03.06.2004

«Lasst Rom Rom sein!»

Der Priester und Journalist Al Imfeld wurde aus dem Vatikan ausgewiesen, als Mitglied der Immenseer Missionsgesellschaft hat er gleichwohl ein entspanntes Verhältnis zum Heiligen Vater: «Macht hat der Papst nur, wenn man ihm diese zuschreibt.»

Interview: Patrik Landolt

WOZ: Sie kennen den Vatikan aus eigener Erfahrung. Ihr Studium der Theologie endete vor fünfzig Jahren mit einer Ausweisung aus Rom. Was hatten Sie verbrochen?
Al Imfeld: Ich habe in Rom an der Jesuitenuniversität Gregoriana Theologie studiert, als unter Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil vorbereitet wurde. Ich studierte Religionswissenschaft, was ein neues Fach war, und verglich buddhistische und christliche Abspaltungen. Ich wohnte in der Anima, einem Konvent, der seit dem 12. Jahrhundert Studienplätze für Deutsche, Schweizer oder Österreicher reserviert hält. Die Anima-Bewohner hatten aber das Recht, als Protokollanten bei den Vorbereitungen des Konzils dabei zu sein. Das fand ich sehr spannend, denn hier wurde ich Zeuge von umwälzenden historischen Prozessen. Da ich schon damals am Journalismus interessiert war, hatte ich unter den Medienleuten viele Bekannte. Diesen reichte ich von Zeit zu Zeit Vorbereitungsunterlagen und geheime Dokumente weiter.

Darauf wurden Sie der Stadt verwiesen?
Ich wurde wie ein Spion behandelt. Sie liessen mich durch die Prüfungen fallen und gaben mir 24 Stunden Zeit, Rom zu verlassen.

Wieso fielen Sie durchs Doktoratsexamen?
Ich wurde unter anderem gefragt – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen –, ob das Jungfernhäutchen essenziell zum Dogma der Jungfräulichkeit Marias gehöre. Ich habe das verneint. Ich wurde ein zweites Mal vorgeladen, und man fragte mich nur, ob ich das Dogma der Jungfräulichkeit anerkenne oder nicht. Da ich Einzelheiten wiederum verneinte, war es um meinen Doktortitel geschehen.

Sie waren damals ja schon Priester. Wie ging es mit Ihnen weiter?
Ich war Pater bei der Missionsgesellschaft Immensee. Die Gesellschaft fühlte sich verantwortlich für mich und zeigte sich beinahe betroffener, als ich es war. Sie sagten: «Pater Alois Imfeld, jetzt verschwinden Sie nach Amerika.»

War das eine Verbannung?
Nein. Denn der Orden hielt zu mir – das gründete in dem Selbstverständnis, dass Diözesen und Orden mehr oder weniger autark waren. Dieses Selbstbestimmungsrecht ist erst mit der kirchenrechtlichen Erneuerung nach dem Konzil weggefallen. Rom hat in den letzten Jahren immer mehr Einfluss genommen. Ich erinnere mich, dass wir uns in der Schweiz weigerten, uns als römisch-katholisch zu bezeichnen. Wir waren einfach katholisch. Die Missionsgesellschaften wollten das Christentum verbreiten und nicht die Lehre Roms. Was auch immer Rom gegen mich hatte, es war bedeutungslos, da ich Ordensmitglied war.

In Amerika fühlten Sie sich freier?
Mein Ziel war es, Journalismus zu studieren. Denn in den USA gab es in den sechziger Jahren weltweit die einzige journalistische Ausbildung. So studierte ich zuerst Anthropologie und Soziologie, um die englische Sprache richtig zu lernen. Gleichzeitig habe ich bei Paul Tillich am Union Theological Seminary in New York, also bei den Protestanten, meine Doktorarbeit gemacht. Auch auf protestantischer Seite konnte man damals nicht doktorieren, ohne Pastor zu sein. Also musste ich mich evangelisch ordinieren lassen.

Sie sind also gleichzeitig katholischer Priester und evangelischer Pastor?
Ja – eine der Hauptthesen meiner Dissertation lautete, dass jede grosse Religion Spaltungen ertragen muss. Denn um lebendig zu bleiben und den Bedürfnissen der Menschen Rechnung zu tragen, braucht jede Religion verschiedene spirituelle Richtungen – mehr rationale, mehr mystische. Es gibt für die Katholiken doch keinen Grund, die Reformation zu dramatisieren. Die Reformation war eine historische Notwendigkeit. Es gab ja schon vorher Abspaltungen: die Griechisch-Orthodoxen, die Syrisch-Orthodoxen und so weiter.

Sie wenden sich also gegen Vereinheitlichungen in der katholischen Kirche und somit auch gegen die Vorherrschaft des Papstes?
Auf jeden Fall. Dogmen sind immer historisch zu deuten und zu verstehen. Auch die «Unfehlbarkeit des Papstes» ist einzig kirchenhistorisch zu verstehen. In seiner Verschlüsselung war dieses Dogma eher eine Täuschung der Gläubigen in einer kulturkämpferischen Phase. Es heisst nicht, dass jeder Spruch des Papstes unfehlbar ist: Die Rede des Papstes ist eine juristische und nicht eine inhaltlich theologische. Er kann zwar verordnen, aber er kann nicht die Inhalte des Glaubens bestimmen. Das ist für mich als Katholik eine wichtige Überzeugung.

Worin liegt für Sie das Wesentliche des Katholizismus?
Katholos meint «das Allumfassende». Es umfasst das Hierarchische wie das Horizontale. Dazwischen steht der normale Mensch. Es umfasst das Geschriebene und das Mündliche als Teile einer Tradition. Es gibt die Konzilien, die Kirchenväter, die Orden und die Frauen. Im Studium liest man ja nicht nur die Schrift, sondern man fragt auch, was haben die Kirchenväter und die Konzilien dazu gesagt.

Der Papst mischt sich heute aber überall ein.
Ich erkenne Rom nicht als eine Zentrale an, die über die Lehre befindet. Rom ist für mich ein juristischer Verbund, eine kirchenrechtliche Zentrale. Die Diözesen sollten autonome Gebilde sein und sind wichtiger als Rom. Sie sollten eigenständig entscheiden. Wenn der Papst etwas sagt, vertritt er eine Meinung unter anderen. Ich kann es lesen und begutachten, wie wenn Kofi Annan oder der Präsident des Internationalen Roten Kreuzes etwas gesagt hätten.

Sind die Bischöfe heute papsthörig geworden?
Sie liessen sich ins Garn wickeln. Es ist lächerlich. Die Bischöfe haben nicht gemerkt, wie ihnen Stück um Stück die Selbständigkeit weggenommen wurde. Das ganze Episkopat ist heute so schwach, dass der Papst Schulbuben auf die Bischofsstühle setzen könnte. Viele Bischöfe, die ich kenne, sind Zyniker. Wenn die Bischöfe, um ein Beispiel zu nennen, in der Schweiz zusammenstehen würden und den Mut hätten, zu sagen, wir weihen nun Frauen zu Priesterinnen, könnte Rom nichts machen. Sie würden mit Worten schiessen und Papiere schleudern.

Haben Sie persönlich keine Angst vor Sanktionen?
Als Priester kann mich keiner absetzen. Ich bin geweiht und bleibe es auf ewig. Aber ich wurde schon aus einer Diözese als Priester herausgeworfen.

Was war damals geschehen?
Kardinal Spellman in New York verbot in den sechziger Jahren allen Priestern, an der Bürgerrechtsbewegung teilzunehmen. Ich lebte damals in Harlem und war wohl der einzige weisse Priester, der sich aktiv in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. Selbst die evangelischen Priester gingen auf Distanz, weil sie meinten, die Bewegung um Martin Luther King sei eine der Southern Baptist Church. Auf Spellman reagierte ich, indem ich meinen Wohnsitz wechselte und aus seinem Einflussbereich nach New Jersey zog.

Bekamen Sie mit Ihrem Orden Immensee keine Probleme?
Zur Zeit des Konzils wehte auch in Immensee ein frischer, positiver Geist, man problematisierte die veraltete Auffassung von Mission. 1960 hat mich der Generalobere zu sich zitiert und gesagt: «Pater Alois Imfeld, wir geben Ihnen die Freiheit, Ihren eigenen Weg zu gehen.» Er stellte mir nur zwei Bedingungen: keine Heirat und kein theologisches Lehramt. Daran habe ich mich gehalten. Immensee bedeutet seither für mich immer auch einen Schutz.

Sie haben viele Jahre als Journalist gearbeitet. Sie waren sogar als Korrespondent der «Washington Post» im Vietnamkrieg. Warum sind Sie katholischer Priester geblieben?
Mich fasziniert am Katholizismus, dass Gott Mensch geworden ist und zu den Menschen gekommen ist, aber auch als Mensch wieder verschwunden ist. Selbst wenn ich den Islam schätze, ich möchte keinen Allah von dieser Absolutheit, wie der Islam ihn predigt. Wenn Gott die Menschen schon geschaffen hat, muss er ihnen auch Raum lassen. Zweitens: Der Katholizismus ist eine reiche und dynamische Mischung von hierarchischen und horizontalen Strömungen. Im Katholizismus ist die Folklore genauso wichtig wie das Dogma, mich interessieren die magischen Praktiken, die keltischen oder afrikanischen Traditionen. Das Katholische kann einen weltweiten Ausblick geben. Das Individuum steht gleichberechtigt neben dem Kollektiven, neben dem Internationalen, selbst neben dem Kosmischen eines Teilhard de Chardin. Dies steht im Gegensatz zum ausgeprägten Individualismus eines Protestantismus.

Wie erklären Sie sich die Beliebtheit des Papstes bei vielen Jugendlichen?
Es ist ein typisch katholischer Zug am heutigen Papst, dass er mehr reist als schreibt. Er reist in die Welt hinaus. Diese Gestik wird verstanden. Er gibt damit ein Zeugnis von Weltläufigkeit. Wenn der Papst nach Afrika fliegt und bei seiner Ankunft den afrikanischen Boden küsst, hat das eine Symbolträchtigkeit, die für uns Europäer kaum zu fassen ist. Auch dass er als alter Mann seine Schwächen zeigt, finde ich sympathisch.

Sie fordern also nicht, dass der Papst aus Altersgründen zurücktreten sollte?
Ich habe den Brief nicht unterschrieben, weil ich in dieser Fixierung auf den Papst keinen Sinn sehe. Ich bin der Meinung, dass diese Aktion selbst vom römischen Bazillus infiziert ist. Die Reformtheologen wollen ein progressives Rom, um sich hinter Rom stellen zu können. Lasst doch Rom Rom sein! In der Mission haben wir immer gesagt: Rom ist weit weg. Wir haben Rom ignoriert. Heute hat die römische Kurie die Theologie gekapert. Ich bin für eine Beschränkung der Kurie auf das rein Legalistische. Meine Kritik geht weiter als eine Kritik an der Person Johannes Paul II. Ich stelle das Papsttum, wie es heute gehandhabt wird, generell infrage.

Aber der Papst hat Macht.
Was heisst Macht? Ausser der Schweizergarde hat der Papst keine Truppen. Macht hat der Papst nur, wenn die Leute ihm diese Macht zuschreiben und wenn sie ihm glauben.

Warum haben heute weltweit in den Religionen fundamentalistische Kräfte Aufwind? Warum finden die basistheologischen, fortschrittlichen Kräfte heute so wenig Gehör?
Wir haben heute nur wenige grosse Theologen; und dies weltweit in allen Religionen. Wenn ein Hinduismus, der 600000 Götter und Göttinnen hat und somit durch Vielfalt charakterisiert wird, plötzlich fundamentalistisch wird, kommt man schon ins Grübeln. Haben die Menschen heute weltweit ein so grosses Bedürfnis nach Autorität, nach Konformität und Gradlinigkeit? Jeder religiöse Fundamentalismus ist ein Machtmissbrauch und eine Missdeutung der Religion. Für mich sind alle Religionen dauernd zu erneuern.

Was machen Sie, wenn der Papst in der Schweiz ist?
Nichts Besonderes. Ich werde diesen Besuch als ein interessantes soziologisches Phänomen beobachten. Ich lese Zeitung, verfolge das Geschehen am Fernsehen und höre Radio.

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