Theater: Wer die Geschichte nicht kennt, kann die Gegenwart nicht ändern

Nr. 35 –

Die Erinnerung wachhalten in einem Land, das über seine Vergangenheit nicht spricht? Die thailändischen Theaterschaffenden Wichaya Artamat und Sasapin Siriwanij über ihr Stück, das am Zürcher Theaterspektakel zu sehen ist.

Wichaya Artamat und Sasapin Siriwanij aus Thailand in der Basler Kabar
«Wir müssen auch auf die Strasse gehen, das Theater reicht nicht»: Wichaya Artamat und Sasapin Siriwanij aus Thailand in der Basler Kabar.

Alle paar Jahre treffen sich eine Schwester und ein Bruder, um ihres verstorbenen Vaters zu gedenken. Sie plaudern, streiten, trinken Tee und hören Musik. Ihre Treffen finden stets an Jahrestagen von politisch bedeutenden Ereignissen in Thailand statt, die im Kontext von demokratischen Bestrebungen stehen, die brutal niedergeschlagen wurden. «This Song Father Used to Sing (Three Days in May)» heisst das Stück von Wichaya Artamat und Sasapin Siriwanij. Beim Treffen am Theaterfestival in Basel erläutert der Regisseur die historischen Daten, während seine Produzentin auf dem Handy Infos zum «Schwarzen Mai» sucht, als Proteste gegen die vom Militär gestützte Regierung niedergeschlagen wurden. Dann legt Siriwanij das Handy auf den Tisch. «Der ‹Schwarze Mai› ist sogar auf Wikipedia», murmelt sie erstaunt.

Denn in Thailand wird über diesen Mai 1992 genauso wenig gesprochen wie über andere ähnliche Ereignisse davor und danach. Auch in den Schulbüchern findet er kaum Erwähnung: «Wir lernen zwar viele Jahreszahlen, aber es gibt keine Verbindung zwischen diesen Daten und den kollektiven Erinnerungen», sagt Artamat. Und Siriwanij ergänzt: «Uns fehlt das grössere Bild – wir lernen nicht, was die Geschichte bedeutet.» Geschichte sei ein «tricky business», sagt Artamat. «Wer schreibt die Geschichte? Auf welcher Seite stehst du, und wo positionierst du dich?» Solche Fragen treiben ihn um. Theater sei ein Ort, wo man innehalte, nachdenke und gedenke; genau das mache Wichaya mit seinen Stücken, sagt Siriwanij. «Er hält fest, was die Gesellschaft nicht festhalten will.»

Repression im Land des Lächelns

In Europa gilt Thailand als beliebtes und sicheres Reiseland, als «Land des Lächelns». Doch für die Menschen dort ist es ein Land der Repression, wo das Militär wiederholt demokratisch gewählte Regierungen stürzte und «Majestätsbeleidigungen» mit bis zu fünfzehn Jahren Haft geahndet werden. «Thailand ist gut für Tou­rist:in­nen, aber nicht für seine Bür­ger:in­nen», sagt Artamat achselzuckend. Und Siriwanij präzisiert: «Dieselben Dinge, die Thailand so beliebt bei Tou­rist:in­nen machen, sind jene, die für uns Thais so frustrierend sind. All diese Kompromisse, dieses relaxte Dasein, das ständige Lächeln.» Als Touristin könne man das Lächeln geniessen. «Aber stell dir vor, du arbeitest über längere Zeit mit jemandem, der die ganze Zeit lächelt, und du hast keine ­Ahnung, was eigentlich los ist.» Sie schüttelt den Kopf. Wenn man wolle, dass sich etwas änder­e, sei diese Ausgangslage extrem frustrierend.

«Der ‹Schwarze Mai› ist sogar auf Wikipedia», murmelt Sasapin Siriwanij erstaunt.

Allerdings gibt es im Moment ein kleines bisschen Grund zur Hoffnung auf Veränderung: Am 24. August wurde der Regierungschef Prayut Chan-on-cha vorübergehend von seinem Amt suspendiert, weil seine offizielle achtjährige Amtszeit beendet ist. Der frühere General und Armeechef hatte sich am 22. Mai 2014 an die Macht geputscht – ein Datum, das auch in Artamats Inszenierung vorkommt. Doch die Hoffnung ist nur ein Schimmer. «Zwar haben wir das Resultat, das wir wollten», sagt der Regisseur. «Doch sein Ersatz ist nicht besser, vielleicht sogar schlimmer.»

Übernommen hat Prayuts ehemaliger Stellvertreter, Prawit Wongsuwan. «Er ist noch älter als Prayut», sagt Siriwanij. «In einem skandinavischen Land gibt es eine Premierministerin, die 37 Jahre alt ist, und bei uns regiert ein uralter Mann, der nicht einmal mehr ohne Hilfe aufstehen kann – wir machen viele böse Witze über ihn.» Es sei furchtbar, doch für die politische Elite sei ihre geerbte Macht unverhandelbar. Der Weg sei noch weit, sagt Artamat, und Siriwanij meint: «Wenn du die Geschichte nicht kennst, weisst du auch nicht, wie du sie ändern kannst.»

Wie ein Foto aus früherer Zeit

Im Gespräch gibt es nur eine Frage, bei der sich die beiden nicht sofort einig sind. Sie tauschen kurz ein paar Sätze auf Thai aus, dann sagt Siriwanij bestimmt: «Wir kennen uns seit exakt zehn Jahren.» Doch Artamat fragt leise: «Vielleicht auch etwas länger?» Schliesslich einigen sie sich auf zwölf Jahre. Wie vertraut sie sind, wird jedenfalls rasch klar, wenn sie nebeneinander am Tisch sitzen und einander die Antworten ergänzen. Siriwanij, die fliessend Englisch spricht, übersetzt zwischendurch die Fragen für Artamat auf Thai und übersetzt oder präzisiert seine zögerlichen, leise artikulierten Antworten. Am Ende des Gesprächs sagt sie: «Als Produzentin bin ich für alles Organisatorische und die Finanzierung zuständig – ausserdem auch für die Betreuung von Wichaya. Ich bin seine Kollegin, seine Therapeutin, seine Übersetzerin … alles.» Beide lachen.

Kennengelernt haben sie sich beim Theaterspielen. Beide studierten in Bangkok, sie Performance, er Film. Noch heute arbeitet er ab und zu als Kameramann von Dokumentarfilmen, sie verdient nebenbei auch als Schauspielerin, Moderatorin oder Synchronsprecherin ihr Geld. 2015 gründeten die beiden mit einer weiteren Freundin das For What Theater, im selben Jahr entstand auch «This Song Father Used to Sing (Three Days in May)». Jetzt touren sie mit dem Stück durch Europa. Nach dem Theaterfestival in Basel geht es nach Zürich ans Theaterspektakel, dann weiter nach Frankreich; erst im Oktober reisen sie zurück nach Bangkok. Sieben Jahre nach der Uraufführung dort ist das Stück für sie wie ein Foto aus einer früheren Zeit, wie Siriwanij sagt: «Es hält fest, wie wir damals als Theatergruppe das Politische verhandelten. Von heute aus würde man das wieder ganz anders erzählen.»

Die Energie der Jungen

Er glaube zwar nicht, dass er mit Theater etwas ändern könne, sagt Artamat. «Das Thea­ter ist Teil einer grösseren Bewegung. Wir müssen auch auf die Strasse gehen, das Thea­ter reicht nicht.» Die Hoffnung der beiden liegt jetzt auf der jungen Generation. Anders als sie, die beide 37 Jahre alt sind, habe diese zwar nie die Luft der Demokratie geschnuppert, sagt Siriwanij. Doch über das Internet und vor allem über die sozialen Kanäle seien sie international gut vernetzt und bestens informiert. «Das gibt ihnen die Kraft, die wir noch nicht hatten.» Ausserdem gebe es mittlerweile viele alternative Geschichtsbücher, die unter den Jungen kursieren, sagt Artamat. So waren es vor allem junge Menschen, die 2020 die monatelangen Proteste gegen die aktuelle Regierung organisierten und auf die Strasse gingen.

«Wir sind ausgebrannt», sagt Siriwanij: «Wenn wir einen Tag auf die Strasse gehen, brauchen wir zwei, um uns zu erholen.» Umso dankbarer sei sie den Jungen mit ­ihrer unglaublichen Energie: Die Regierung fürchte sich zu Recht vor ihnen. Schliesslich sagt Siriwanij: «Wenn wir so darüber sprechen, fühle ich mich plötzlich hoffnungsvoll, wenn ich mich an all das Gute erinnere und an all das, das sich doch geändert hat!»

«This Song Father Used to Sing (Three Days in May)» in: Zürich, Theaterspektakel, Fr, 2. September 2022, 21 Uhr; Sa/So, 3./4. September 2022, 18 Uhr.