20.10.2016

Der erste Rettungseinsatz

Von Noëmi Landolt

Die «Bourbon Argos», Flüchtlingsboote und Kutter, die es auf die Motoren der Flüchtlingsboote abgesehen haben.

Donnerstag, 20. Oktober, 20.46 Uhr

Wo anfangen? Es fällt mir schwer, den Tag zu rekapitulieren. Das Gefühl, in die «Tagesschau» katapultiert worden zu sein, kenne ich aus Idomeni. Heute den ganzen Tag mitten in einem Agentursymbolbild zur «Flüchtlingskrise» verbracht. Irgendwie surreal, dass die Leute wirklich so eng zusammengepfercht auf einem Gummiboot sitzen. Rittlings auf den Schläuchen, ein Bein im Boot, das andere im Meer, sodass die Gefährte an riesige Tausendfüssler erinnern. Und gleichzeitig doch unendlich klein sind, in diesem grossen, schönen, tödlichen Meer.

Als ich heute Morgen kurz nach Sonnenaufgang das erste Gummiboot vom Aussichtsposten auf Monkey Island entdecke, schiessen mir die Tränen in die Augen. Es gibt wohl nichts Verloreneres als ein überladenes Gummiboot, das führungslos im Meer treibt, kein Land in Sicht. Ich muss die Tränen zurückhalten und möchte gleichzeitig etwas kaputtschlagen. Europa. Die Welt.

Als unsere Festrumpfschlauchboote (RIBs) mit den Schwimmwesten bei den Geflüchteten ankommen, jubeln sie laut, klatschen in die Hände. Auch ein unglaubliches Gefühl. Ein Tag der (emotionalen) Superlative. Doch lange hinschauen kann ich nicht. Meine Aufgabe auf Monkey Island ist es, den Horizont abzusuchen. Neue «targets» auszumachen und sie nicht aus den Augen zu verlieren. Noch nie in meinem Leben habe ich so intensiv und so lange geschaut. Und es wird nicht einfacher im Laufe des Tages. Immer mehr Boote tauchen auf. Flüchtlingsboote, Boote der libyschen Küstenwache, die gigantischen Militärschiffe am Horizont, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen, die kleinen Boote der «engine fishers». In Sichtweite stets der grüne Rumpf des MSF-Schiffs Bourbon Argos, das uns wie ein grosser Freund folgt und die Geflüchteten, die von der «Sea-Watch» entdeckt und mit Rettungswesten versorgt wurden, an Bord nimmt.

Während die «Sea-Watch»-Crew alle Hände voll zu tun hat, pausenlos zwischen Mutter- und Flüchtlingsschiffen hin- und herfährt, um noch mehr Schwimmwesten zu holen, dümpeln neben uns die kleinen Nussschalen der «engine fishers». Sie tragen grosse Strohhüte, haben gemütlich die Füsse hochgelegt, warten, bis das Flüchtlingsboot evakuiert ist, und nehmen dann (manchmal auch schon vorher) den Motor ab, um ihn in Libyen wieder an die Schlepper zu verkaufen. Die libysche Küstenwache mischelt im gleichen Business mit, schleppt einmal aber auch ein Flüchtlingsboot zur «Bourbon Argos». Es geschieht vieles, wofür wir keine Erklärung haben. Zwei «engine fishers» schenken uns vier grosse glänzende Fische, die es heute zum Abendessen geben wird.

Am Himmel kreisen Flugzeuge, es ist Hochbetrieb, Rushhour auf See, und doch scheint kaum jemand für die Seenotrettung unterwegs zu sein. Sind die Boote evakuiert, fahren die Kriegsschiffe ran, um sie in Brand zu setzen. Immer wieder steigen Rauchsäulen in den Himmel.

Wir fahren kreuz und quer durch die 24-Meilen-Zone vor der libyschen Küste, immer den Punkten am Horizont hinterher. Ich weiss nicht mehr, wie viele Boote wir aufgesucht haben, sechs oder sieben. Am Abend höre ich, dass es 802 Leute waren, die nun von der «Bourbon Argos» nach Italien gebracht werden. Zwei völlig entkräftete Frauen haben wir für kurze Zeite an Bord genommen, die eine gerade erst 19, die andere hochschwanger. Kaum auf der «Sea-Watch 2» angelangt und von unserem Medic Team versorgt, fielen sie in einen tiefen komatösen Schlaf.

Debriefing bei Sonnenuntergang auf dem Deck: Kritischster Moment des Tages war, als ein Junge einer ins Wasser gefallenen Rettungsweste hinterhersprang, glücklicherweise schwimmen konnte und schliesslich an Bord des einen «Sea-Watch»-RIBs kletterte. Gefährlich daher, dass leicht eine Massenpanik hätte ausbrechen können und dann auch andere Leute ins Wasser hätten springen können. «Wir haben nicht oft genug geübt», sagt Kapitän Jon. «Aber wenn wir geübt hätten, bis alles perfekt läuft, wären wir heute nicht hier, um das zu tun, wofür wir gekommen sind.»

Die «Bourbon Argos» ist auf dem Weg nach Italien, die «Topaz Responder» ist zwar noch da, hat aber keinen Platz mehr, um Leute aufzunehmen. So wie es aussieht, sind wir morgen auf uns alleine gestellt. Morgen soll der Wind von Süden her kommen. Und mit ihm kommen auch die Flüchtlingsboote.