01.02.2001

Davos retour – mit Sony

Von Hans Steiger

Für die DRS-News-Crew trat die Schweiz am letzten Donnerstag «in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit». Als erste Nachricht direkt vom Wef kam das grandiose Marx-Zitat des kleinen Moritz. Er war als Kommentator des Geschehens noch mehrmals zu hören. Wird in Davos bezüglich Sicherheit nicht übertrieben? «Mag sein, dass das zum Teil etwas martialisch wirkt», doch nach Seattle war die Polizei halt gefordert. Ob da immer alles angemessen sei, wäre später im Detail zu prüfen. Für das Einklagen unserer Freiheitsrechte verwies der linke Rechtsanwalt von einst auf den Rechtsweg. Dass der Bahnbetrieb eingestellt werde, erfuhr ich am Freitag per Telefon.

Im nächsten DRS-Bulletin nichts; aber das Wetter in den Bergen werde stürmisch. Dann, um 17 Uhr, eine Absichtserklärung der SRG, ihre Verkehrsinformationen in Zukunft zu verbessern. Insbesondere beim öffentlichen Verkehr. Ein hübscher Zufall. Lob verdient DRS 2 für seine Kontext-Reportage zum Sozialforum in Porto Alegre. Gaby Weber nutzte die halbe Stunde vorzüglich für eine kompakte Skizze dieses Ansatzes zur Globalisierung von unten. Ich investierte bei Radio Lora ein Vielfaches an Zeit in die Mitschnitte vom Gegenkongress in Zürich und bekam weniger mit. Viele, viel zu viele Redner. Weiblich waren fast nur die Übersetzerinnen, deren Arbeit dann oft noch den Tücken der Technik zum Opfer fiel. Notabene zeigte DRS 2 auch hier, mit dem Reflexe-Rückblick auf «Das andere Davos» von Ruth Hungerbühler, dass professioneller Journalismus trotz Limiten seine Vorzüge hat.

In der Nacht auf den Samstag wählte ich die alternative Frequenz, um vielleicht etwas zur Mobilisierung nach dem Bahn-Manöver der Polizei zu vernehmen. Nichts davon. Zwischen dumpf harten Scheiben leicht besoffen wirkendes Moderatoren-Gebrabbel. «Immer no dra, lütet doch a ...» Unterwegs blieb nur DRS. Bei der Verkehrsmeldung sehr korrekt: «Wegen des Wef in beiden Richtungen gesperrt». Als wir oberhalb Klosters im Postauto steckten, quasi mit PTT-Unterstützung ungewarnt in Schutzhaft genommen, schaffte es wenigstens mein kleiner Sony bis Davos. Ruhig, «sogar sehr ruhig» sei es dort, meldete das Regionaljournal Ostschweiz. Eine «komische Atmosphäre» in Landquart. Später dann Einsätze gegen bis dahin «friedlich» Demonstrierende. Hundert, laut Polizei, in Davos. Etwas über 200, korrigierte der Berichterstatter vor Ort. Und seine Kollegin aus Landquart meldete, dass die dort Versammelten, «von der Polizei auf Strasse und Schiene aufgehalten», jetzt ihrerseits den Verkehr blockierten. Richtig, fanden wir, fernab im Schnee.

Als ich den bis zur Kenntlichkeit eines Polizeistaates umstellten Bahnhof am Abend sah, erschien mir die Gegenblockade nicht nur verhältnismässig, sondern geradezu bewundernswert vernünftig. Auf dem Heimweg, von DRS vorgewarnt, ein letztes Ohr voll Lora. Der übliche Sound. Unterbrochen durch Handy-CNN. Aus dem Getümmel eine aufgeregte Frauenstimme. Nach diesem Wochenende könnten die Medien «von einem brennenden Zürich» berichten. Mir war nicht klar, ob sie das geil fand.

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