20.09.2001

Der Krieg begann vor Jahren

Sofort nach den Attentaten begann sich in den USA die Opposition gegen eine militaristische Antwort der US-Regierung zu regen. Das Internet war hierfür zunächst das wichtigste Medium.

Die Experten des CIA

Noch während die Rettungsleute beissendem Rauch und grausigen Funden ausgesetzt waren, hat der ABC-News-Reporter Vincent Cannistraro das Geschehen für Millionen von FernsehzuschauerInnen in die richtige Perspektive gebracht. Cannistraro ist ein ehemaliger hoher Beamter des CIA und war Anfang der achtziger Jahre für die Zusammenarbeit mit den Contras in Nicaragua verantwortlich. Nach seiner Versetzung in den nationalen Sicherheitsrat 1984 überwachte er die verdeckte Hilfe an die afghanischen Rebellen. Mit anderen Worten: Cannistraro hat eine lange Geschichte als Unterstützer terroristischer Organisationen. Zuerst half er den Söldnern der nicaraguanischen Contra, die gewohnheitsmässig ZivilistInnen ermordeten, dann den Mudschahedin in Afghanistan, darunter auch Usama Bin Laden. Wie kann ein bekannter Bundesgenosse des Terrorismus nun glaubwürdig den «Terrorismus» verurteilen? Das geht nur, weil sich die US-Medien als geschichtslose Zonen präsentieren und alles ausblenden, was gerade nicht genehm ist.
Norman Solomon, www.commondreams.org oder www.zmag.org

Wie nach Pearl Harbor?

Ich verstecke mich in meiner Wohnung mitten im arabischen Viertel von Brooklyn, keine zehn Kilometer vom Terror entfernt, der Manhattan getroffen hat. Als afghanische Amerikanerin fürchte ich Vergeltung für die Tragödie, wenn nun von einem «Kriegsakt» wie in Pearl Harbor die Rede ist. Werden nun AraberInnen und AfghanInnen in den USA zu Zielscheiben des Hasses wie die JapanerInnen während des Zweiten Weltkriegs? Während des Golfkriegs war die Stimmung gegen die Muslime in den USA sehr aggressiv. Ich war damals ein verschreckter Teenager auf der High School. Ich weiss von daher, wie böse die normalerweise toleranten AmerikanerInnen in Krisenzeiten werden können. Ich frage mich, ob US-BürgerInnen begreifen können, dass die Wut, die sie heute selber verspüren, sich nicht sehr von der der palästinensischen oder muslimischen Menschen gegenüber der US-Regierung unterscheidet.
Fariba Nawa, «Pacific News»

Weltfremde Nation

Nach dem Golfkrieg basierte die US-Aussenpolitik auf einer einzigen brutalen Idee: Das US-Militär könne weltweit intervenieren – im Irak, im Kosovo, in Israel – ohne eigene Verluste. Dieses Land begann an den Widerspruch aller Widersprüche zu glauben: an den sicheren Krieg. Innenpolitisch war Krieg keine nationalistische Obsession mehr, sondern ein Geschäft, das nun grösstenteils von Experten ausgeübt wurde. Und obwohl die USA die weltweite Globalisierung massgeblich vorantrieben, war die Nation noch nie so sehr nach innen gerichtet, nie weltfremder als heute. Die US-AmerikanerInnen haben nicht nur geglaubt, sie lebten im Frieden. Sie haben sich als «war-proof», als absolut sicher vor Krieg, verstanden. Eine solche Selbstwahrnehmung haben sich die meisten Irakis, PalästinenserInnen oder KolumbianerInnen nicht leisten können. Die USA sind nun aus dieser Amnesie erwacht und beginnen zu begreifen, dass der Krieg schon vor Jahren begann.
Naomi Klein, www.naomiklein.org

Bitte unterscheiden

Zwischen revolutionärer Aktion und Terrorismus muss klar und eindeutig unterschieden werden – unabhängig von den Gründen, die Terroristen angeben. Frontale Angriffe auf zivile Ziele bringen die revolutionäre Sache nicht voran. Sie stossen die Bevölkerung ab, schwächen die Unterstützung und legitimieren verstärkte Repression und Einschränkung der Bürgerrechte durch den imperialistischen Staat. Das schwarze Amerika darf den schrecklichen Verlust an Leben nicht entschuldigen oder gleichgültig hinnehmen. Doch wir dürfen auch nicht zulassen, dass die Attentate dazu missbraucht werden, die arabischen und muslimischen AmerikanerInnen oder die GegnerInnen der Globalisierung zu verfolgen.
Communiqué des Black Radical Congress, www.zmag.org

Internationales Recht stärken

Wir müssen an der fundamentalen Erkenntnis, die alle vernünftigen Menschen seit der Zerstörung von Hiroshima teilen, festhalten: Es wird keinen absoluten technischen Schutz vor Massenvernichtungswaffen geben. Die Kombination von ausserordentlich grosser Macht und Technologie mit den schnellen Informationsflüssen in einer globalen Ökonomie verhindern dies. Aber der Mensch ist nicht nur ein technisch begabtes, sondern, wie schon Aristoteles anmerkte, auch ein politisches Wesen. Und der Politik müssen wir uns jetzt verstärkt zuwenden, um Lösungen zu finden. Vertragsentwürfe sind hervorzuholen, die die USA bisher wie Altpapier behandelt haben. Zum Beispiel könnte die Anerkennung eines Internationalen Strafgerichtshofs für die internationale Rechtsprechung sehr hilfreich sein. Er wäre für die Verfolgung des Terrorismus ebenso wichtig wie für die Einhaltung der Kioto-Verträge oder für die Umsetzung der Vereinbarungen zu Kernwaffen, chemischen oder biologischen Kampfstoffen.
Jonathan Schell, thenation.com

Das Bild der Gewalt

Wer die Attacke ein neues «Pearl Harbor» nennt und sich auf Krieg vorbereitet, hat die Hauptsache nicht verstanden: Es war ein Schauspiel, eine Demonstration der Stärke. Kommunikation durch das Bild der Gewalt. Genau das hat die US-Regierung seit Jahren getan: bombardieren mit anschliessender Fahrerflucht. Die Leute, die durch solche Angriffe verstümmelt und getötet werden, haben gewöhnlich nicht das Geringste mit der Politik zu tun, die mit den Attacken bestraft werden soll. Sie sind Geiseln einer Muskelprotzerei, die Dialog, Verhandlung, Kompromiss nicht duldet. Und die zuschauende Welt soll dadurch beeindruckt werden. Wir riskieren zurzeit eine Eskalation unter Feinden, die jeweils Gott an ihrer Seite glauben. Es kommt jetzt nicht in erster Linie darauf an, die kriminellen Attentäter zu eliminieren – die sind ohnhin bereit zu sterben, solange sie Nachfolger finden – sondern eine gerechtere Welt zu schaffen, die nicht nur einseitig die Gräueltaten verurteilt.
Diana Johnstone, www.znet.org

Die Regierung weiss nichts

Wenn man den Talkshows glauben will, so sind die AmerikanerInnen bereit zu kämpfen. Doch auf dem Boden der Wirklichkeit gibt es bereits gegenteilige Signale. Auf dem Union Square in New York entzündeten viele Leute Kerzen oder hinterlegten Blumen für die Toten. Friedenssymbole aus der Vietnam-Ära stehen neben Aufrufen zum Krieg. Eines der grössten Plakate sagt: «Auge um Auge = Blindheit». Ich will weder ein Vietnam mit militärischem Versagen noch einen «Sieg» über aktuelle Feinde. Millionen AfghanInnen, Pakistanis, IranerInnen oder IrakerInnen, die unter ihren eigenen Regimes genug zu leiden haben, würden sterben. Ich bin kein Politiker oder Militärstratege. Ich weiss nicht, wie man Terroristen «effektiv» bekämpft. Und ich vermute, dass es auch unsere Regierung nicht weiss.
Richard Sennett, www.commondreams.org

Banner des blinden Gehorsams

Das Schlimme am Terror sind seine Verbindung zu religiösen und politischen Abstraktionen und seine reduktiven Mythen, die von Geschichte und Verstand wegsteuern. Dagegen muss sich das säkulare Bewusstsein bemerkbar machen, sei es im Nahen Osten oder in den USA. Keine Idee und kein Gott, kein abstraktes Ziel kann die massenhafte Abschlachtung von Menschen rechtfertigen. Begriffe wie «der Islam» oder «der Westen» sind schlicht unzulänglich, sie sind die Banner des blinden Gehorsams. Einige werden ihnen auch diesmal hinterherlaufen. Aber für künftige Generationen wäre es eher eine Verbohrtheit als eine Notwendigkeit, sich jetzt zum lang andauernden Krieg und Leiden selber zu verdammen; ohne die geringste kritische Denkpause, ohne Blick für die voneinander abhängigen Geschichten von Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ohne Versuch einer gemeinsamen Emanzipation und gegenseitigen Aufklärung. Die Entwertung des Anderen ist keine gute Basis für eine bessere Politik. Gerade jetzt nicht, wo der Ausgangspunkt des Terrorismus – die Ungerechtigkeit – angegangen werden muss und Terroristen abgeschreckt oder aus dem Verkehr gezogen werden könnten.
Edward Said, www.zmag.org

Nicht die Zeit für Analysen?

ÄrztInnen und TherapeutInnen ermutigen PatientInnen nach einem erlittenen Schock- oder Panikzustand, nicht in der psychischen Ausnahmesituation zu verharren. Das Verharren im Schock lähmt die Fähigkeit zu denken und erschwert es den MedizinerInnen, das Übel gezielt anzugehen. Doch genau dieses Verharren im Schockzustand haben Politiker und Medienleute der Gesellschaft nach der Tragödie vom 11. September verschrieben. Jetzt sei nicht die Zeit für politische Analysen, heisst es. Und einige von uns, die es vorzogen, in das Gefühlsbad nicht völlig einzutauchen, wurden erwartungsgemäss für kalt, gefühllos und unamerikanisch befunden. Aber wenn die Kriegstrommeln immer schneller schlagen, müssen wir dringend versuchen, mit unserer Umgebung ins Gespräch zu kommen. Wir haben vielleicht nur wenig Zeit, um möglichst viele Leute gegen die Massenhysterie und gegen den blinden Nationalismus zu erreichen.
Eric Martin, www.znet.org

Übersetzung und Zusammenstellung: Lotta Suter

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