25.10.2016

… weil sonst niemand da ist

Von Noëmi Landolt

Dienstag, 25. Oktober, 19.28 Uhr

Keine Boote für uns heute. Das MRCC Rome schickt unseren grossen MSF-Freund «Bourbon Argos» nach Osten, um zwei Gummiboote zu bergen. Auf dem Weg dahin übermittelt uns diese die Koordinaten der Stelle, an der eine Leiche im Wasser treiben soll. Zu sechst halten wir Ausschau – und finden sie schliesslich tatsächlich. Den grossen aufgeblähten weissen Körper einer Frau, die mit dem Gesicht nach unten in den Wellen schaukelt. Sie wird wohl schon vor einigen Tagen ertrunken sein. Es ist nicht einfach, sie an Bord zu bringen. Der Geruch der Verwesung macht sogar den erfahreneren Seeleuten in unserer Crew zu schaffen, sodass sie sich übergeben müssen. Er verbreitet sich auf dem ganzen Schiff, ich bin fast dankbar, seit ein paar Tagen erkältet zu sein und eine verstopfte Nase zu haben. «Ich hoffe, dass wir heute noch ein Boot mit lebenden Menschen finden und bergen können, sodass dies nicht das Einzige ist, was wir heute getan haben», sagt Steffen, unser zweiter Maschinist, im «normalen Leben» Jura-Student. Im Moment sieht es allerdings nicht danach aus. Wir fahren Richtung Osten, der «Bourbon Argos» entgegen, die uns den toten Körper abnehmen wird.

Der Einsatz mit der «Sea-Watch» fordert viel von der Crew, bestehend aus Leuten, von denen die meisten ansonsten ein relativ unspektakuläres Leben führen. Ich bewundere ihren Mut und ihre Ausdauer. Und ihre anscheinend unerschütterliche Zuversicht. Und gleichzeitig macht es mich wütend. Es kann doch nicht sein, dass die Rettung von Flüchtlingen in Seenot einem Haufen AmateurInnen wie uns überlassen wird. Die meisten von uns können, wie Captain Jon kürzlich bemerkte, nicht mal einen anständigen Knoten knüpfen. Und doch waren wir in den letzten Tagen an der Seenotrettung von weit über 1700 Flüchtlingen beteiligt. - Auch weil sonst einfach niemand da war.