Wilhelm Genazino : Klischeefrei

Der diesjährige Träger des Büchner-Preises gewährt einen Blick in die Werkstatt des Schriftstellers.

«Die Werke vieler heutiger Schriftsteller – und es sind oft die besten – finden nicht mehr zu ihren Lesern. Dies bedeutet für den einzelnen Autor, dass er sein Werk in eine Zukunft historisiert, in der später Geborene vielleicht einmal erkennen werden, dass es nützlich hätte sein können, wenn es zu seiner Zeit bemerkt worden wäre. Diese Fantasie ist nötig, weil durch sie (und oft nur durch sie) die Depression der Vergeblichkeit abgewehrt werden kann.»

Literatur als anspruchsvolles und kraftvolles Antidepressivum – das ist die Botschaft des in Frankfurt am Main lebenden deutschen Schriftstellers Wilhelm Genazino, Jahrgang 1943, Träger des Büchner-Preises 2004, der höchsten literarischen Auszeichnung in Deutschland. «Der gedehnte Blick», sein jüngstes Werk, ist kein Roman, sondern eine Sammlung von Essays und Vorträgen, und dieser Band, aus dem das Eingangs- wie das Schlusszitat stammen, entpuppt sich als ein herrliches Aus-der-Schule-Plaudern, als eine Einladung in die Werkstatt und die Welt des Schriftstellers. Ohne jeglichen schulmeisterlichen Zug geleitet uns Genazino auf überraschenden Wegen zu vielen anderen Schriftstellern. Gleich zu Beginn gewinnt er die Leserin und den Leser, indem er die «Lügenhaftigkeit» des Franz Kafka als «Disposition des Dichters» entlarvt, als Beweis für die «Unberechenbarkeit der Worte» – der Text ist eine Huldigung an Kafka.

Genazino ist ein schelmisch-hartnäckiger und ein sehr eigenständiger Zeitgenosse, der genau beobachtet, unheimlich viel gelesen hat und genau weiss, worauf es bei einem glaubwürdigen Engagement in unserer Zeit ankommt. Seine Wahrnehmungen entgehen jedem Klischee. Er äussert sich über die Gefahr der Neonazis, deren faschistisches Gehabe man in der Regel mit dem Begriff «Ausländerfeindlichkeit» beschönigt, er gibt sich mit dem «Plastik-Globalismus» ab, mit der «Totalopposition der Sehnsucht», die sich im Erfolg der Schlagerparade bei greisen TV-KonsumentInnen spiegelt, mit der Ortlosigkeit eines Samuel Beckett und der Rezeptlosigkeit eines Claude Simon, mit den Tücken eines Literaturpreises, mit der «literarischen Erfolglosigkeit». Besonders packend ist Genazinos Bild der Künstler als «Vorturner des Scheiterns»: «Ihr Werk macht das Scheitern zu einer Kategorie des Nachdenkens.»

Ein altes Schwarzweissfoto verführt den Autor zum Essay «Der gedehnte Blick», einem Kabinettstück über das Sehen, das Auge des Kindes und das der Erwachsenen, die vermeintlichen Bilder und deren unaufhörliche Verwandlung. Zu Recht wurde dieser Essay samt Foto zum Titel gekürt. Der zweite Teil des Buchs ist ein Textreigen über die Bedeutung des Lachens in der Literatur – vom Witzkenner Jean Paul über Hernri Bergson, Sigmund Freud, Helmuth Plessner bis zum Nichtlacher Theodor W. Adorno.

«Der Schriftsteller sitzt ruhig an seinem Tisch und schreibt. Und hofft und glaubt, dass dieser niedrige Gestaltungsaufwand schon ausreicht, seinen besonderen Lebenskampf zu bestehen. Natürlich ist das Ruhe-Bild am Schreibtisch ein Schein. In Wahrheit kämpft der Autor mit mehreren Mythen gleichzeitig (...). Er muss sein Berufsbild und – darin eingebaut – seine persönliche Stellung innerhalb des Berufsstandes komplett phantasieren. Sein Beruf ist nicht geschützt. Jeder, der will, darf sich Schriftsteller nennen und sich für einen solchen halten.»

Wilhelm Genazino: Der gedehnte Blick. Carl Hanser Verlag. München/Wien 2004. 190 Seiten. Fr. 32.50