27.09.2001

Bomben auf Afghanistan?

Von Robert Fisk

Dieser Tage sind wir Zeugen von Ereignissen, die so dramatisch sind wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg, sicher nicht seit Vietnam. Ich meine nicht die Ruinen und Opfer des World Trade Center in New York; die Tat, die als Verbrechen gegen die Menschheit zu bezeichnen ist. Nein, ich beziehe mich auf die fast schon unglaublichen Vorbereitungen, die jetzt von der mächtigsten Nation auf Gottes Erdenboden getroffen werden, um das verarmteste, zerstörteste und tragischste Land der Welt zu bombardieren. Afghanistan, während zehn Jahren von der russischen Armee geschändet und verwüstet, dann, als die Russen weg waren, von seinen Freunden – den USA, wem sonst? – verlassen, wird zu guter Letzt von der verbleibenden Supermacht angegriffen.

Ich finde diese Vorgänge nicht zuletzt deshalb unglaublich, weil ich selber Zeuge der russischen Invasion und Besetzung war. Wie sie «für uns» kämpften, diese Afghanen, wie sie unseren Worten glaubten. Wie sie dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter vertrauten, wenn er ihnen die Unterstützung des Westens versprach. In Peschawar habe ich einen CIAler erlebt, wie er prahlend Ausweispapiere eines abgeschossenen sowjetischen Piloten herumzeigte. «Armer Kerl», sagte der CIA-Mann, bevor er uns in seinem Privatkino einen alten Film zeigte, in dem US-Soldaten vietnamesische Unabhängigkeitskämpfer abknallten. Und ja, ich erinnere mich auch, was die sowjetischen Offiziere zu mir sagten, als sie mich in Salang verhafteten. Sie kämen bloss ihrer internationalen Pflicht nach. Sie «bestraften die Terroristen» welche die (kommunistische) afghanische Regierung stürzen und das afghanische Volk vernichten wollten. Vertraute Töne?

1980, ich arbeitete damals für die britische «Times», stiess ich südlich von Kabul auf eine grauenhafte Geschichte. Eine Gruppe von religiösen Mudschaheddin-Kämpfern hatte eine Schule angegriffen, weil die kommunistische Regierung durchsetzte, dass Mädchen Seite an Seite mit Buben erzogen wurden. Also wurde die Schule bombardiert, die Frau des Schuldirektors ermordet und ihrem Mann der Kopf abgeschnitten. Als die «Times» die Story veröffentlichte, beschwerte sich das Aussenministerium bei der Auslandredaktion, mein Bericht würde die Russen unterstützen. Natürlich. Weil die afghanischen Kämpfer die Good Guys, unsere Helden waren. Weil Usama Bin Laden unser Held war.

Heute droht Präsident George Bush den antiaufklärerischen, ignoranten, superkonservativen Taliban mit derselben Bestrafung, die er auch Bin Laden zugedacht hat. Ursprünglich sprach Bush noch davon, die Urheber der Gräueltaten «vor Gericht zu bringen». Aber er schickt keine Polizisten, er schickt B-52. Und F-16 und AWACS-Beobachtungsflugzeuge und Apache-Nahkampfhelikopter. Bin Laden soll nicht verhaftet, er soll unschädlich gemacht werden. Nur: B-52-Flieger unterscheiden nicht zwischen turbantragenden und anderen Männern oder zwischen Männern und Frauen, Frauen und Kindern.

Nach dem Massenmord in New York vom 11. September werden viele Leute meine Ansicht teilen, dass dies ein Verbrechen gegen die Menschheit war. Mehr als 6000 Menschen sind tot; das ist ein Schlachten, so schrecklich wie im bosnischen Srebrenica. Die Toten von Srebrenica verdienen – und bekommen – heute internationale Gerechtigkeit in Den Haag. Wir brauchen nun also einen internationalen Gerichtshof, der Tätern wie denen von New York den Prozess machen kann. Doch von «Verbrechen gegen die Menschheit» hören wir heute in den USA nichts. Es heisst stattdessen «terroristische Gräueltat», ein weniger starker Begriff. Warum? Weil die USA gegen internationale Gerichtsbarkeit sind. Genauer: Weil sie die Schaffung eines überstaatlichen Justizapparates ablehnen, mit der Begründung, da könnten ja eines Tages auch US-BürgerInnen vor den Schranken stehen.

Amerika will seine eigene Gerechtigkeit, ein Konzept offenbar aus dem Wilden Westen und der Hollywood-Version des Zweiten Weltkrieges. Präsident Bush spricht davon, die Bösewichte auszuräuchern, und erinnert sich an die vergilbten Steckbriefe der Cowboy-Welt: «Wanted, dead or alive». – Haben die Toten von Manhattan nichts Besseres verdient? Es ist noch keine drei Jahre her, da haben die USA einen Raketenangriff auf den Irak lanciert, weil Saddam Hussein die Waffeninspektoren hinausgeworfen hatte. Unnötig zu sagen, dass damit nichts erreicht wurde. Mehr Irakis wurden getötet, und die Uno-Inspektoren kehrten nie zurück. Die Sanktionen wurden fortgesetzt und die irakischen Kinder starben weiterhin. Keine politische Perspektive. Taten statt Worte.

Und da stehen wir auch heute. Anstatt Afghanistan zu helfen, haben wir das Land seinem Verderben überlassen. Nach dem Abzug der Russen vor zehn Jahren haben wir es unterlassen, Mittel in dieses Land zu bringen, um seine Städte und seine Kultur wieder aufzubauen und ein demokratisches politisches Zentrum jenseits von Stammeszugehörigkeiten zu schaffen. Sarajevo wird wieder aufgebaut. Nicht so Kabul. Demokratie in Ansätzen fasst in Bosnien wieder Fuss. Nicht so in Afghanistan. Schulen in Tuzla und Travnik werden wieder geöffnet. Nicht in Jalalabad. Als der Taliban kam und jegliche Opposition erstickte, den Dieben die Hände abschnitt, die Frauen wegen Ehebruchs steinigte, sahen die USA diese schreckliche Herrschaft als eine stabilisierende Kraft nach Jahren der Anarchie.

Bushs Drohungen haben die Ausreise der westlichen EntwicklungshelferInnen nötig gemacht. Bereits sterben AfghanInnen als Folge von deren Abreise. Dürre und Hunger werden Millionen Menschen töten – es werden wirklich Millionen sein. 20 bis 25 AfghanInnen täglich treten auf eine der 10 Millionen Landminen aus dem ersten Krieg. Ich nehme an, die B-52 werden einige von ihnen zur Explosion bringen. Aber das wird die einzige Art humanitären Einsatzes sein, die wir in der nächsten Zukunft sehen werden.

Das alarmierendste Bild der letzten Woche: Pakistan hat seine Grenzen geschlossen. Ebenso der Iran. Die AfghanInnen sollen in ihrem Gefängnis bleiben. Ausser sie schaffen die Flucht durch Pakistan und werden an die Strände Frankreichs gespült oder an die Ufer Australiens, oder sie kriechen durch den Ärmelkanal oder entführen ein Flugzeug nach Grossbritannien, nur um sich da dem Zorn des Innenministers auszusetzen. Worauf sie zurückgesandt werden müssen, retourniert, Eintritt verweigert. Schreckliche Ironie, dass der einzige Mann, den wir aus Afghanistan wirklich raus haben wollen, derjenige ist, den wir als das böse Genie hinter dem grössten Massenmord in der US-amerikanischen Geschichte bezeichnen: Bin Laden. Die andern können bleiben, wo sie sind, und sterben.

Robert Fisk ist Nahostkorrespondent des Londoner «Independent». Er schrieb diesen Text für das US-amerikanische Znet.

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