Kost und Logis: Wenn Frauen sichtbar werden

Nr. 42 –

Ruth Wysseier über den blinden Fleck bei Wikipedia

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Stellen Sie sich vor, Sie starten ein Forschungsprojekt, um herauszufinden, welchen Beitrag Frauen zur Entwicklung der Menschheit geleistet haben. Zur Verfügung stehen Ihnen sämtliche Archive der Welt, alle Dokumente seit Erfindung der Schrift. Sie werden feststellen, dass gerade mal nullkommafünf Prozent aller Aufzeichnungen von Frauen handeln. Da ist es doch schon fast tröstlich, dass bei Wikipedia, der Enzyklopädie unserer Zeit, auf der deutschsprachigen Seite immerhin ganze sechzehn Prozent der Biografien Frauen betreffen.

Einer von den Millionen Namen, auf den sie bei ihrer Suche auf Wikipedia (noch) nicht stossen werden, ist der von Namita Banka. Sie hat die indischen Hygienestandards und sanitären Anlagen revolutioniert. Noch vor zwei Jahrzehnten hatten hundert Millionen Haushalte in Indien keine Toilette; sechzig Prozent der Menschen defäkierten im Freien. Auch die indische Bahn, die täglich zwanzig Millionen Leute transportiert, hatte fast keine Toiletten. Namita Banka begann im Jahr 2008, kostengünstige Biotoiletten zu entwickeln, die sehr wenig Unterhalt brauchen. Ihre Firma hat bis heute 30 000 solche WCs in ländliche Gebiete geliefert und rüstete die Bahn damit aus. Das Werk einer einzigen initiativen Frau, die heute Tausend Mitarbeitende beschäftigt.

Dieses Beispiel erzählt die Schriftstellerin und Aktivistin Sandi Toksvig aus Cambridge, die eine Alternative zu Wikipedia lancieren will. Sie kämpft dafür, dass Geschichten von Frauen sichtbar und aufgezeichnet werden und so andere Frauen inspirieren.

Seit ein paar Monaten, genau genommen, seit ich zum Thema unsichtbare Frauen Material sammle, liefert mein Insta-Feed immer mehr Beiträge über Frauen, die Grossartiges geleistet haben, aber unbekannt sind. Es erstaunt natürlich kaum, dass Papiertüten mit flachem Boden, der Melitta-Kaffeefilter, der Geschirrspüler, der Gasofen, die Scheibenwischer oder, um zu obigem Thema zurückzukommen, der WC-Papierrollenhalter von Frauen erfunden wurden. Aber es gibt auch die zahllosen naturwissenschaftlichen Forscherinnen, Erfinderinnen, Pionierinnen, deren Anträge für Forschungsgelder systematisch übergangen wurden oder denen Chefs oder Kollegen die Lorbeeren stahlen.

Es ist zum Verzweifeln oder besser, um Toksvigs Beispiel zu folgen, zum Die-Ärmel-Hochkrempeln. Vor zehn Jahren wurde das gemeinschaftliche internationale Projekt Women in Red (WiR) lanciert, das die Repräsentation von Frauen auf Wikipedia verstärkt. Und weil der blinde Fleck nicht nur den Gender Gap allgemein betrifft, veranstaltet WiR auch thematische Monate, etwa zu Women of Color, zu indigenen Frauen oder Frauen aus Mikrostaaten. In der Schweiz gibt es zweimal jährlich einen unterdessen breit unterstützten Marathon (ETH, Ringier, Somedia), bei dem Frauen gemeinsam Einträge verfassen. Der nächste findet am 25. November statt (editathon.ch).

Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee.