Licht im Tunnel: Alles ist vergiftet

Nr. 9 –

Michelle Steinbeck über Milch, Luft, Olivenbäume

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Wieder wird in Babynahrung Gift gefunden. Und in den Kommentarspalten zerfleischen sich die Mütter gegenseitig. Statt die Konzerne in die Verantwortung zu nehmen, werden diejenigen beschuldigt, die ihren Babys so etwas kaufen. Stillen, so der Trollinnenton, sei schliesslich reine Willenssache. Selber schuld, wenn du es zu wenig willst: Dann musst du auch in Kauf nehmen, dass dein Baby von Formula krank wird. Dieses Phänomen zieht sich durch das Thema Mutterschaft – es beginnt spätestens bei der Geburt, wo PDA oder Kaiserschnitt als «the easy way out» verurteilt werden. Abgesehen davon, dass solche Behauptungen unsinnig sind, scheint es für eine Mutter allgemein das schlimmste Verbrechen zu sein, sich etwas «leicht» zu machen. Statt Solidarität unter Müttern dominiert die Erzählung: Ich habe gelitten, also sollst du es nicht besser haben.

Im Übrigen ist nicht einmal Muttermilch mehr heilig – auch sie ist mit Umweltgiften belastet. Wie näselte Jan Delay schon in meiner Jugend: «Alles ist vergiftet.» Heute ist die Timeline voll von dramatischen Warnungen: Asbest in Spielsand für Kinder. Weichmacher in Nuggis. Schimmel in Milchersatzprodukten, ja eigentlich in allen Getreiden, als Folge von Monokulturen und Klimawandel. Und so weiter und so fort.

In der Schwangerschaft wurde mir selbst das Atmen zum Verhängnis. Die Luft in Mailand, wo ich für eine Recherche hingefahren war, hing so seltsam diesig-gelb. Die Erklärung dafür versetzte mich in Panik: Die Luftverschmutzung der Umgebung zählte gerade zu den schlimmsten – weltweit. Die Wetter-App zeigte Alarmstufe rot; laut SRF galt gerade, wie fast jeden Winter in Mailand, der Aufruf, «möglichst nicht nach draussen zu gehen». Die Milanes:innen zeigten sich wenig beeindruckt vom «Nebel», wie sie den Smog liebevoll nannten. Der komme von den Bergen, und in Indien sei es überhaupt viel schlimmer, aber dort werde eben nicht gemessen. Dass sich Italien nicht an die europäischen Grenzwerte für Abgase hält, wird nicht erwähnt. Auch Mailands Bürgermeister liess verlauten, dass er nicht an die Messdaten glaube.

Wie die politische Untätigkeit angesichts der zunehmenden Umweltkatastrophen auch das gesellschaftliche Klima weiter vergiftet, zeigt eine Studie der Universitäten Bocconi und Texas. Nach dem grossen Olivenbaumsterben in Apulien, ausgelöst durch das sogenannte Feuerbakterium, wurde besonders in Gebieten, die von der öffentlichen Infrastruktur abgeschnitten sind, ein Anstieg der Wahlbeteiligung verzeichnet – profitiert hat dabei nur die extreme Rechte. Das linke Wirtschaftsmagazin «Surplus» schreibt von einem «Teufelskreis der Verelendung»: «Als Reaktion auf ökologische Krisen wählen abgehängte Orte zunehmend extrem rechts, deren Politik wiederum – aller Voraussicht nach – die Krisenursachen nicht bekämpfen, sondern verstärken wird.»

Auweia, und in diese Apokalypse habe ich Kinder gesetzt: Dieser Gedanke gehört wohl zum Elternsein. Statt ihn zu verdrängen, sollten wir gemeinsam, solidarisch Verbesserung suchen. So schliesst «Surplus» seinen Artikel mit den Hoffnungen, die EU-Projekte zur Eindämmung und zur Verhütung des Feuerbakteriums wecken. Eine betroffene Landwirtin spricht von der «Möglichkeit, unsere Landschaften neu zu denken, […] durch Experimente und gemeinsames Lernen wiederzubeleben. Darin liegt auch eine riesige Chance.»

Michelle Steinbeck ist Autorin. Die schönen Früchte der Recherche in Mailand befinden sich in der Druckerei und kommen demnächst auf den Markt.