Frage, ob jemand von den Kindern wisse, was das Coronavirus sei, antwortet Simon so, als würde er Wikipedia rezitieren. Und auf die nächste Frage, auf was sich die Kinder am meisten freuen, wenn wir wieder wie früher leben können, antwortet er: «Ich freue mich, wenn alles vorbei ist mit Corona, dann darf ich endlich wieder meine Mutter umarmen.»

«Du wirst auch bald zwölf, Kai. Wie findest du es, auch bald eine Maske tragen zu müssen?», fragt Frau Braun ihren Schüler. «Farbstifte und Knete.» Kai beginnt, die Wunschliste für seinen Geburtstag aufzuzählen. Es scheint, als wäre er manchmal in seiner eigenen Welt. Elyas antwortet dafür auf die Frage nach dem Maskentragen: «Ich finde es doof. Ich muss schon im ÖV die Maske anziehen und bekomme schlecht Luft.» Er möchte am liebsten mit seinen Eltern wieder in den Türkeiurlaub reisen.

Raphael, der Zwillingsbruder von Simon, ist sehr still. Er meldet sich nur dann, wenn Frau Braun ihn aufruft. Sonst sitzt er ganz ruhig, ohne gross aufzufallen, auf seinem Stuhl. Erst später erzählt er, dass er selbst Corona hatte. «Ich war in meinem Zimmer, Simon war in seinem. Ich habe sehr viel ferngesehen», erzählt er und schmunzelt dabei. Alle Kinder freuen sich darauf, ihre Liebsten wieder umarmen und ihnen ein Küsschen geben zu dürfen.

Die Schüler arbeiten nach der Fragerunde selbstständig. Sie zeichnen und basteln. Kai zeichnet konzentriert ein Bild. Die Vorlage dafür hat er im Kopf. Er zeichnet zuerst alles mit Bleistift vor und zieht die Linien anschliessend mit Filzstift nach. Dann macht er sich daran, die Flächen auszumalen. Dabei achtet er auf ganz viele Details, die die Zeichnung realistisch wirken lassen. Er hat einen Superhelden mit ausdrucksstarkem Blick gezeichnet. Kai kommt nach Schulschluss zu uns und schenkt uns jeweils ein Bild, das er in dieser Lektion gezeichnet hat.

Am Ende des Schultages fragt Frau Braun ihre Schüler, wie sie ihr heutiges Arbeiten einschätzen. Das hilft den Kindern zur Selbsteinschätzung. Dann bespricht sich die Klassenlehrperson kurz mit den Kindern, und sie dürfen alles aufräumen. Anschliessend machen sich die SchülerInnen bereit für den Heimweg. Die TagesschülerInnen werden nach der Schule vom Taxi abgeholt und nach Hause gefahren.

«Das ist unser Daheim»

Für die Lehrpersonen ist es nicht einfach in dieser Zeit. Durch die Maske besteht eine enorme Kommunikationsschwierigkeit. Weil die Kinder die Mimik der Lehrpersonen nicht mehr sehen können und sie somit nicht mehr richtig verstehen, ist der Unterricht eine grosse Herausforderung. Aber damit nicht genug. Auch Administratives fällt schwer. Sitzungen führen die Beschäftigten über Microsoft-Teams. Der Empfang ist teilweise so schlecht, dass das Herstellen der Verbindung oft viel länger dauert als die Besprechung selbst.

Der Turnunterricht findet nicht mehr statt. Die Klassen gehen jetzt häufiger im nahe gelegenen Wald spazieren, damit sie sich doch noch austoben können. Dort dürfen sie die einschränkenden Masken abnehmen. Auch den Musikunterricht gibt es vorübergehend nicht mehr. Vor allem die Blasinstrumente waren für die Kinder sehr interessant. Jetzt singen sie nur noch in den kleinen Klassen zusammen.

Als positive Veränderung nehmen die Lehrpersonen vor allem die Abstandsregel wahr. Zum Beispiel geht Jessica immer zu nahe an Personen heran, weil sie die Distanz nicht richtig abschätzen kann. Die betroffenen Personen fühlen sich dann recht schnell unwohl. Mit der Abstandsregel, die die Lehrpersonen den Kindern beibringen mussten, können sie den Kindern eine bessere Erklärung geben, wieso sie Abstand halten müssen. «Das klappt bis jetzt ganz gut», sagt Frau Braun.

Vom Schulhaus zum Hauptgebäude führt ein gepflasterter schmaler Weg durch eine idyllische Umgebung. Der kleine Teich im Garten neben dem Weg ist gefroren. Schulschluss ist meistens um 15.30 Uhr. Einige Kinder sind unterwegs vom Schulhaus zur Wohngruppe. Sie spielen noch im Schnee. In der Garderobe des Haupthauses sitzen Simon und Raphael. Sie sind hier zu Hause. «Wir gehen jetzt heim», sagt Simon. Raphael wollte ihn gerade korrigieren, weil sie eigentlich jedes zweite Wochenende «nach Hause» zur Mutter oder zur Pflegefamilie gehen. Selbstsicher erwidert Simon: «Nein, das ist unser Daheim.»

Das Internat war seit Beginn der Pandemie geöffnet, auch während des Verbots des Präsenzunterrichts. «Ausser der Maskenpflicht und den anderen Regelungen des Schutzkonzepts des Sonderschulheims inklusive der BAG-Hygiene- und Verhaltensregeln gibt es für die Bereichsleitung keine grossen Veränderungen durch die Coronapandemie», sagt Internatsleiter Reto Christ. «Aber die ganze Situation ist eine grosse Herausforderung für alle: für die Schüler, für die Eltern sowie für die Mitarbeiter.» Es müssten immer wieder Anpassungen ins Schutzkonzept eingebaut werden, die Massnahmen kommuniziert und auch umgesetzt werden. «Wenn bei einem Kind oder einer Betreuungsperson Krankheitssymptome auftreten, muss die entsprechende Reaktion korrekt und schnell erfolgen.»

Wie vermutlich in jedem anderen grösseren Betrieb oder im privaten Umfeld auch gibt es CoronaskeptikerInnen. Die Diskussion darüber, ob eine Maske hilft oder nicht, kommt ebenfalls immer wieder vor. Für die Leitung erfordert dies zusätzliche Geduld, aber auch eine gewisse Gelassenheit.

Friedliche Atmosphäre

Der Internatsleiter erklärt im Gespräch auch, wie der Beschluss für einen Eintritt in die Sonderschule erfolgt: «Wenn in der Regelschule oder auch vor dem Eintritt in den Kindergarten ein Kind Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten zeigt, findet zuerst ein Standortgespräch über das Kind mit den Eltern statt.» Dort werde dann gemeinsam geklärt, ob sonderpädagogische Massnahmen nötig sind oder nicht. Wenn diese als nötig erachtet werden, führt der Schulpsychologische Dienst eine Abklärung durch und gibt den Schulbehörden des Wohnorts eine Empfehlung. Wenn es keine Massnahmen braucht, bleibt das Kind wie bisher in der Regelschule.

Christ erklärt weiter: «Eine von mehreren sonderpädagogischen Massnahmen ist die integrative Förderung. Dabei wird das Kind in der Regelschule von einem schulischen Heilpädagogen unterstützt und gefördert.» Wenn das nicht möglich ist, weil das Kind beispielsweise in der Klasse zu sehr stört, wird ein Eintritt in eine sonderpädagogische Tagesschule in Betracht gezogen. «Falls auch eine soziale Indikation dazu kommt, kann der schulpsychologische Dienst eine stationäre Sonderschulung empfehlen. Eine soziale Indikation liegt vor, wenn es der Familie und den Eltern nicht möglich ist, das Kind zu Hause zu betreuen und es entsprechend zu fördern.»

Durch das Fenster hinter Reto Christ sind die Berge sichtbar. Sie sind mit Schnee überzogen. Der Himmel ist rot-orange gefärbt. Unterhalb des Schulheims beim nächsten Gebäude bellt ein Hund. Sonst ist es abends ganz still. Die Kinder sind entweder auf ihren Wohngruppen oder bei ihren Familien oder Pflegefamilien zu Hause. Eine friedliche Atmosphäre legt sich über die ganze Umgebung. Ab und zu erklingt irgendwo ein Lachen oder ein Gespräch.

*Die Namen der SchülerInnen wurden von den AutorInnen geändert.