Theater in Zürich : Weisse Wand und schwarze Box

Nr.  41 –

Ein Kollektiv besetzt seit Wochen einen Teil der Gessnerallee. Es verlangt ein nichtweisses Theaterhaus – und scheint damit offene Türen einzurennen. Doch Probleme gibt es trotzdem.

die von Experi-Thea­ter besetzte Werkhalle des Theaterhauses Gessnerallee in Zürich
«Wir fordern Selbstbestimmung – auch in der Frage, welchen Raum wir fordern»: Die von Experi-Thea­ter besetzte Werkhalle des Theaterhauses Gessnerallee in Zürich.

Mittwochabend vor der Zürcher Gessnerallee. Es ist kurz nach 18 Uhr, keine der Passantinnen, die im Regen am Theaterhaus vorbeigehen, bleibt stehen, um zu lesen, was auf den Transparenten steht, die an der Fassade angebracht sind. Das mag auch daran liegen, dass die Banner hier schon seit Anfang September hängen, als ein erster Raum durch das Kollektiv Experi-Theater besetzt wurde.

Drinnen im Nordflügel, der seit Mitte September ebenfalls besetzt ist, haben es sich ein paar Leute auf Kissen vor einer Leinwand gemütlich gemacht. Nach einer Filmvorführung wird geredet: über die Kunstwelt, über Rassismus und Kapitalismus, vor allem aber über die Erfahrungen, die Schwarze Personen, Indigene und People of Color ­(BIPoC) machen. «In weissen Räumen fühle ich mich manchmal, als müsste ich das Gewicht aller BIPoC-Menschen der Welt auf meinen Schultern tragen», sagt ein junger Künstler. Ein anderer fügt hinzu: «Wir brauchen Räume wie diese, in denen wir heilen können. Und in denen wir selbst bestimmen können, was passiert.»

Neue Leitung, neue Vision

Obwohl heute in der Gessnerallee niemand mehr von einem «Konflikt» sprechen mag: Auf Social Media war der Ton zeitweise rau. Am 1. September veröffentlichte Experi-Theater auf seinem Instagram-Profil «blackbox_ch» einen Beitrag, in dem die Gruppe die «weisse Brutalität» anprangerte, mit der die Gessnerallee versucht habe, den von ihnen genutzten Raum zu «zerstören», sprich: sie daraus zu vertreiben. Am selben Tag besetzte das Kollektiv ebendiesen Raum. Fünf Tage später folgte ein Statement des Theaterhauses, in dem sich dieses selbstkritisch gab, aber auch betonte, dass man die Dynamik in den sozialen Medien für eine solidarische Diskussion als kontraproduktiv erachte. Doch der Reihe nach.

Links vom Eingang des besetzten Nordflügels haben die Leute von Experi-Theater eine Chronik gestaltet. Dort hängen Ausdrucke von Instagram-Posts, Gutachten und viele E-Mails: von der künstlerischen Leitung an Experi-Theater und vice versa, Nachrichten der Stadt und des Vereinsvorstands der Gessnerallee. Wer die Dokumente liest, versteht, weshalb Gessnerallee-Koleiterin Juliane Hahn sagt: «Das ist nicht Experi-Theater gegen Gessnerallee.» Denn die Geschichte, wie sie an der Wand dokumentiert ist, ist tatsächlich nicht primär die Geschichte eines Konflikts. Es ist – über weite Strecken – die Geschichte einer Zusammenarbeit.

Diese beginnt 2020, als Michelle Akanji, Rabea Grand und Juliane Hahn die künstlerische Leitung und Gesamtkoordination der Gessnerallee übernehmen, der schweizweit grössten Institution für die freie Performance-, Tanz- und Theaterszene. Ihre Vision: flachere Hierarchien, Inklusion, eine Öffnung des Hauses. Die Medien feiern die Wahl der drei Frauen, eine davon Person of Color, als gelebte Diversität. Von Beginn an kooperiert die neue Leitung mit Experi-Theater. Das experimentelle Performancekollektiv, das der Zürcher Regisseur Pakkiyanathan Vijayashanthan 2013 gegründet hat, arbeitet mit wechselnden Künstler:innen zu Themen wie Migration oder (Post-)Kolonialismus (siehe WOZ Nr. 28/15).

Eines der ersten Projekte, das Experi-Theater mit Unterstützung unter anderem der Gessnerallee realisierte, war die Blackbox. Der mobile schwarze Kubus, der im Zentrum Zürichs und anderer Städte aufgestellt wurde, war ein Ort der Wissensvermittlung über koloniale Geschichte und Rassismus und diente BIPoC-Künstler:innen als Bühne, Ausstellungsraum und Treffpunkt. Um das Projekt, das 2020 initiiert wurde, als Black Lives Matter zu einer globalen Bewegung wurde, bildete sich eine Gemeinschaft. «Mit der Blackbox haben wir tagtäglich zur Frage gearbeitet, wie wir einen Safer Space für BIPoC-Artists schaffen können», sagt ein Mitglied des Kollektivs.

Der Dachboden als Proberaum

Auslöser für die Besetzung war die Frage der Nutzung eines eigentlich unspektakulären Teils des Dachbodens der Gessnerallee, der sogenannten Werkhalle. Dieser Raum über dem «Stall 6» wurde von Experi-Theater im Sommer 2021 ein erstes Mal besetzt, worauf die Gessnerallee dem Kollektiv eine Nutzung des Raums als Proberaum bis zum geplanten grösseren Umbau des Hauses im Februar 2022 anbot. Es wurden Stücke entwickelt und kleinere Veranstaltungen mit Publikum durchgeführt.

Nach dem Umbau kamen aber die Behörden sowie die Gessnerallee-Leitung zum Schluss, dass der Raum nicht weiter wie bisher genutzt werden könne. Einerseits, so die Leitung, weil die Fläche als Lagerraum benötigt werde, vor allem aber, weil sie genehmigungstechnisch eben als Lagerraum ausgewiesen sei – und die Kosten für einen erneuten Umbau so hoch wären, dass dieser zuvor einen mehrjährigen politischen Prozess benötigte. Daher, schreibt auf Anfrage die Stadt, dürfe der Raum «nicht für Proben, Versammlungen und Aufführungen genutzt werden». Das Kollektiv versuchte, den Raum zurückzubekommen, es fanden Gespräche mit der Leitung, dem Verein und der Stadt statt. Vergeblich. «Wir rannten gegen eine weisse Wand. Wieder und wieder», sagt eine Vertreterin von Experi-Theater.

Kurz darauf folgte die Besetzung. Die Forderung: «Die Legitimierung und Anerkennung des Non-white-Theaterhauses», wie es ein Mitglied von Experi-Theater formuliert. Mit «nichtweissem Theaterhaus» meint das Kollektiv einen dauerhaften Ort, der für BIPoC-Künstler:innen und ihre Gemeinschaften gedacht ist, in dem diese das Programm kuratieren und «Non-BIPoC weisse Praktiken verlernen können». Vonseiten der Stadt heisst es, dass man «das Bedürfnis aus Kreisen der BIPoC-Community nach einem spezifischen Raum nachvollziehen» könne. Auch die Leitung des Theaterhauses, das heute noch aus Juliane Hahn und Michelle Akanji besteht, hat Verständnis. «Wir anerkennen das Anliegen von Experi-Theater, einen BIPoC-Artists-Space in Zürich zu haben», sagt Akanji. Aber: «Trotzdem denken wir, dass es ein kulturpolitisches Thema ist, das die Gessnerallee nicht alleine lösen kann.»

Experi-Theater indes bezieht sich explizit auf die Räume in der Gessnerallee. Abgesehen von der Werkhalle geht es um ein Büro, das dem Kollektiv seit Dezember 2020 zur Verfügung gestellt wird, und um einen der mittelgrossen Veranstaltungsräume, den Nordflügel. «Die Forderung nach gerade diesen konkreten Räumen entstand aus unserer Praxis heraus», sagt eine Vertreterin von Experi-Theater: Man war künstlerisch genau dort tätig. Trotz des Verständnisses für das Anliegen sagt Michelle Akanji: «Laut Subventionsvereinbarungen mit der Stadt, bereits abgeschlossenen Verträgen und verbindlichen Abmachungen, die wir mit Künstler:innen und Veranstalter:innen haben, ist es nicht möglich, dass wir dieses Anliegen in den von Experi-Theater geforderten Räumen einfach umsetzen.»

Ein Mediationsprozess steht an

Könnten denn die Verträge geändert werden? Der Stadt zufolge, der die Räume gehören, wird sich abgesehen von einer neuen Subventionsvereinbarung aktuell nichts ändern: Man habe Experi-Theater empfohlen, «sich für andere Räumlichkeiten zu bewerben». Das Anbieten von Alternativen geschehe oft, um wirkliche Veränderung zu verhindern, entgegnet dieses wiederum. «Oft befinden sich solche Räume abseits vom Zentrum», sagt eine der Künstler:innen. «Wir fordern Selbstbestimmung – auch in der Frage, welchen Raum wir fordern.» Trotz seiner Kritik an Strukturen und Institutionen hat sich das Kollektiv dazu entschlossen, sich selbst ein Stück weit zu institutionalisieren: Im Juni hat Experi-Theater bei der Abteilung für Kultur ein Konzept für eine Sechsjahresförderung eingereicht, die Teil eines neuen Modells der Tanz- und Theaterförderung in Zürich ist. Das Konzept sieht die Nutzung und die Kuratierung auch genau der Räume vor, die Experi-Theater aktuell besetzt.

Zuletzt kam Bewegung in die zwischenzeitlich verhärteten Fronten. So hat sich eine Delegation des Vorstands der Gessnerallee mit Vertreter:innen von Experi-Theater getroffen, um einen nun beginnenden Mediationsprozess zu besprechen. In diesen Tagen soll ein Treffen zwischen Künstler:innen der Zürcher freien Szene, die regelmässig in der Gessnerallee auftreten, und Experi-Theater stattfinden. Und vielleicht wird im nächsten Sommer dann breiter debattiert, ob es in Zürich bald offiziell das schweizweit erste nichtweisse Theaterhaus gibt: Die von der Jury ausgewählten Konzepte für eine Sechsjahresförderung kommen in den Stadtrat und werden, sofern sie auch dort Zuspruch finden, schliesslich im Gemeinderat diskutiert.