Literatur : Figuren, die einander durchstreifen
Dass der Roman an einem Donnerstag um 13 Uhr beginnt, will nichts über den Anfang dieser Geschichte besagen. Wo sollte der auch liegen? Gewiss ist nur so viel: «Heimgehen», der erste Roman der Lyrikerin Elke Cremer, die auch Teil des Schreibkollektivs «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Geflüchteten ist, entfaltet sich in 24 Kapiteln über 24 Stunden dieses einen Tages. Dabei wirbelt Cremer nicht nur die Zeiten durcheinander: Auch die Perspektiven, die Figuren (sind es 24?) und ihre Biografien, die Abläufe und Schauplätze verschlingen sich ineinander, erzählerisch festgezurrt durch die Bluttat eines Amokschützen.
Mit ihm hat Theresa noch gechattet, anonym, um ihn vor sich selbst und seinen radikalen Gedanken zu schützen, bevor sie um 13 Uhr aufbricht auf einen Streifzug durchs Quartier in dieser fremden Stadt, in der sie nach dreissig Jahren ihren Vater wieder treffen soll. Ein junger Mensch mit Engelsflügeln kreuzt ihren Weg, eine Schwarzhaarige in Lederjacke, drei Musketiere im Anzug. Hinter einer Fensterscheibe erhascht sie den Blick einer älteren Frau, beim Café Angelo bezahlt eine jüngere gerade die Kellnerin, während zwei Männer mit einer Kaffeetüte heraustreten, im nahen Sandkasten spielt ein Mädchen. Und dann: Menschen mit aufgerissenen Augen und Mündern, die ihr entgegenrennen; eine vermummte Gestalt; ein Knall, der sie zu Boden reisst.