Anarchismus in Indonesien: Ein neues Gespenst geht um

Nr. 49 –

Der Historiker Ferdhi Putra skizziert, wie die indonesische Regierung mit alten Methoden ein neues Feindbild schafft – und was die sogenannten Gen-Z-Proteste damit zu tun haben.

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eine Person schaut vor einem brennenden Regierungsgebäude auf ihr Smartphone
Brand an einem Regierungsgebäude im javanischen Bandung, 29. August. Foto: Ilham Ahmad Nazar, Imago

Tausende gingen dieses Jahr immer wieder auf die Strasse: Im Frühjahr protestierte die aufgebrachte Bevölkerung Indonesiens gegen die Revision des Militärgesetzes, mit der der Einfluss von Soldat:innen im Zivilen ausgeweitet werden sollte. Im August und September folgten in verschiedenen Teilen des Landes Demonstrationen gegen die Erhöhung regionaler Steuern. Viele der Proteste endeten in Unruhen mit in Brand gesetzten Regierungsgebäuden und Plünderungen.

Die Polizei antwortete mit starker Repression. Für die indonesische Regierung schien undenkbar, dass die öffentliche Wut eine Reaktion auf die wachsende soziale Ungleichheit sein könnte. Vielmehr bestanden die Behörden darauf, dass hinter all dem jemand die Fäden ziehe: die Anarchist:innen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die indonesische Regierung als Antwort auf öffentliche Kritik ein Gespenst heraufbeschwört. Während der Diktatur unter General Suharto (1966–1998) diente der Kommunismus als Folie, um Angst zu schüren. Die staatliche Verfolgung begann schon 1965 mit dem Massaker an Mitgliedern der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) und ihren Verbündeten, dem – je nach Schätzung – 500 000 bis eine Million Menschen zum Opfer fielen. Auch danach machte das Suharto-Regime die Kommunist:innen noch jahrzehntelang zum universalen Sündenbock.

Bücher, Filme, öffentliche Diskussionen, kurzum alles, was mit kommunistischen Ideen in Verbindung stand, wurde verboten. Ins Visier der Behörden gerieten auch jene, die der blossen Sympathie für Linke verdächtigt wurden: Der prominente Autor Pramoedya Ananta Toer etwa, der mehrfach für den Nobelpreis nominiert wurde, sass, wie viele andere, wegen seiner politischen Ansichten im Gefängnis.

Als sich die Angst vor dem Kommunismus zunehmend schlechter instrumentalisieren liess und insbesondere nach dem Sturz von Suharto 1998 begann die Suche nach einem neuen Feindbild. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und im Zuge der globalen «Krieg gegen den Terror»-Rhetorik nahm auch die indonesische Regierung islamistische Gruppen ins Visier. Nachdem bei einem Bombenanschlag in Bali 2002, den ein radikaler Islamist verübt hatte, 202 Menschen ums Leben gekommen waren, wurde die Antiterror-Eliteeinheit Densus 88 gegründet. Seither wurden «Terroristen» unerbittlich gejagt. Doch nun scheint der Terrorismus seine Wirkkraft als politisches Gespenst zu verlieren und der Staat eine neue Ideologie gefunden zu haben, die er verteufeln kann: den Anarchismus.

Antikolonialer Widerstand und Punk

Anarchistische Ideen sind in Indonesien nicht neu: Schon unter der niederländischen Kolonialherrschaft fanden sich ihre Einflüsse in Widerstandsbewegungen und antikolonialer Organisierung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden anarchistische Zellen und syndikalistische Gewerkschaften, die Arbeitskämpfe organisierten – insbesondere im Plantagen- und Eisenbahnsektor. 1920 schlossen sich über 15 000 Eisenbahnarbeiter:innen einem der grössten von Anarchist:innen initiierten Streiks an. Auch innerhalb der frühen PKI gab es eine anarchistische Fraktion, die allerdings nie grosse Bedeutung erlangte. Nach der antikommunistischen «Säuberung» von 1965 gerieten anarchistische Ideen in Vergessenheit.

Doch in den neunziger Jahren tauchte der Anarchismus über den Punk in den grossen Städten wie Jakarta, Bandung, Yogyakarta und Makassar wieder auf – dieses Mal jedoch weniger als politische Bewegung, mehr als Teil einer Subkultur. Zu den einflussreichsten Bands gehörten Runtah aus Bandung, die 1997 auf ihrem Album «Smash the State» anarchistische Ideen verbreiteten, oder Marjinal aus Jakarta, die in ihrer Musik ebenfalls politische und soziale Fragen behandelten.

In den vergangenen dreissig Jahren begannen sich Anarchist:innen aus der Punkszene zusehends in sozialen Bewegungen zu engagieren und lokale Kämpfe für soziale und ökologische Gerechtigkeit zu unterstützen, wodurch sich ihre Ideen weiterverbreiteten. In Jepara, Zentraljava, schloss sich das anarchistische Kollektiv Affinitas etwa Dorfbewohner:innen an, die sich gegen den Bau eines Atomkraftwerks wehrten. In Bandung, Westjava, half das Kollektiv Apokalips dabei, entlassene Arbeiter:innen eines Flugzeugbauers zu organisieren. In Kulon Progo in der Region Yogyakarta standen Aktivist:innen an der Seite von Bäuer:innen, die sich gegen den Bau eines Flughafens und den Abbau von Eisensand wehrten, wodurch landwirtschaftliche Fläche verloren zu gehen drohte.

«Chef» der Anarchist:innen

In den letzten Jahren von Joko Widodos Präsidentschaft und auch unter dem 2024 gewählten Prabowo Subianto – dem ehemaligen Kommandanten einer Spezialeinheit, die für Menschenrechtsverletzungen bekannt ist – hat der Unmut in der Gesellschaft zugenommen. Die reaktionäre Politik, die schlechtere wirtschaftliche Lage und die bedrohten bürgerlichen Freiheiten führen zu vermehrten Protesten auf der Strasse – und diese wiederum zu verstärkter Repression.

Am 1. Mai 2018 wurden in Yogyakarta 69 Demonstrant:innen – darunter Studierende und Anarchist:innen – festgenommen, einige von ihnen wegen Brandstiftung und Besitz von Molotowcocktails. Ein Jahr später wurden bei einer Maikundgebung in Westjava mehr als 600 mutmassliche Anarchist:innen verhaftet.

Als im September 2019 unter dem Motto «Korrupte Reformation» (#ReformasiDikorupsi) breite Proteste ausbrachen, wurden die Anarchist:innen erneut beschuldigt, Unruhen angezettelt zu haben. Im April 2020 verkündete die Polizei im Fernsehen, einen Mann festgenommen zu haben, der behaupte, der «Vorsitzende der indonesischen Anarchosyndikalisten» zu sein – ein lächerlicher Widerspruch zu anarchistischen Prinzipien, die ein herrschaftsfreies und antiautoritäres Zusammenleben zum Ziel haben.

Es ist dieser Moment, der eine neue Phase staatlicher Feindseligkeit markiert. Kommt es zu Ausschreitungen, wie bei den «Peringatan Darurat»-Protesten (Notfallalarm) im August 2024 oder den «Indonesia Gelap»-Kundgebungen (Dunkles Indonesien) im Februar 2025, gibt die Polizei den Anarchist:innen die Schuld. Beweise legen die Behörden jeweils keine vor.

So behauptete die Regionalpolizei von Westjava bei einer Pressekonferenz im September 2025, die für die Unruhen angeblich verantwortlichen Anarchist:innen würden mit ausländischem Geld finanziert. Als «Beweis» führte sie Spenden anarchistischer Gruppen aus dem Ausland an lokale Kollektive an. Präsident Prabowo bezeichnete die Protestierenden gar als «antek-antek asing» (ausländische Agenten) – ein Begriff aus der Zeit des Kalten Krieges. Dem schloss sich auch die Pressestelle des Militärs an und beschrieb anarchistische Gruppen als «ausgebildet und organisiert».

Es stimmt, dass anarchistische Ideen seit dem Sturz Suhartos Zuspruch finden, anarchistische Slogans und Symbole wie das einem Kreis eingeschriebene A bei Protesten auftauchten. Die Strömung aber als eine einheitliche, gut ausgebildete und landesweite Organisation darzustellen, ist stark übertrieben. Statt sich mit den Ursachen der Proteste zu beschäftigen, bedient sich die Regierung ihrer alten Taktik: Sie schafft einen angeblichen Feind, schürt Angst und delegitimiert abweichende Meinungen. Für die fragile Demokratie Indonesiens ist dies ein äusserst beunruhigendes Zeichen.

Aus dem Englischen von Ayse Turcan.