Literatur: Rüsseltiere in Berlin

Nr. 7 –

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Buchcover von «Das Geschenk»
Gaea Schoeters: «Das Geschenk». Roman. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Zsolnay Verlag. 144 Seiten.

Ein Elefant sei an der Spree gesichtet worden. Mit dieser Nachricht reisst ein Anrufer Bundeskanzler Hans Christian Winkler aus dem Grübeln über seine schlechten Umfragewerte in den Zeitungen. Was im ersten Moment nach einem lösbaren Problem klingt – «Wahrscheinlich aus dem Zoo ausgebrochen» –, entwickelt sich bald zur riesigen Herausforderung, die ganz Deutschland in einen Ausnahmezustand versetzt.

«Das Geschenk» – so der Titel des neuen Romans von Gaea Schoeters, die 2024 mit ihrem Buch «Trophäe» für Furore gesorgt hat – ist nicht dieser Elefant allein. Und er kommt auch nicht aus dem Zoo. Nein, schon bald trampeln Elefanten, die scheinbar aus dem Nichts kommen, zu Hunderten, ja Tausenden durch die Strassen Berlins, verursachen Verkehrsunfälle, fressen Büsche kahl, entwurzeln Bäume und scheissen die ganze Stadt voll.

Sie sind ein Geschenk des botswanischen Präsidenten. Er wolle sich damit für das neue Elfenbeingesetz bedanken, das Deutschland mitunterzeichnet habe. Ein Gesetz, das Tiere schütze, aber nicht die Menschen, die unter der Überpopulation der Elefanten leiden würden. Die Europäer sollten nun selbst schauen, wie sie mit dieser Situation klarkämen.

Klug und witzig erzählt die Autorin, wie von allen Seiten versucht wird, Profit aus den Elefanten zu schlagen – Kanzler Winkler wittert die Chance, seine tiefen Umfragewerte zu polieren: Eine Ministerin für Elefantenangelegenheit wird ernannt, die Elefantenscheisse für viel Geld als Dünger ins Ausland verkauft, von rechts wird gegen die Überpopulation an Elefanten und den unfähigen Kanzler gehetzt, die Liveübertragung der Geburt eines süssen Elefantenbabys besänftigt die Gemüter wieder. Doch auf ein Desaster folgt das nächste; Schuldige müssen gefunden werden, Köpfe müssen rollen.

Schliesslich, das zeigt Schoeters mit ­ihrer Allegorie auf den Politbetrieb schonungslos auf, geht es am Ende nicht um die Sache, sondern um die Profilierung und das politische Überleben Einzelner. Auf Kosten von wem auch immer.