Sachbuch : Polarisierung nach Gutsherrenart
Ein neues Buch nimmt das rechtspopulistische Unternehmertum ins Visier – und hinterfragt gängige Deutungen der autoritären Wende.
Wenn vom Aufstieg der Rechten die Rede ist, wird meistens über die Motive der Wähler:innen entsprechender Parteien nachgedacht: Protestieren sie gegen die sozialen Folgen der Globalisierung? Warum fühlen sie sich politisch nicht mehr repräsentiert? Wehren sie sich in einem kulturellen «Backlash» gegen die Liberalisierung der Gesellschaft? Im Sammelband «Oben rechts» versucht Herausgeber Heinrich Geiselberger, die Perspektive zu wechseln und sich stattdessen mit den «politischen Unternehmern» zu beschäftigen, die den Aufbau der neuen Rechtsparteien massgeblich vorangetrieben haben.
Augenfällig ist ja, dass der Rechtspopulismus in vielen Ländern ohne diese Unternehmer kaum entstanden wäre oder dass er zumindest massgeblich von ihnen befeuert wird: Zu denken wäre an Silvio Berlusconi in Italien, Christoph Blocher in der Schweiz, Andrej Babiš in Tschechien, Vincent Bolloré in Frankreich oder den Mövenpick-Milliardär August von Finck, der vom Schweizer Steuerexil aus die neue deutsche Rechte finanzierte. Gemein ist ihnen, dass sie neoliberale oder libertäre Positionen mit einem reaktionären Konservativismus verbinden.
Milliardäre gegen die Eliten
Um dieses Phänomen zu erklären, hat Geiselberger, der als Lektor im Suhrkamp-Verlag arbeitet, sehr unterschiedliche Autor:innen zusammengebracht. Der Journalist Tobias Moorstedt fährt zur Lokalrecherche bei Familienunternehmen ins fränkische Baden-Württemberg. Die US-Literaturwissenschaftlerin Moira Weigel geht der Geschichte des «elitären Anti-Elitismus» von US-Milliardären und ihren deutschen Nachahmern nach. Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher erzählt, wie aus Pierre Poujades französischer Steuerverweigerungspartei der Rechtsextremismus Jean-Marie Le Pens hervorging.
Die Aufsätze der australischen Feministin Melinda Cooper und des belgischen Historikers Anton Jäger stechen besonders hervor. Cooper machte 2024 mit ihrem Buch «Counterrevolution» Furore, in dem sie den Siegeszug der neoliberalen Austeritätspolitik als konservative Gegenrevolution analysierte. In ihrem Beitrag «Der Familienkapitalismus und die Revolte der Kleinunternehmer» entwickelt sie nun die These, dass der Erfolg der US-Rechten auch damit zu tun habe, dass diese während der Immobilienkrise eine eigene Kapitalismus-«Kritik» entwickelt habe. Trump sei allerdings nicht primär von der Arbeiterklasse gewählt worden, die zum Opfer der Deindustrialisierung geworden war.
Die Basis der neuen Rechten sei vielmehr das rasant gewachsene Milieu der Selbstständigen: «Die Tea Party entstand nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes im Jahr 2007 und richtete sich gegen eine verwirrende Vielzahl von Feinden, von Banken, die Subprime-Hypotheken vergeben hatten, über Arbeitslose und Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes bis hin zu Investmentbanken und Grosskonzernen.» Gemein hatten diese Gruppen, zumindest aus Perspektive der neuen Rechten, dass sie auf irgendeine Weise von staatlicher Unterstützung abhängig waren – «sei es in Form von Sozialleistungen, staatlich finanzierten Löhnen oder staatlichen Rettungsaktionen für strauchelnde Banken und Konzerne».
Wie der historische Faschismus werde auch die neue Rechte von einem klassenübergreifenden Bündnis getragen, das nach Cooper vom selbstständigen Handwerker bis zu Milliardären wie Elon Musk reicht. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Unternehmen wie patriarchale Gutshöfe führen wollen und sich jede Einmischung von der Politik oder den eigenen Beschäftigten verbitten. Hier erschliesst sich dann auch der «antiwoke» Charakter der Bewegung: Mit der Kritik an anonymen Aktiengesellschaften geht die Verteidigung eines Weltbilds einher, in dem allein Männer das Sagen haben. Unternehmertypen wie Musk, Peter Thiel oder auch Donald Trump nehmen ihre patriarchale Familienideologie mit in die Wirtschaft.
Chancen für die Linke
In der These etwas weniger zugespitzt, aber ebenfalls sehr lesenswert ist der Beitrag des in Oxford lehrenden Historikers Anton Jäger. In seinem Aufsatz «Trumpismus als vierte Spielart kapitalistischer Ausnahmeherrschaft» diskutiert er den neuen Rechtspopulismus mittels älterer linker Faschismustheorien. Dabei meint Jäger einen Bruch im Lager des Kapitals zu erkennen, nämlich zwischen traditionellen Konzernen und den aufsteigenden «libertären Patrimonialisten». Letztere, also Unternehmertypen wie Musk, würden «angesichts ihrer gestärkten Position und der fortgesetzten Niederlage der Arbeiterbewegung» keine Notwendigkeit mehr sehen, Kompromisse mit den Beschäftigten einzugehen.
Der Aufstieg der Rechten hat für Jäger deshalb weniger mit Entwicklungen in der unteren Hälfte der Gesellschaft als vielmehr mit einer Polarisierung oben zu tun. Der Trumpismus zeuge von einer Radikalisierung der Vermögenden. Genau das, so der belgische Historiker, sei jedoch auch eine grosse Chance für die Linke. Sie müsse sich bewusst machen, «wie klein am Ende die gesellschaftliche Gruppe ist, die mit ihrer rohen ‹Bürgerlichkeit› und ihrem paläokonservativ-libertären Programm ganze Gesellschaften nach oben rechts vor sich hertreibt, und wie gross im Gegenzug die Gemeinsamkeiten zwischen den anderen Klassenfraktionen sind». ●