Leser:innenbriefe
Nationaler Zusammenhalt
Massenentlassung bei der SRG: «Gegen wen würden wir uns denn wehren?», WOZ Nr. 48/25
Im Geschäftsjahr 2024 nahm die SRG in der Deutschschweiz 930 Millionen Franken ein. Davon wurden 370 Millionen – also vierzig Prozent – für den «nationalen Zusammenhalt» an die Romandie (RTS: 115 Millionen), an die italienische (RSI: 235 Millionen) und die rätoromanische Schweiz (RTR: 20 Millionen) umverteilt. Ist es tatsächlich die Aufgabe des Gebührenzahlers, für den «nationalen Zusammenhalt» zu sorgen?
Anstatt für Sendungen, die ich regelmässig hörte und die nun gestrichen wurden («Kontext», «Wissenschaftsmagazin»), wird ein Grossteil meiner Gebühren für den «nationalen Zusammenhalt» verwendet. Wäre dies nicht die Aufgabe des Bundes? Aber Bundesrat Rösti und die wackeren Patrioten mit ihren Hellebarden haben nichts anderes im Sinn, als die SRG zu schwächen: 900 Stellen sollen bei der SRG bis 2029 gestrichen werden, um 270 Millionen einzusparen. Damit kein Missverständnis aufkommt: Es geht hier nicht darum, den anderen Sendern RTS, RSI und RTR die Finanzierung zu entziehen, aber den «nationalen Zusammenhalt» soll bitte der Bund übernehmen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Urs Lehmann, Basel
Verdrehungen
«Im Réduit-Staat», Teil 1 und Teil 2, WOZ Nrn. 47/25 und 48/25
Das Réduit war die optimale Variante einer gotthardzentrierten Rundumverteidigung. Ihr Vorteil war, dass sie verhinderte, dass es zum Kampf kam. Ein solcher hätte die Gotthardtransit-Kohleversorgung des deutschen Achsenpartners Italien während Monaten strategisch entscheidend vermindert. Strom wurde damals in Italien primär aus Kohle erzeugt. Dass dies kein Zufall ist, wird im vom deutschen Generalstab zur Eroberung der Schweiz erstellten Operationsentwurf «Tannenbaum» sichtbar. Dort ist zu lesen: «Er (gemeint ist der Stabsoffizier Menges) ging davon aus, dass das Schweizer Heer so zu zerschlagen sei, dass ein Ausweichen ins Hochgebirge und ein geführter Widerstand (Réduit) unmöglich werde.»
Peter Schleuss, Winterthur
Was jetzt auskommt, sind die monströsen Pläne des damaligen Bundesrates und Generalstabes: Es sollte beim Rückzug des Militärs ins Réduit ein Chaos hinterlassen werden. Will heissen, verzweifelte Zivilisten, deutlicher: Frauen und Mütter und Kinder. Die sollten Stolpersteine für den vorrückenden Feind sein. Lebensmitteldepots zerstört, überall Verzweiflung. Der Frauenbund wurde netterweise vom Militär vorgewarnt: Die Frauen müssten sich darauf vorbereiten, dem Feind ausgeliefert zu sein, weil ihre Männer andernorts wichtige Aufgaben hätten und sie nicht beschützen könnten. Aber für die Männer sei es auch schwer. Und schon damals wurde Propaganda gezielt eingesetzt. Nicht auf den Feind gerichtet, sondern auf die Liebsten daheim. Nach Ende des Krieges änderte die Stossrichtung der Propaganda. Arbeiter, Gewerkschafter und Linke wurden jahrzehntelang diffamiert, als Volksfeinde hingestellt. Und den wahren Volksverrätern, was passierte denen? Kriegsgewinnler wie Bührle wurden hofiert – Nachwirkungen bis heute. Heute wird über Fake News und die Folgen geredet. War irgendjemandem bewusst, dass die Schweizer Bevölkerung ebensolchen Verdrehungen ausgesetzt war und bis jetzt, achtzig Jahre nach dem Krieg, drei Generationen später, nie erfuhr, wie ihr mitgespielt wurde?
Christina Dolderer, per E-Mail
Man stelle sich einmal die Situation in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs vor. Ringsum war Krieg. Alle hatten Angst. Die deutsche Militärmaschine eroberte fast ganz Europa in wenigen Tagen, tötete brutal Hunderttausende Soldaten, Widerstandskämpfer und Zivilisten. Schweizer Soldaten standen an der Grenze oder bauten Festungen in den Alpen und hatten wahrscheinlich ziemlich Schiss.
Die Strategie war, einen Angriff der Deutschen zu verhindern und eine Selbstständigkeit zu erhalten, so gut es geht. Man wusste: Gegen Hitler-Deutschland hat die Schweiz keine Chance. Dieses Ziel versuchte man mit verschiedenen Mitteln zu erreichen. Durch A…kriecherei, Zusammenarbeit, Dienstleistungen und Abschreckung. Es sollte Hitler-Deutschland möglichst schwerfallen, eine freie Verbindung zwischen Nord und Süd freizukämpfen, und so sollte ein Angriff auf die Schweiz für die Deutschen weniger attraktiv werden. Das war die grösstmögliche Abschreckung in Zeiten schwerer Not.
Hatto Schmidlin, per E-Mail