Wovon träumen Sie? Sechzehn Fragen an Luna Wedler, Schauspielerin
WOZ: Luna Wedler, was ist Ihre frühste Kindheitserinnerung, die mit Kino zu tun hat?
Luna Wedler: Das ist der Film «Kiriku und die Zauberin» (1998) von Michel Ocelot. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich mit diesem kleinen Jungen auf die Reise ging. Wie wir alle mit ihm mitfieberten, mit ihm Angst hatten, mit ihm lachten und mit ihm stolz waren, wenn er Hindernisse gemeistert hat. Wir waren alle mit in seiner Welt und durften bei diesem Abenteuer dabei sein. Da habe ich angefangen zu lieben, was Filme können: diese Magie, berührt zu werden und eine Gemeinschaft zu sein. Als Kind habe ich auch immer vor Filmbeginn ein Spiel gespielt: Ich schloss die Augen – und wenn ich das Gefühl hatte, die Menschen werden ruhiger im Saal, habe ich sie wieder geöffnet in der Hoffnung, dass genau in dem Moment das Licht gedimmt wird und der Film endlich anfängt.
Frage:Wer ist der erste Schauspieler oder die erste Schauspielerin, an den oder die Sie eine bewusste Erinnerung haben?
Antwort:Corinna Harfouch. Ich habe sie bestimmt hundert Mal als böse Hexe in «Bibi Blocksberg» bestaunt. Als ich eines Abends in Zürich nach Hause fuhr, sass Corinna im selben Tram. Aber da im Tram wurde mir bewusst: Das ist die Schauspielerin, oder eben: Das ist eine Schauspielerin! Ich war total fasziniert! Vielleicht hat meine Neugier für diesen Beruf da schon ein bisschen angefangen. Schauspieler:innen können einfach alles sein.
Frage:Was halten Sie für das ärgerlichste Vorurteil über Schauspielerinnen?
Antwort:Welche Vorurteile?
Frage:Was war der beglückendste Moment während der Arbeit an «Silent Friend» von Ildikó Enyedi?
Antwort:Die Arbeit mit Ildikó! Sie schafft eine geheime Welt nur zwischen ihr und mir. Sie ist extrem intuitiv und auch genauso streng, aber auf eine feine und warme Art. Diese Arbeit ist einzigartig und wertvoll. Ein wunderschöner Moment für mich war, als Ildikó und ich das erste Mal unter unserer Hauptdarstellerin, dem Ginkgobaum, standen.
Frage:Und der beglückendste Moment bei der Arbeit an «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» von Nicolas Steiner?
Antwort:Dieser Film ist ein Herzensprojekt! Eine surreale Welt mit schrillen, komischen, extrem liebevollen Menschen. Eine davon ist die Studentin Lena Jakobi, die ich verkörpern durfte. Als Kreativtrainerin soll sie den verbitterten Drowak, gespielt von Karl Markovics, fürs Schreiben begeistern. Da treffen zwei Welten aufeinander, die nicht gegensätzlicher sein könnten. Lenas positive Art war ein grosses Geschenk für mich: ihr grosses Herz, ihre Ehrlichkeit und dass sie einfach das sagt, was sie denkt. Das war so befreiend und wichtig. Wenn ich an sie denke, muss ich immer grinsen, und sie gibt mir Kraft.
Frage:Wann haben Sie Ihren Beruf zuletzt verflucht und aus welchem Anlass?
Antwort:Vermutlich letztes Jahr im November. Es ist zwar aufregend, viel reisen zu dürfen, aber wenn man Zürich, Berlin, Wien und Paris in sechs Tagen macht, kann das auch anstrengend werden.
Frage:Wovon träumen Sie?
Antwort:Von Mitmenschlichkeit. Das ist ein Zitat von Lena Jakobi. Deshalb ist mir dieser Film auch so wichtig, weil er genau das zeigt. Wir brauchen mehr Empathie.
Frage:Was macht Ihnen Angst?
Antwort:Die aktuelle Weltlage.
Frage:Von welcher Kollegin, von welchem Kollegen haben Sie am meisten gelernt?
Antwort:Dieser Beruf und die Filmwelt beinhalten ein ständiges Lernen – und noch toller ist, dass es nie aufhört. Ich durfte bereits so viele Menschen auf meinem Weg kennenlernen, die mir Dinge mitgegeben haben, an die ich mich immer wieder halten kann.
Frage:Bei welchem Film wären Sie wahnsinnig gerne auf dem Set dabei gewesen? Warum?
Antwort:Wenn ich von allen Filmen, die ich in letzter Zeit gesehen habe, einen wählen müsste, dann wäre es «Poor Things». Mutige und skurrile Charaktere, die Story, die Kulissen, die Kostüme, Willem Dafoe – und wer möchte nicht in die verrückte Welt von Yorgos Lanthimos abtauchen?
Wenn Sie sich entscheiden müssten: Würden Sie lieber auf der Bühne spielen oder vor der Kamera? Und warum?
Wenn ich wählen müsste: vor der Kamera. Ich liebe und lebe für das Kino. Allerdings stand ich noch nie auf einer Theaterbühne. Ich habe wirklich grossen Respekt davor. Meiner Meinung nach kann und sollte man die zwei Künste nicht miteinander vergleichen. Ich gebe aber zu, dass es mich schon reizt, immer mehr auch diese Welt mal zu erforschen.
Frage:Wo steht das schönste Kino oder das schönste Theater, das Sie je besucht haben?
Antwort:Für mich ist das Kino ein wahrer Zufluchtsort. Egal wo ich gerade bin, ich gehe immer erst mal ins Kino. Deshalb hoffe ich, dass ich noch viele Kinos kennenlernen werde. Darauf freue ich mich. Aber im Moment finde ich das kleine Kino bei mir um die Ecke am schönsten – und nein, ich verrate den Namen nicht.
Frage:Welche drei Filme würden Sie für die sprichwörtliche einsame Insel einpacken?
Ich würde mir drei Filme empfehlen lassen: einen Actionfilm, einen Liebesfilm und eine Komödie, die ich alle noch nie gesehen habe.
Frage:Ihr peinlichster Lieblingsfilm? Und warum ist er Ihnen peinlich?
Antwort:Ach, peinlich ist mir nix! Ich bin schon auch Fan von sehr kitschigen Liebesfilmen, die eigentlich schlecht gealtert sind. Jetzt gerade schaue ich mir natürlich all die Weihnachtsfilme an. Pflichtprogramm für mich: «Liebe braucht keine Ferien» (2006) von Nancy Meyers mit Cameron Diaz, Jude Law und Kate Winslet.
Frage:Ein sträflich unterschätzter und/oder vergessener Film, für den Sie hier gerne ein bisschen missionieren würden?
Da bin ich einfach mal ganz frech: «Was man von hier aus sehen kann» (2022) von Aron Lehmann, nach dem gleichnamigen Roman von Mariana Leky [Luna Wedler spielt darin eine der Hauptrollen, Anm. d. Red.]. Dieser Film ist für mich ein ehrlicher Spiegel des Lebens, wenn wir aufhören würden zu versuchen, immer so perfekt zu sein. Die Dorfbewohner nehmen sich alle so, wie sie sind, und sind füreinander da. Niemand wird verurteilt. Schlussendlich sind wir alle auf unsere Art einzigartig, aber eben auch einfach Mensch.
Frage:Der wichtigste Rat, den Sie jungen Schauspielerinnen mitgeben würden?
Seid und bleibt neugierig, und vor allem: Vertraut immer eurer Intuition.
Luna Wedler
Geboren 1999 in Zürich, debütierte Luna Wedler in Niklaus Hilbers Ensemblefilm «Amateur Teens» (2015). International bekannt geworden ist sie dann im Spielfilmdebüt von Lisa Brühlmann: In «Blue My Mind» (2017) machte sie als junge Frau eine verstörend märchenhafte Transformation durch, beim Schweizer Filmpreis wurde sie dafür als beste Darstellerin ausgezeichnet. Es folgte der Durchbruch auch in Deutschland mit grossen Rollen in «Je suis Karl», in der Miniserie «Ich bin Sophie Scholl» (beide 2021) oder zuletzt in der Literaturverfilmung «22 Bahnen» (2025).
Für ihre Rolle in Ildikó Enyedis «Silent Friend», der dieser Tage in den Schweizer Kinos startet, wurde sie letzten Herbst am Filmfestival in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet. An den Solothurner Filmtagen ist sie jetzt in Nicolas Steiners «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» zu sehen (vgl. Filmkritik).
«Silent Friend». Regie: Ildikó Enyedi. Deutschland / Frankreich / Ungarn 2025. Ab 22. Januar 2026 im Kino.