Iran – warum dieser Krieg

Le Monde diplomatique –

Seit Beginn der Angriffe auf Iran wird über die Kriegsziele von Trump und Netanjahu spekuliert. Neben der Zerstörung militärischer Kapazitäten ist dabei immer von Regime Change die Rede. In Wahrheit dürfte aber gerade Israel an einer langfristigen Schwächung des iranischen Staates gelegen sein – egal unter welcher Regierung.

Rauchschwaden in Teheran am 1. März
Teheran am 1. März Foto: picture alliance/sipa/mahsa/mei

Seit Jahresbeginn war die Iran-Politik der Trump-Administration eine unkalkulierbare Heiß-kalt-Taktik. Einerseits war man für die Wiederaufnahme von Verhandlungen über das iranische Atomprogramm und ließ sogar anklingen, dass es bei der Kontrolle der Urananreicherung Fortschritte gebe.

Doch zugleich entsandte die Militärmacht USA eine riesige Armada in die Golfregion wie ins östliche Mittelmeer und verstärkte die Präsenz auf ihren Luftwaffenbasen in der Region. Diese Konzentration von Kriegsgerät, darunter zwei Flugzeugträger mit insgesamt 180 Kampfjets und -hubschraubern, war der Aufmarsch für den Angriff, der dann – in Koordination mit der israelischen Luftwaffe – in den Morgenstunden des 28. Februar begann.

Bereits Mitte Februar hatte das Pentagon „eine Streitmacht in Stellung gebracht, die in der Lage war, einen Militäreinsatz mehrere Wochen lang durchzuhalten“, konstatiert die New York Times in ihrer Analyse der Kriegsvorbereitungen. Demnach neige Trump seit seinem „Blitzsieg“ in Venezuela immer stärker zur militärischen Option. Die endgültige Entscheidung für den israelisch-amerikanischen Angriff soll schon vor der letzten Genfer Verhandlungsrunde mit den iranischen Vertretern vom 26. Februar gefallen sein.1

Wann und wie dieser Krieg endet, ist ungewiss. Das gilt auch für die Überlebenschancen des Regimes in Teheran – und die Folgen für die Stabilität des gesamten Nahen Ostens – die derzeit schwer vorauszusehen sind. Die brutale Reaktion der Islamischen Revolutionsgarden auf den Aufstand der Iraner:innen im Januar lassen erahnen, dass das Regime mit allen Mitteln um sein Überleben kämpfen wird.

Das Regime ist schon lange am Ende

Die Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei durch israelische Bomben mag den Eindruck erwecken, das Ziel dieses Kriegs sei ein „Regimewechsel“ in Teheran, den die iranische Bevölkerung wie die internationale Öffentlichkeit begrüßen würden. Doch in Wirklichkeit dürften die Dinge anders liegen.

Die fürchterlichen Erfahrungen von nunmehr 47 Jahren unter der Islamischen Republik haben die iranische Gesellschaft so tiefgreifend verändert, dass die Grundlagen eines postislamistischen neuen Iran bereits entwickelt sind. Der jetzige Krieg zielt daher viel eher darauf ab, einen künftigen iranischen Staat zu zerschlagen, der die dominanten Mächte in der Region herausfordern könnte, als ein Regime zu stürzen, das zwar verzweifelt Widerstand leistet, aber im Grunde weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist.

Das wichtigste Resultat der iranischen Revolution von 1979 war, dass sie den schiitischen Klerus zur entscheidenden politischen Kraft machte. Seither hat man die Islamische Republik vor allem als Produkt des revolutionären Islam gesehen und immer wieder ihren unmittelbar bevorstehenden Sturz vorhergesagt. Bei dieser Sichtweise gerieten jedoch die politischen Kräfte aus dem Blick, die für andere Werte, nämlich für Unabhängigkeit, Freiheit, Einhaltung der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit eintraten und maßgeblich zum Sturz der despotischen, von den USA abhängigen Pahlavi-Monarchie beigetragen hatten.

In der langen Epoche, in der sich das islamische Regime durch Despotismus und Korruption an der Macht hielt, während die Gesellschaft sich weiterentwickelte und immer wieder auflehnte, sind diese progressiven Kräfte nie verschwunden.

Dieses instabile Gleichgewicht gelangte mit dem Massaker vom Januar 2026 an seinen Kipppunkt. Die gewaltsame Reaktion auf den Aufstand gegen das Regime offenbarte endgültig dessen Unfähigkeit, das Land zu regieren. Die existenzielle Krise der Islamischen Republik wurde vollends klar, als sich ihre Führer gezwungen sahen, direkt mit dem verhassten „Großen Satan“ USA zu verhandeln, was auch ideologisch einem Selbstmord gleichkam.

Wie genau die notwendigen institutionellen Veränderungen aussehen,

die für den Aufbau eines neuen Iran erforderlich wären, lässt sich heute schwer voraussagen. In jedem Fall müssen sie den Erwartungen und Forderungen der Gesellschaft gerecht werden, aber auch das internationale Machtgefüge berücksichtigen, das heute ganz anders aussieht als 1979.

Welche politischen Kräfte, welche sozialen Gruppen, welche internationalen Allianzen sind geeignet und erforderlich, das Land wiederaufzubauen? Hilft die Restauration der Monarchie, wovon ein Teil der mächtigen, reichen Diaspora träumt? Oder ein Wiederaufleben der missbrauchten Ideale der Revolution von 1979? Und ist etwas von den Erfahrungen der Islamischen Republik bewahrenswert?

Iran ist nicht mehr das Land von 1979. Damals war es eine aufgeklärte, städtische, gebildete, für die Werte der modernen Welt offene Minderheit, die den Sturz des Schahs betrieb, dann aber von der Mehrheit der Bevölkerung beiseitegedrängt wurde, die sich die Erfüllung ihrer Hoffnungen vom traditionellen schiitischen Islam versprach.

Vierzig Jahre später ist diese aufgeklärte Minderheit zur Mehrheit geworden. Der Anteil der städtischen Bevölkerung ist weiter gewachsen, desgleichen die Alphabetisierungsrate, die im Februar 1979 gerade die symbolträchtige 50-Prozent-Marke überschritten hatte. Zugleich hat sich das politische Leben weiterentwickelt, etwa mit der Verabschiedung einer „republikanischen“ Verfassung.

Mit der Zeit wurden der Klerus und die traditionelle islamistische Macht von diesem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel überrollt. Die Öffnung zur modernen Welt war nicht mehr die Ambition einer Elite, sondern der Mehrheit einer Bevölkerung, die sich dem Einfluss der Mullahs entzog.

Eine der Voraussetzungen für diese Entwicklung war die Urbanisierung in Iran – 2024 lebten etwa 77 Prozent der iranischen Bevölkerung in Städten. Das hat die ländliche Kultur nicht ausgelöscht, doch die meisten Dörfer sind heute aktiv am wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und Medienleben beteiligt. Die soziopolitischen Unterschiede sind zwischen Stadt und Land weniger ausgeprägt als zwischen den Innenstädten und den neuen, schlicht gebauten Vororten, in denen zum Beispiel 40 Prozent der Bevölkerung von Groß-Teheran wohnen.

Diese neuen Städter:innen, die nicht unbedingt die Interessen und politischen Einstellungen der oberen Mittelschicht in den urbanen Zentren teilen, treten aktiv für ihre Forderungen ein, wie im November 2019 beim Anstieg der Benzinkosten. Die Zuzügler:innen aus den oft weit entfernten Provinzen in die Großstädte haben also auch die politisch-ethnische Geografie Irans verändert, weil sie weiterhin engen Kontakt mit ihren Herkunftsprovinzen pflegen.

Das institutionelle und politische Erbe der islamischen Republik ist zwiespältig. Schließlich ist Iran zwar keine Demokratie, aber immerhin eine Republik. Trotz der Machtfülle des Obersten Führers und des schiitischen Klerus, nutzten die Iraner:innen nationale oder regionale Wahlen (seit 1979 waren es 42) wiederholt, um ihre Vorstellungen und Interessen zu artikulieren. Selbst wenn die Obrigkeit die Kandidaten aussiebte oder, wie 2009, massiven Wahlbetrug organisierte, ermöglichten gerade die Präsidentenwahlen kurzzeitig politische Diskussionen, in denen die neue iranische Gesellschaft immer wieder demonstrierte, dass sie selbst über ihre Zukunft entscheiden will.

Der iranische Staat strebte stets nach Unabhängigkeit, nachdem er lange Zeit nur Objekt des russischen, britischen und dann des US-Imperialismus gewesen war. Die politische und militärische Kontrolle durch die USA wurde von der Bevölkerung so einhellig und entschieden abgelehnt, dass sie die Geiselnahme von 52 US-Diplomaten im November 1979 als Sieg in einem virtuellen „Unabhängigkeitskrieg“ feierte.

In der Atmosphäre des Kalten Kriegs wurden die neuen islamisch-nationalistischen Herrscher dann als Bundesgenossen der UdSSR dargestellt, was zu der radikalen ideologischen Feindschaft zwischen Teheran und Washington beitrug. Die meisten Kriege und regionalen Scharmützel im Nahen Osten standen seitdem im Zeichen dieses bilateralen Konflikts. Seine Beilegung ist deshalb der Schlüssel für die künftige Sicherheit in der Region.

Das Wiener Abkommen über das iranische Atomprogramm von 2015 (Joint Comprehensive Plan of Action, JCPOA), das von der UNO abgesegnet wurde, war nur ein vorübergehender Erfolg. Es wurde von Israel und in den USA von den Republikanern bekämpft, aber ebenso von den radikalen islamistischen Kräften in Iran.

Der Rückzug der USA aus dem Abkommen unter Präsident Trump 2018 und die Wiedereinsetzung von Sanktionen trieben den Iran in eine katastrophale Wirtschaftskrise, in der die Hoffnungen der Mittelklasse auf eine wirtschaftliche, kulturelle und politische Normalisierung zerstoben. Das führte zu immer neuen Protesten, auf die das Regime mit blinder Gewalt reagierte. Wobei es allerdings zwei folgenreiche Niederlagen hinnehmen musste.

Zum einen musste der schiitische Klerus in der Frage der Verschleierung nachgeben: Im Dezember 2024 wurde ein neues, noch repressiveres Gesetz über den „Schleier und die Keuschheit“ wieder aufgehoben. Danach legten immer mehr Frauen im öffentlichen Raum und sogar in Behörden das Kopftuch ab. Zum anderen erlitten die ausländischen Verbündeten der Revolutionsgarden schwere Niederlagen, vor allem die Hisbollah im Libanon. Auch der Umsturz in Syrien hat das Regime in Teheran weiter geschwächt.

Wer könnte die Macht übernehmen?

Nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 führten die anschließende Zerstörung des Gazastreifens und die direkte militärische Auseinandersetzung mit Israel zu verschärften Spannungen im Regime, das auf das Aufbegehren der eigenen Bevölkerung mit dem Massaker an tausenden Demonstrant:innen reagierte.

Zuletzt war die Islamische Republik also in einer absoluten Sackgasse angelangt. Aus der hätte sie nur herauskommen können, wenn sie eine umfassende und dauerhafte politische Lösung für den Konflikt mit den USA gefunden hätte. Die zentrale Frage war hierbei stets das iranische Atomprogramm, über das die internationale Gemeinschaft jahrzehntelang immer wieder diskutiert hatte.

Für Teheran war der entscheidende Punkt dabei immer die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen – eine Form von Aggression, die den Alltag aller Iraner:innen erschwerte und zugleich eine korrupte Parallelökonomie begünstigte, die von regimenahen Familien und Cliquen kontrolliert wird. Eine Lösung des Konflikts mit den USA hätte unter anderem die Freigabe iranischer Vermögen, die Öffnung für US-Unternehmen und eine kurzfristige Verbesserung der Lebensbedingungen zur Folge.

Für die theokratische Macht wäre eine solche Lösung aber zugleich eine politische Niederlage gewesen, die womöglich ihr Ende bedeutet hätte. Als Sieger hätten sich dagegen die vielen Iraner:innen gefühlt, die die Islamische Republik mit ihrer brutalen Repression zumindest kurzfristig zu Amerikafreunden gemacht hat.

Dieser nichtmilitärische Lösungsweg hatte sich in den Verhandlungen abgezeichnet, in denen es um sicherheitspolitische Garantien im Austausch mit der schrittweisen Aufhebung der Sanktionen ging. Doch dann entschieden sich Netanjahu und Trump für einen umfassenden Militärschlag, dessen Ziel – zumindest für die Israelis – darin zu bestehen scheint, den iranischen Staat dauerhaft zu schwächen – egal unter welchem Regime.

Durch den Krieg sind die Hindernisse für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Iran und den USA natürlich nicht weniger geworden. Dazu gehört gewiss der eingefleischte Nationalismus der iranischen Bevölkerung, hinderlich sind aber auch die tausenden Probleme, die von jahrzehntelangen politischen und militärischen Konflikten herrühren. Erschwert wird dieser Prozess auch durch die regionalen Vormachtansprüche Israels und die Ambitionen iranischer Kräfte: einerseits der teils royalistischen Diaspora, andererseits der radikalen islamistischen Gruppen, die entschieden gegen eine künftige Normalisierung sind.

Dabei ist diese Normalisierung eigentlich unausweichlich – angesichts des Drucks aus der iranischen Gesellschaft, aber auch anderer Staaten in der Region (den Golfmonarchien, Ägypten, der Türkei), denen die militärische und politische Macht Israels zunehmend Angst macht. Unter diesem Aspekt erscheinen die iranischen Militärschläge gegen US-Basen in den arabischen Nachbarländern als kurzsichtig. Denn nichts sollte von der Tatsache ablenken, dass die Aggression in erster Linie von Israel ausgeht.

Wer könnte in Iran die Macht übernehmen? Das politische Leben der Islamischen Republik reduziert sich nicht auf Despotismus und Unterdrückung. Zwar gibt die Verfassung dem Obersten Führer weitreichende Befugnisse, aber auch Ali Chamenei war kaum der alleinige Entscheider, vielmehr musste er die Interessen der Gruppen und Personen berücksichtigen, auf die sich das Regime stützt.

Die Macht des iranischen Regimes fußt vor allem auf der Resilienz eines ideologisch-wirtschaflichen-polizeistaatlichen Komplexes, der durch Korruption in bestimmten sozialen Gruppen verankert ist. Doch dieser Machtkomplex hat mit der brutalen Repression der vergangenen Jahre seine Regierungsunfähigkeit demonstriert.

Der Tod Chameinis beseitigt zwar eines der Hindernisse auf dem Weg zu Veränderungen, aber das wird nicht ausreichen, um das geschilderte Netzwerk der Mullahs und ihrer Verbündeten zu zerreißen.

Der Wechsel von Konservativen und Reformern im Präsidentenamt hat es lange Zeit ermöglicht, den Anschein von Einheit zu wahren und einen – sehr begrenzten – Spielraum für oppositionelle Kräfte zu öffnen, im Parlament wie in der mutigen Presse.

Die Erben der Revolutionäre, die den Schah im Namen von Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit stürzten, sind immer noch aktiv. Die Stimmen von Liberalen wie von „islamischen Linken“ haben stets – wenn sie nicht im Gefängnis saßen – den Missbrauch der klerikalen Macht, die Korruption und die brutale Unterdrückung verurteilt. Allerdings war die Mehrheit von ihnen nie bereit, auf die Entmachtung des Obersten Führers hinzuarbeiten, vielleicht in der vagen Hoffnung, von dieser Autorität könne eine Veränderung ausgehen.

Diese Generation von 1978 wird heute von den radikalen Regimekritikern beschuldigt, sie habe zwar ein despotisches monarchisches System gestürzt, sei anschließend aber unfähig gewesen, die Machtübernahme durch die Kleriker zu verhindern. Doch einzelne Stimmen aus dieser kaum strukturierten Gruppe finden nach wie vor Gehör und unterhalten aktive Netzwerke innerhalb des Staatsapparats, der obersten Verwaltung, der Unternehmen und sogar des Klerus oder der Revolutionsgarden.

Diese Leute könnten sich als Einzige als fähig erweisen, einen grundlegenden Politik- oder Systemwechsel zu moderieren, mit dem Ziel, das Überleben des iranischen Staates zu sichern, sich gegenüber der Welt zu öffnen, dabei aber die islamischen Traditionen zu respektieren. Dabei könnten sie auf die „schweigende Mehrheit“ in der Bevölkerung setzen, die sich einen solchen Wandel wünscht, aber auch Stabilität und Sicherheit. Und die zugleich zu den ersten Opfern des Krieges gehört.

1 Mark Mazzetti u. a., „How Trump decided to Go to War“, New York Times, 2. März 2026.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Bernard Hourcade ist emeritierter Forschungsdirektor am CNRS und Redaktionsmitglied bei Orient XXI.