Warum der Gigant nicht erwacht

Le Monde diplomatique –

Im modernen Indonesien ziehen immer noch die Eliten aus der Suharto-Ära die Strippen. Das bremst die nationale Entwicklung

Portraits von Präsident Prabowo Subiante und seinem Vize Gibran Rakabuming Raka in einem Klassenzimmer
Neue Gesichter im Klassenzimmer: Präsident Prabowo Subiante und sein Vize Gibran Rakabuming Raka, Bandung Regency, 21. Oktober 2024 Foto: DIMAS RACHMATSYAH/picture alliance/zumapress

Ist Indonesien endlich auf dem Weg, eine wirtschaftliche Supermacht zu werden?“, fragte die Financial Times im November 2023.1 Die Aussicht, Indonesien werde von Platz 16 der größten Volkswirtschaften bis Mitte des Jahrhunderts auf Platz 5 vorrücken, beflügelt internationale Investoren.2 Allerdings hat Indonesien solche Hoffnungen in der Vergangenheit schon einmal enttäuscht.3

Gewiss, der frühere Präsident Joko Widodo (2014–2024) hatte sich hauptsächlich auf innenpolitische Themen konzentriert. Der neue, Prabowo Subianto, richtet seinen Blick mehr nach außen. Er könnte von einem internationalen Stimmungsumschwung profitieren, obwohl dem ehemaligen General schwere Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur seines Schwiegervaters Suharto (1967–1998) zur Last gelegt werden: Der Rechtspopulismus ist weltweit auf dem Vormarsch, die liberalen Demokratien scheinen ihren Kampf für die Menschenrechte aufgegeben zu haben.

Aber die strukturellen Hindernisse, die einem Wirtschaftsaufschwung Indonesiens entgegenstehen, existieren weiterhin.

Das Versprechen eines künftigen Wirtschaftswunders nahm ab 1998 Gestalt an, nach dem Sturz Suhartos, eines der letzten kapitalistischen Diktatoren aus der Ära des Kalten Kriegs. Seine jahrzehntelange Herrschaft endete mit der asiatischen Finanzkrise (1997/98), die das Land erschütterte, die Eliten spaltete und die Wut über soziale Ungerechtigkeiten schürte.

Indonesien leitete einen Prozess der Demokratisierung ein, den die Weltbank als „Urknall“ begrüßte.4 Von Washington bis Canberra feierte man, dass das Land sich der Demokratie öffnete und an der wirtschaftlichen Globalisierung teilhaben wollte – und dass die muslimische Bevölkerungsmehrheit dem Westen nicht feindselig gegenüberstand.

Dieses neoliberale Märchen unterschätzt jedoch der Widerstand der heimischen Oligarchie. Das Netzwerk von mächtigen Leuten im Staatsapparat und in der Privatwirtschaft, in wechselnden Koalitionen, ist mehr als eine bloße Ansammlung reicher und mächtiger Leute: Es handelt sich um eine Machtstruktur, deren einzelne Teile ausgetauscht werden können, ohne dass das Ganze ins Wanken gerät.

Unter dem Suharto-Regime wurde die Oligarchie gehätschelt. Und sie schaffte es, ihn zu überleben, indem sie die Kontrolle über die politischen und wirtschaftlichen Institutionen der nachfolgenden Reformperiode (Reformasi) übernahm.

Im Gefolge der Asienkrise forderte der Internationale Währungsfonds (IWF) mehr Tempo bei der Deregulierung von Handel, Banken und Finanzwesen, die mit dem Ölpreisverfall in den 1980er Jahren begonnen hatte. Von den – nur teilweise umgesetzten – Maßnahmen profitierte vor allem die alte Oligarchie. Die Privatisierungen wurden als Heilmittel für eine von Korruption zerfressene und durch Bürokratie erstickte Wirtschaft gepriesen. Tatsächlich wurden staatliche Monopole auf private Konglomerate übertragen, an deren Spitze Personen standen, die früher enge Verbindungen zum Staat gehabt hatten.

Die Dezentralisierung der Verwaltung zielte offiziell darauf ab, lokale Institutionen zu schaffen, die besser auf die Bedürfnisse der Bevölkerung (und der Märkte) eingehen konnten. Tatsächlich weitete sie die Vetternwirtschaft auf lokale Ebene aus. Anders gesagt: Die Dezentralisierung dezentralisierte die Korruption.

Die aus Suhartos „Neuer Ordnung“ hervorgegangenen Eliten sicherten sich mittels alter und neuer politischer Gruppierungen, der Neubesetzung von Parlamenten (regional und national) und einer Reihe sozialer Organisationen die Kontrolle über die Institutionen. So verschafften sie sich Zugang zu staatlichen Ressourcen, um sich persönlich zu bereichern. Auch die Akteure, die zunächst als Reformkräfte auf den Plan traten, verhedderten sich schnell im Netz der ausgedehnten Klientelstrukturen und spielten dort bald auch aktiv mit.

Außenpolitik im Dienste der Oligarchie

Wer immer geglaubt hatte, die Zivilgesellschaft werde Anstöße zu Reformen geben, wurden enttäuscht. Nachdem alle progressiven Impulse erstickt waren, richtete sich die Hoffnung auf zwei islamische Massenorganisationen – Nahdlatul Ulama (Wiedererwachen der Gelehrten) und Muhammadijah (Anhänger des Mohammed) –, die als Bastionen einer gemäßigt religiösen Haltung galten. Westliche Medien sprachen von Indonesien als Modell für einen pluralistischen Staat in der muslimischen Welt.

Doch diese Organisationen mit ihren konservativen Positionen in Bezug auf Minderheitenrechte und persönliche Freiheitsrechte gingen mit der Zeit ebenfalls Bündnisse mit den herrschenden Eliten ein.5

Zum Beispiel haben die islamischen Organisationen das Recht, Unternehmen im Bergbausektor zu führen, der von zentraler Bedeutung für die Wirtschaft des Landes sind.6 Unter dem Gesichtspunkt der Chancengleichheit – angeblich wurde die Umma (die Gemeinschaft der muslimischen Gläubigen) bei der wirtschaftliche Entwicklung marginalisiert – mag das gerechtfertigt sein, doch in der Praxis führt es zu einer Verschmelzung von religiösen und traditionellen Eliten. Ein weiteres Mal stärkten Reformen die Oligarchie.

Der außenpolitische Kurs Indonesiens seit 1998 dient ganz klar den Interessen dieser Gruppe. Deren Reichtum und Macht hängen weniger von der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen ab als vom privilegierten Zugang zu den staatlichen Ressourcen und von Regelungen, die den Binnenmarkt vor ausländischer Konkurrenz schützen. Die Oligarchie sichert ihren Zugriff auf lukrative Sektoren durch Monopole, die sie der Klientelwirtschaft verdanken, und profitiert dabei von Privatisierungen und öffentlichen Aufträgen. Ihre Idee für die Außenpolitik setzt vor allem auf Partnerschaften, die ihre Position im Land festigen. Welche politische Rolle Indonesien in der Welt spielt, interessiert sie wenig.

Von Prabowos Versprechungen sollte man sich also nicht täuschen lassen. In seiner ersten Rede zur Lage der Nation am 15. August beteuerte er, „den Reichtum des Landes zum Wohle der Menschen zu sichern“ und „seinen andauernden Abfluss in andere Länder zu beenden“.7 Seine Reden sollen in erster Linie seine Wählerschaft mobilisieren und sind weniger als Botschaften an die übrige Welt gedacht.

Praktisch unterscheidet sich seine Politik nur unwesentlich von der seines Vorgängers: Ihm ist an guten Beziehungen gleichermaßen zum Westen und zu China gelegen. Einerseits hat Indonesien ein – noch von Widodo auf den Weg gebrachtes – Abkommen über verstärkte Zusammenarbeit in der Verteidigung mit Australien geschlossen. Andererseits hat es mit Peking eine Absichtserklärung über die gemeinsame maritime Entwicklung im Südchinesischen Meer unterzeichnet.

Wenn das ein Beispiel der „freien und aktiven“ Außenpolitik sein soll, die sich Indonesien seit seiner Unabhängigkeit unter seinem ersten Präsidenten Sukarno (1945–1967) auf die Fahnen geschrieben hat, sind Zweifel angebracht.

In wirtschaftlicher Hinsicht haben die Beziehungen zu China Priorität, unter dem Aspekt der Sicherheit die Beziehungen zum Westen. Prabowo will die militärische Schlagkraft Indonesiens stärken, ein Plan, der der Führung der Streitkräfte gefällt. Militärangehörigen wurde gerade erlaubt, wieder offiziell zivile und wirtschaftliche Führungsposten zu bekleiden. Und am Kauf von Waffensystemen aus den USA und von ihren Verbündeten verdienen indonesische Vermittler eifrig mit.

Am 1. Januar 2025 berichtete die Presse groß über den Beitritt Indonesiens zur Brics+-Gruppe. Gleichzeitig scheint sich das Land aus dem Verband Südostasiatischer Nationen (Asean) zurückgezogen zu haben, in dem Indonesien lange Zeit treibende Kraft war. Bisweilen wird das als Beleg dafür gesehen, dass Jakarta internationale Partner über den Kreis seiner traditionellen Verbündeten in der Region und im Westen hinaus gewinnen möchte.

Doch mit beiden Schritten hat das Land auf konkretere Herausforderungen reagiert. Es möchte sich mit China (der größten Volkswirtschaft der Brics-Gruppe) gut stellen, weil chinesische Investitionen viele der „Nationalen Strategischen Projekte“ finanzieren, die für die Oligarchie so wichtig sind: Ausbau der Infrastruktur, Schaffung von Industriezonen auf den am wenigsten entwickelten Inseln (Sulawesi und den Molukken) und Industrialisierung des Bergbausektors.

Letztere soll die lokale Verarbeitung von Rohstoffen wie Nickel ermöglichen, mit dem Ziel, dass Indonesien in der globalen Wertschöpfungskette aufsteigt. Doch angesichts begrenzter finanzieller Möglichkeiten und fehlenden technologischen Know-hows muss Jakarta ausländisches Kapital anziehen, Spitzentechnologie importieren und Zugang zu Märkten im Ausland finden, wenn es die Produktion in Gang bringen will. Abgesehen von China kommen dafür nur sehr wenige Länder als Partner infrage.

Die Geschichte der Industrialisierung Indonesiens zeigt indes, dass sie mit verheerenden Auswirkungen für Menschen und Umwelt verbunden war, aber nicht zwangsläufig mit Wertsteigerung und Technologietransfer.

Auch wenn immer wieder das Ziel einer nationalen Entwicklung beschworen wird: Der wichtigste Nutzen der Vereinbarungen mit Peking ist eher, die chinesische Investoren enger an die Staatsunternehmen zu binden, die inzwischen unter der direkten Kontrolle des Präsidenten stehen. So nützen die internationalen Partnerschaften Indonesiens den finanziellen Interessen der Elite. Die Gewinne aus solchen Geschäften werden nicht investiert, um die Wertschöpfung zu steigern, sondern fließen in die Taschen regierungsnaher Unternehmer.

Dass Indonesien, der größte mehrheitlich muslimische Staat der Welt, nicht als einer der Ersten laut und deutlich das barbarische Vorgehen Israels in Gaza kritisiert hat, liegt daran, dass es außenpolitisch mehr um Geld als um politische Strategien geht. Durch eine frühe und konsequente Verurteilung hätte die Oligarchie nichts zu gewinnen gehabt. Immerhin erklärte sich das Land auf der UN-Generalversammlung am 23. September bereit, 20 000 Soldaten für eine Friedensmission nach Gaza zu entsenden.

Es sieht auch ganz so aus, als hielten die indonesischen Eliten Asean für eine Sackgasse. Der regionale Zusammenschluss legt seine Priorität auf die Liberalisierung der Märkte und die Angleichung der regulatorischen Rahmenbedingungen. Angesichts des sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsstands der Asean-Staaten dürften diese Ziele schwer zu erreichen sein. Der indonesischen Oligarchie missfällt aber vor allem die Aussicht, auf einem solchen Markt ohne gezinkte Karten mitspielen zu müssen.

Ein Grund, warum der Staat Indonesien so stabil erscheint, ist die Anpassungsfähigkeit der Machtstrukturen. So wurde Präsident Prabowo – nach einer Reihe von Intrigen gegen andere Führungsfiguren – schließlich dank der Unterstützung seines Vorgängers und langjährigen Widersachers Widodo gewählt. Als Gegenleistung holte Prabowo Widodos Sohn, Gibran Rakabuming Raka, im Wahlkampf an seine Seite. Inzwischen ist Gibran Vizepräsident.

Kurz gesagt: Im modernen Indonesien ist aus dem alten Regime eine neue Oligarchie hervorgegangen, die das Land so umgestaltet hat, wie es der Sicherung ihrer Privilegien dient. Unter solchen Umständen scheint es illusorisch, ein wie auch immer geartetes geopolitisches und wirtschaftliches „Erwachen“ des indonesischen Giganten zu erwarten.

1 Alec Russel und Mercedes Ruehl, „Is Indonesia finally set to become an economic superpower?“, Financial Times, London, 15. November 2023.

2 Andy Dwibaskoro, „World’s largest economies 2050: Indonesia projected Top 5“, Invest Indonesia, 7. Januar 2025.

3 Siehe Richard Robison und Vedi R. Hadiz, „Indonesia: A tale of misplaced expectations“, in: Pacific Review, Bd. 30, Nr. 6, Oxford 2017.

4 Jun Ma und Bert Hofman, „Indonesia’s Decentralization After Crisis“, in: PREM Notes, Nr. 43, Weltbank, Washington, September 2000.

5 Siehe Martine Bulard und Marie Beyer, „Die Puppenspieler von Jakarta“, LMd, August 2017.

6 Vgl. Philippe Pataud Célérier, „Freeport köpft Berge“, LMd, November 2022.

7 Radhiyya Indra und Maretha Uli, „Prabowo vows to protect national wealth in first state address“, The Jakarta Post, 16. August 2025.

Aus dem Französischen von Ursel Schäfer

Vedi R. Hadiz ist Professor für Asienstudien an der Universität Melbourne.

Was wann geschah

1512 Portugal errichtet erste Vorposten auf den Nordmolukken für den Gewürznelkenhandel.

20. März 1602 Gründung der Niederländischen Ostindien-Kompanie.

1605 Der erste Stützpunkt der Ostindien-Kompanie wird auf Ambon (Molukken) errichtet. Sukzessive Übernahme der wichtigsten Häfen des Archipels.

1700 Mit dem Niedergang des Gewürzhandels verlagert sich der Schwerpunkt auf den Textilhandel.

1799 Bankrott der Ostindien-Kompanie. Ihr verbliebener Besitz fällt an die Batavische Republik (1795–1806), später Königreich Holland.

1816 Niederländisch-Indien kommt offiziell unter die hoheitliche Verwaltung der holländischen Monarchie. Hauptstadt ist Batavia (heute Jakarta).

17. September 1901 Königin Wilhelmina (1890–1948) verkündet eine „ethische Politik“, durch die sich die Lebensbedingungen der indonesischen Bevölkerung verbessern sollen.

23. Mai 1914 Gründung der Indischen Sozial-Demokratischen Vereinigung (ISDV), aus der 1920 die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) hervorgeht.

1927 Gründung der antikolonialen Nationalen Partei Indonesiens (PNI) durch Sukarno.

8. Dezember 1941 Nach dem Angriff auf Pearl Harbor erklären die Niederlande Japan den Krieg.

10. Januar 1942 Japan besetzt Niederländisch-Indien und bezeichnet sich als Befreier Asiens.

8. März 1942 Kapitulation der niederländischen Truppen. Die Japaner holen Sukarno und Hatta aus dem Exil zurück.

15. August 1945 Kapitulation Japans.

17. August 1945 Sukarno und Hatta erklären die Unabhängigkeit der Republik Indonesien auf Grundlage der fünf Prinzipien der „Pancasila“: nationale Einheit, Humanismus, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Glaube an einen Gott.

1945–1949 Unabhängigkeitskrieg.

27. Dezember 1949 Die Niederlande übergeben die Souveränität an die Republik Indonesien.

18.–24. April 1955 Konferenz von Bandung: Beginn der Bewegung Blockfreier Staaten.

1965/1966 Systematische Zerschlagung der PKI mit Unterstützung der CIA. Die Armee unter General Suharto ermordet fast 1 Million Zivilist:innen unter dem Vorwand einer kommunistischen Verschwörung.

8. August 1967 Gründung des Verbands Südostasiatischer Nationen (Asean) mit Sitz in Jakarta.

21. März 1968 Armeechef und Machthaber Suharto wird offiziell Präsident. Er errichtet ein autoritäres proamerikanisches Militärregime, genannt „Orde Baru“ (Neue Ordnung).

21. Mai 1998 Sturz von Präsident Suharto infolge der Asienkrise. Jusuf Habibie, zuvor Vizepräsident, wird Präsident; Rückkehr zum Mehrparteiensystem.

April 1999 Verabschiedung von zwei Gesetzen zur politischen und wirtschaftlichen Dezentralisierung. Sie treten 2001 in Kraft.

20. Oktober 1999 Erste demokratische Wahl nach der Ära Suharto findet statt. Abdurrahman Wahid wird Staatschef, Sukarnos Tochter Megawati Sukarnoputri Vizepräsidentin.

23. Juli 2001 Wahid wird wegen Verwicklung in Finanzskandale abgesetzt.Sukarnoputri übernimmt die Nachfolge.

2004 Bei der ersten Direktwahl des Präsidenten gewinnt der ehemalige Soldat und Angehörige der Neuen Ordnung Susilo Bambang Yudhoyono.

2014 Der Gouverneur von Jakarta Joko Widodo wird der erste direkt gewählte Präsident, der nicht aus der Neuen Ordnung kommt.

14. Februar 2024 Prabowo Subianto, ehemaliger Befehlshaber der Spezialkräfte und Schwiegersohn von Suharto, wird zum Präsidenten gewählt. Wahlentscheidend ist die Unterstützung seines Vorgängers Widodo.