Alpine Wunden

wobei 3/

Im Grunde ist es eine Horrorgeschichte, die der Vater seit fünfzig Jahren erzählt. Er ist noch ein Bub, als er mit seinem Onkel auf der Alp Kühe hütet. Die beiden finden ein totes Kalb; davon könnten sie nun den Sommer lang essen, meint der Onkel. «Spätestens zwei Wochen nach dem Absturz ringelten sich die Maden im Teller, aber der Onkel sagte immer noch: ‹Du musst essen!› ‹Du musst essen!›» Verweist die Geschichte auf etwas, das der Vater nicht erzählen will – oder nicht erzählen kann?

Um diese Geschichte dreht sich Asa Hendrys Theatertext «Archiv», dieses Jahr mit einem Literaturpreis des Bundesamts für Kultur ausgezeichnet. In einem inneren Monolog denkt ein Ich-Erzähler über seinen Vater nach. Eigentlich spricht dieser kaum, er kommuniziert nur mit Gesten und Lauten. Im Gegensatz zur Mutter, die pausenlos spricht, ohne wirklich jemanden anzusprechen. Die sehr unterschiedlichen Unzulänglichkeiten der Sprache von Vater und Mutter liest der Erzähler als Prägung durch vergangene Abgründe, als traumatische Symptome. Und merkt, wie sich die unbekannten Erinnerungen auch im eigenen Leib bemerkbar machen.

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