Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Wann haben Sie 
Ihren Beruf 
zuletzt verflucht? 
Fünfzehn Fragen an 
Bettina Oberli, Regisseurin 
von «Le vent tourne».

Interview: Florian Keller

Bettina Oberli

WOZ: Bettina Oberli, was ist Ihre frühste Kindheitserinnerung, die mit Kino zu tun hat?
Bettina Oberli: Ich lebte während der ersten Jahre auf der Südseeinsel Samoa, und dort gab es ein Kino, wo jeden Sonntag ein Film lief. An die Filme erinnere ich mich nicht, aber daran, wie wir alle auf Matten am Boden sassen. Und wenn der typische Tropenregen einsetzte und laut auf das Wellblechdach trommelte, übertönte dieser hypnotisierende Lärm die Tonspur des Films, sodass man überhaupt nichts mehr davon hören konnte.

Der erste Schweizer Film, an den Sie sich erinnern können?
Die «Ueli»-Filme – wenn sie im Fernsehen liefen, schlossen meine Grosseltern jeweils ihren Tante-Emma-Laden und die Tankstelle und setzten sich mit uns vor das Gerät. Wir durften nicht reden oder lachen oder Fragen stellen. Es war eine sehr ernste Angelegenheit.

Was halten Sie für das ärgerlichste Vorurteil über Schweizer Filme?
Dass die Dialoge peinlich seien und niemand so rede in Wirklichkeit. Erstens: Ja, manchmal zeigt ein Film nicht die Wirklichkeit, sondern will Fiktion sein. Und zweitens: Es mag ja immer wieder so sein, aber es vermag auch einiges über unseren sprachlichen Minderwertigkeitskomplex auszusagen.

Was war der beglückendste Moment während der Arbeit an Ihrem neusten Film, «Le vent tourne»?
Der Morgen nach der Eröffnungssequenz. Wir hatten die ganze Nacht gedreht, ein künstliches Gewitter, Regen, Blitze, Donner, aufgewühlte Kühe – wir hatten alle ziemlich Respekt davor. Und dann ging es sehr einfach, wir waren pünktlich fertig, und als wir im Auto nach La Chaux-de-Fonds sassen, ging über dem Jura die Sonne auf – ein unglaublich schönes Bild, das jede künstlich hergestellte Situation in den Schatten stellte.

Wann haben Sie Ihren Beruf zuletzt verflucht, und aus welchem Anlass?
«Le vent tourne» lief letzten Sommer auf der Piazza Grande in Locarno. Ich hatte mich sehr darauf gefreut. Und dann fing es mitten im Film an, sturzbachartig zu regnen. 7000 Leute mussten sich ins Trockene bringen und flohen – es war furchtbar. Ich hatte danach lange das Gefühl, dass der Film noch gar nicht richtig geboren worden sei, da ihn kaum jemand zu Ende gesehen hatte. Da fragte ich mich wirklich, was das Ganze eigentlich soll.

Wovon träumen Sie?
Immer wieder von Tieren – von Tigern und Rehen und Katzen und Hamstern. Keine Ahnung, ob das eine Bedeutung hat. Aber vielleicht ist es auch nur eine Kompensation dafür, dass ich zwar Tiere gerne mag, aber unter meinen Lebensumständen einfach keine halten kann.

Was macht Ihnen Angst?
Gerade arbeite ich an einem Kurzfilm für die Uno über den Klimawandel – die Recherche, die Beschäftigung mit dem Thema stimmen mich definitiv nicht optimistisch.

Von welchem Filmemacher, von welcher Filmemacherin haben Sie am meisten gelernt, sei das persönlich oder aus seinen oder ihren Filmen?
Das ist schwierig. Ich habe nicht ein klares Vorbild, sondern nehme eher etwas mit aus Begegnungen mit meiner Crew, mit Leuten, die nicht so im Vordergrund stehen. Die Auseinandersetzung mit Kamera, Ausstattung, Kostüm, Schnitt gibt mir viel Konkretes, und ich fühle mich mit diesen Leuten im schöpferischen Prozess sehr verbunden.

Bei welchem Film wären Sie wahnsinnig gerne Assistentin auf dem Set gewesen? Warum?
Bei Jane Campion auf dem Set von «The Piano». Es hätte mich interessiert, wie sie mit den Schauspielerinnen arbeitet, wie sie mit den unberechenbaren Umständen umgeht, wenn man im Urwald dreht. Für mich war das immer auch die Umkehrung zu «Apocalypse Now» von Francis Ford Coppola: hier der Kriegsfilm, da der Liebesfilm, und beide nähren sich aus der überwältigenden Natur und erzählen davon, wie man damit umgeht, ihr völlig ausgeliefert zu sein. Und wie man sie – auch die eigene Natur – gleichzeitig zu zivilisieren versucht.

Gretchenfrage: Truffaut oder Godard?
Truffaut, «Les Quatre Cents Coups» mit Jean-Pierre Léaud. Weil das der Anfang einer sehr langen und engen Beziehung zwischen Regisseur und Schauspieler war. Mehr kann man sich kaum wünschen.

Kinos sind ja auch Pilgerstätten. Wo steht das schönste Kino, das Sie je besucht haben?
Das Kino im Waldhorn in Rottenburg, südlich von Stuttgart. Der Besitzer zeigt stoisch und in einem wunderschönen Saal voller Stuckaturen und Kronleuchter Arthouse-Filme – in einer Umgebung, die nicht unbedingt filmaffin ist. Und er wird regelmässig dafür ausgezeichnet. Zu Recht.

Welche drei Filme würden Sie für die einsame Insel einpacken?
«Melancholia» von Lars von Trier, für das Zelebrieren der Schwermut. «Revolutionary Road» von Sam Mendes, für das Bewundern grosser Schauspielkunst. Und alle James-Bond-Filme, für die Unterhaltung.

Ihr peinlichster Lieblingsfilm? Und warum peinlich?
«Grease», der einzige Film, den ich auf VHS besessen habe. Ich sah ihn zig Male bei unseren Nachbarn, wir hatten selber keinen Fernseher. Peinlich, weil … Nein, eigentlich nicht peinlich. Einfach ein Musical.

Ein sträflich unterschätzter und/oder vergessener Film, für den Sie hier gerne ein bisschen missionieren würden?
«Tiere» von Greg Zglinski. Der Film oszilliert grossartig zwischen Traum, Realität, verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven und hat tolle Schauspieler. Zudem ist er wirklich lustig. Ein weiteres Vorurteil gegenüber Schweizer Filmen ist ja die mangelnde Erzähllust – hier fabuliert der polnisch-schweizerische Filmemacher, was das Zeug hält. Ich hätte dem Film ein viel grösseres Publikum gewünscht, immerhin lief er gut an Festivals.

Der wichtigste Rat, den Sie jungen Filmschaffenden mitgeben würden?
Suche dir immer Mitarbeiter, die besser sind als du. Und hab keine Angst davor, dass man dich nicht immer liebt. Gib alles, was du weisst, kannst, willst und liebst, in deine Arbeit, denn sie verschlingt überdurchschnittlich viel von deiner Lebenszeit und sollte das alles wert sein.

Bettina Oberli

Die Regisseurin Bettina Oberli, geboren in Interlaken, debütierte einst mit «Im Nordwind» (2004). Ihre Komödie «Die Herbstzeitlosen» (2006) ist immer noch der erfolgreichste Schweizer Film nach «Die Schweizermacher». Fürs Fernsehen realisierte die 46-Jährige zuletzt den Zweiteiler «Private Banking» (2017). Ihr neuster Kinofilm, «Le vent tourne», dreht sich um eine Aussteigerin (Mélanie Thierry) auf einem Hof im Jura. Als sie und ihr Mann eine Windturbine bauen lassen, gerät ihr Leben aus den Fugen. In Locarno wurde der Film mit dem Variety Piazza Grande Award ausgezeichnet.

«Le vent tourne». Regie: Bettina Oberli. In: Solothurn, Landhaus, Do, 24. Januar 2019, 20.45 Uhr, und Reithalle, So, 27. Januar 2019, 9.15 Uhr. Ab 31.  Januar 2019 im Kino.

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