Schlittschuhlaufen: Flow auf Eis
Autos sehen aus wie Forstfahrzeuge, im Männerfussball schreien sie wie Krieger, die Muckibuden sind voll mit allen Generationen. Die Gegenwart liebt die Kraft. Die Eleganz findet man fast nur noch auf dem Eis – auf Kufen. Ein Lob des Schlittschuhlaufens als unzeitgemässe Bewegung.
Der Maler Ernst Ludwig Kirchner, ein Star des Expressionismus, wohnte die letzten zwanzig Jahre bis zu seinem vermuteten Freitod 1938 in Davos. Im Ersten Weltkrieg war der kurzzeitige Soldat Kirchner dem Morphium und anderen Schmerzmitteln verfallen, in den zwanziger Jahren wurde er angeblich clean, in den Dreissigern ging es trotz Schweizer Höhenluft wieder los. Irre Zeiten, irre Räusche, irre Bilder: Die Farben in den Gesichtern der Menschen scheinen deren inneren Vergiftungsgrad oder auch nur ihre Seelentemperatur auf der Haut abzubilden.
Das mussten nicht zwingend Motive der Bohème aus Dresden oder Berlin sein. Auch die Eisläufer:innen, die Kirchner vor rund hundert Jahren in Davos malte, glühen rot oder schimmern türkisblau. Sie strahlen eine grosse Eleganz aus, und doch sieht man ihnen an, dass etwas nicht stimmt. Als müssten sie auf dem Eis die Hitze der Zeit kühlen. Bewegung als äusserliche Massnahme, um die innere Nervosität motorisch loszuwerden: Das muss uns in der körperfixierten Gegenwart hundert Jahre später bekannt vorkommen.